Bildungsbericht 2026

Fremdsprachige werden viel häufiger separiert

Wer eine andere Sprache spricht als jene, in der unterrichtet wird, landet häufiger in separativen Klassen. Im neuen Bildungsbericht wird dies kritisiert. Die Auswirkungen reichen über die Schule hinaus.

Eine Frau sitzt mit einigen Kindern unterschiedlicher Herkunft zusammen.
Kinder, die zuhause eine andere Sprache sprechen als jene im Unterricht, werden häufiger in Sonderklassen beschult. Foto: iStock/FatCamera

Es gibt viele Ursachen, weshalb eine Schülerin oder ein Schüler dem Unterrichtsstoff nicht folgen kann. Wenn möglich, bleiben sie aber dennoch in der Regelklasse. Das jedenfalls ist die Idee der integrativen Schule. In der Realität geht es aber nicht ohne separative Angebote. Aktuell wird in der Öffentlichkeit darüber debattiert, wie diese beiden Förderungsarten zusammenspielen sollen. Der am 23. März erschienene Bildungsbericht geht ausführlich und an mehreren Stellen auf die Thematik ein.

Grosse Unterschiede bei Separation

Zuerst werden Begriffe geklärt: Unterschieden werden Sonderschulklassen, Sonderklassen und individuelle Massnahmen. Sonderschulklassen sind nicht Teil der Volksschule. Kinder, die Sonderschulklassen besuchen, werden ausgeschult. Für Kinder in Sonderklassen gilt dies nicht. Sie werden aber in Förder-, Einschulungs-, Kleinklassen oder Klassen für Fremdsprachige zusammengefasst und dort speziell gefördert. Wer individuell unterstützt wird, bleibt in der Regelklasse. Die Unterstützung kann als sonderpädagogische Massnahme, mit reduzierten Lernzielen oder mit beidem erfolgen.

Beiträge zum Bildungsbericht

Im Webmagazin bildungschweiz.ch werden in den folgenden Wochen verschiedene Beiträge zu einzelnen Themen aus dem Bildungsbericht publiziert.
Schon erschienen:

«Digitalisierung bleibt ein wichtiges Bildungsthema»

«Trotz angespannter Lage auf dem Arbeitsmarkt viele Teilpensen»

Die Zuteilung in eine dieser Optionen hat sehr unterschiedliche Auswirkungen auf die Bildungskarriere der betroffenen Schülerinnen und Schüler. Diesem Aspekt geht der Bildungsbericht vertieft nach. Zahlen aus Sonder- und Regelschulen der obligatorischen Schule offenbaren schon bei der Zuteilung eine problematische Seite: Fremdsprachige Kinder erhalten deutlich häufiger separative Massnahmen. Sie haben mehr als doppelt so häufig reduzierte Lernziele wie Schweizerinnen und Schweizer. Sie werden vor allem auch viel häufiger Sonderklassen zugeteilt (siehe Grafik). 

Insgesamt zeigt sich laut Autorinnen und Autoren des Bildungsberichts, dass nicht nur der Migrationshintergrund eine zentrale Rolle spielt, sondern auch die Erstsprache. Während die Zuteilung in Klassen für Fremdsprachige nachvollziehbar sei, «sollte die Erstsprache bei der Zuteilung in Sonderschulen keine Rolle spielen».

Der Weg zurück ist steinig

Weshalb diese Befunde schwer wiegen, zeigt sich am weiteren Verlauf der Schulzeit: Mit zunehmendem Alter wird die Rückkehr in die Regelschule schwieriger. Wer auf der Unterstufe in einer Einführungsklasse ist, wo man die Unterrichtssprache erlernt, hat zwar insgesamt intakte Chancen. Wer in der Oberstufe eine Sonderklasse besucht, kehrt hingegen nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 28 Prozent zurück in die Regelklasse. Wer eine Sonderschule besucht, bleibt sogar meist bis ans Ende seiner Schulzeit dort, wie eine Auswertung im Bildungsbericht zeigt: Nur gerade fünf Prozent gelingt vor dem Schulaustritt noch der Übertritt in eine Regelklasse.

An anderer Stelle wird im Bildungsbericht an Forschungsarbeiten erinnert, welche die Wirkung der integrativen Beschulung evaluierten: Inklusive Schulen mit heterogenen Klassen schneiden gemäss diesen Ergebnissen sowohl bei den schulischen Leistungen als auch bei der späteren Integration in den Arbeitsmarkt besser ab als separative Schulformen. Dies gilt für Kinder mit Förderbedarf ebenso wie für besonders begabte.

Eine gleichmässige Verteilung reduziert potenziell negative Auswirkungen auf Mitschülerinnen und Mitschüler und beeinflusst die Schullaufbahn der Kinder mit besonderen Massnahmen positiv.

Die aktuellen Diskussionen um die Tragbarkeit der integrativen Schule sind aber auch den Autorinnen und Autoren des Bildungsberichts von der Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) nicht entgangen. Wie sie betonen, hängen die erwähnten positiven Wirkungen mit der Verteilung von integrierten Kindern ab. 

In der Bildungsforschung konnte nämlich auch gezeigt werden, dass ab einem Anteil von 20 Prozent die positiven Effekte ins Negative kippen. Darum müsse eine möglichst gleichmässige Verteilung angestrebt werden. Dies wiederum würde sowohl «potenziell negative Auswirkungen auf Mitschülerinnen und Mitschüler reduzieren als auch die Schullaufbahn der Kinder mit besonderen Massnahmen selbst positiv beeinflussen».

Die Umsetzung der integrativen Schule unterscheidet sich im 15. Jahr nach dem Inkrafttreten des Sonderpädagogikkonkordats von Kanton zu Kanton – und damit auch der Anteil von integrierten Schülerinnen und Schülern. Er reicht je nach Kanton von knapp 80 Prozent bis zu wenigen Prozentpunkten.

Schweizer Bildungsbericht 2026

Der Bildungsbericht erscheint im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) sowie der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK). Er erscheint alle vier Jahre und vereint Daten und Erkenntnisse zum Schweizer Bildungswesen auf allen Schulstufen. Dabei werden auch Datenlücken und Forschungsbedarf aufgezeigt. Daneben vermittelt der Bericht einen Überblick über die gemeinsamen bildungspolitischen Ziele von Bund und Kantonen. Der Bildungsbericht 2026 ist die sechste Ausgabe. Bildungsbericht zum Download: skbf-csre.ch

Autor
Christoph Aebischer

Datum

09.04.2026

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