Bildungsbericht 2026

Dieselbe Leistung schlechter bewertet

Ob mit Noten oder in Worten, Lehrpersonen bewerten nicht alle Kinder nach demselben Massstab. Verzerrte Bewertungen beeinflussen deren Chancen. Abhilfe schaffen können vergleichende Tests und ein geschärftes Bewusstsein.

Deutschsprachige Mädchen erhalten im Vergleich zu fremdsprachigen Knaben für gleiche Leistungen bessere Noten.

Früher oder später werden in der Schule Leistungen beurteilt. Darum kommen weder Schülerinnen und Schüler noch Lehrpersonen herum. Oft geschieht dies mit Tests, die mit Noten bewertet werden. Der im März herausgekommene neue Bildungsbericht lässt daran keine Zweifel aufkommen: In den allermeisten Kantonen gehören ab der Mittelstufe Zeugnisse mit Noten dazu. Davor setzen viele auf Lernberichte ohne Noten. Im Bericht wird darauf hingewiesen, dass es bei Noten zu systematischen Verzerrungen kommen kann. Andere Beurteilungsformen änderten daran jedoch nichts: Man müsse davon ausgehen, dass dies auch bei alternativen Methoden so wäre.

Die Daten zeigen, dass Noten systematisch mit Merkmalen wie Geschlecht und Sprachhintergrund zusammenhängen: Deutschsprachige Mädchen werden bei derselben Leistung besser bewertet als fremdsprachige Knaben. Nimmt man nur jene Mädchen aus den leistungsschwächsten Klassen und jene Knaben aus den leistungsstärksten, klafft die Bewertung noch stärker auseinander, nämlich um mehr als eine halbe Note – und dies, wie erwähnt, bei objektiv betrachtet vergleichbarer Leistung (siehe Grafik). Ähnliche Untersuchungen gibt es laut Oggenfuss auch für andere Kantone, etwa Genf oder Tessin.

Folgen für weiteren Bildungsverlauf

Im Bildungsbericht wird auf die Folgen solcher Verzerrungen aufmerksam gemacht: Aus der internationalen Forschungsliteratur sei bekannt, dass überbewertete Schülerinnen und Schüler lange davon profitierten. Sie erhielten beispielsweise eher Zugang zu anspruchsvolleren Ausbildungen. Wer unterbewertet werde, leide auch später darunter. Betroffene Personen würden tiefere Leistungen erbringen und seltener eine tertiäre Ausbildung absolvieren. Oggenfuss sagt dazu gegenüber BILDUNG SCHWEIZ: «Es ist nicht überraschend, dass Beurteilungen Konsequenzen für den weiteren Bildungsverlauf haben.»

Stereotype beeinflussen Leistungserwartungen.

Diesen Effekt könnten gemäss Bildungsbericht standardisierte externe Leistungsmessungen mildern. In der Nordwestschweiz, also auch in Basel, gibt es mit dem sogenannten «Check» ein solches Instrument. Allerdings genügt dies nicht: Damit Lehrpersonen ihre individuellen Vorurteile und damit verbundene Leistungserwartungen erkennen, müssen die Resultate gezielt ausgewertet und Lehrpersonen individuell «auf ihre Verzerrungen» hingewiesen werden. Bekannt sind etwa Stereotype zum Geschlecht, zur Sprache oder zu Familiennamen. Laut Oggenfuss wäre zudem zu untersuchen, ob auch eine niederschwellige Massnahme wie die anonymisierte Korrektur von Prüfungen beispielsweise durch eine andere Lehrperson Verzerrungen verringern könnte.

Beiträge zum Bildungsbericht 2026

Im Webmagazin bildungschweiz.ch werden in den folgenden Wochen verschiedene Beiträge zu einzelnen Themen aus dem Bildungsbericht publiziert.
Schon erschienen: 

«Digitalisierung bleibt ein wichtiges Thema»

«Trotz angespannter Lage auf dem Arbeitsmarkt viele Kleinpensen»

«Fremdsprachige werden viel häufiger separiert»

Der Schweizer Bildungsbericht erscheint alle vier Jahre. Er zeigt seit 20 Jahren Entwicklungen im Schweizer Bildungswesen und beleuchtet diese anhand aktueller Forschungsarbeiten und statistischem Datenmaterial. Herausgegeben wird der Bericht von der schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung, und zwar im Auftrag von Bund und Kantonen. Der Bildungsbericht liefert Steuerungsdaten zuhanden der Entscheidungsträgerinnen und -träger, aber keine Handlungsanweisungen für konkrete Situationen. Der jüngste Bildungsbericht ist am 23. März 2026 erschienen. Seither ist er digital verfügbar.

Mehr Informationen: skbf-csre.ch

Anhand einer Auswertung von Noten im Fach Deutsch zeigt die Mitautorin des Bildungsberichts, Chantal Oggenfuss, auf, welches Ausmass diese Verzerrung annehmen kann. Sie hat dazu Zeugnisnoten von Jugendlichen aus dem achten Schuljahr, also der zweiten Klasse der Sekundarstufe I, mit Ergebnissen standardisierter externer Leistungsmessungen verglichen. In die Analyse eingeflossen sind Daten von 3500 Schülerinnen und Schülern aus drei aufeinanderfolgenden Schuljahren im Kanton Basel-Stadt. 

Kommentar von Beat A. Schwendimann:  «Mit dem Bildungsbericht allein ist noch nichts gewonnen», LCH.ch

Familie spielt ebenfalls eine Rolle

Das Ziel eines Bildungssystems muss Chancengerechtigkeit sein. Das heisst, dieselbe Leistung sollte auch vergleichbare Chancen eröffnen. Nebst der gerade beschriebenen Problematik sorgt auch der Familienhintergrund dafür, dass dem längst nicht immer so ist: Kinder aus sozioökonomisch besser gestellten Kreisen profitieren davon, zum Beispiel durch gezielte Förderung vor Übertrittsprüfungen. 

Dieser Effekt ist laut Bildungsbericht «besonders problematisch», wenn der Einfluss der sozialen Herkunft auf die individuelle Leistung überdurchschnittlich hoch ist und die durchschnittliche Leistung der Schülerschaft wiederum unterdurchschnittlich ausfällt. Gemäss einer Auswertung zu den Kantonen trifft diese Kombination am deutlichsten auf Basel-Stadt zu.

Strenge Bewertung stärkt Motivation

Interessanterweise fördern laut Bildungsbericht Lehrpersonen, die streng bewerten, die Motivation ihrer Schülerinnen und Schüler. Das trifft sogar auf jene zu, die zu den schwächeren in der Klasse gehören. Darauf angesprochen ergänzt Oggenfuss, dass eine strengere Beurteilung tendenziell mit einer höheren Leistung einhergehe. Untersucht habe man den Effekt auf der Basis standardisiert gemessener Schulleistungen. Der Befund müsse unabhängig von Verzerrungen bei Noten betrachtet werden, betont sie.

Abstriche bei der Qualifikation des Lehrpersonals

Zwar zeichnet sich aufgrund demografischer Szenarien ein baldiges Ende des Lehrpersonenmangels ab. Weil in den Kantonen in den vergangenen Jahren Personen ohne Lehrdiplom eingestellt worden sind, wird diese Phase aber nachwirken. Zudem sind Bestrebungen im Gang, die Zugangshürde an die pädagogischen Hochschulen (PH) zu senken. Im Kanton Bern wurde die Zusatzprüfung zur Berufsmatur bereits abgeschafft, ein politischer Vorstoss, der diese Hürde in allen Kantonen abschaffen will, ist im Bundesparlament hängig. Der neue Bildungsbericht geht an verschiedenen Stellen auf diese Problematik ein.

Insgesamt fehlen jedoch sowohl Zahlen zum ungenügend ausgebildeten Personal an Schulen als auch zum erleichterten Zugang an die PH. Lehrpersonen ohne Diplom werden an der obligatorischen Schule in 18 Kantonen nur befristet und mit Lohnabzug angestellt. In weiteren 4 Kantonen arbeiten sie zwar auch befristet, aber zum vollen Lohn. Aargau, Bern und Luzern stellen solches Personal sogar unbefristet an, aber mit niedrigerem Lohn. 3 Kantone verzichten auf Lehrpersonen ohne Diplom.

Was die niedrigere Zulassungshürde für das PH-Studium bedeuten wird, kann laut Bildungsbericht noch nicht abgeschätzt werden. Zwei Indikatoren liefern aber Hinweise: Ein Vergleich der Mathematikkenntnisse offenbart, dass die Kenntnisse bei Berufsmaturandinnen und -maturanden tiefer liegen als bei PH-Studierenden mit gymnasialer Matur oder Fachmatur. Bei einem Vergleich der Erfolgsquoten beim Ausbildungsabschluss zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Dort weichen Studierende mit der Vorbildung Berufsmatur positiv vom Mittelwert ab. Allerdings haben sie vor dem Ausbildungsantritt die bisher überall zwingende Aufnahmeprüfung abgelegt.

Autor
Christoph Aebischer

Datum

30.04.2026

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