LEHRMITTEL

Niemand möchte zurück zum Monopol

Im Kanton Basel-Landschaft herrschte bis vor kurzem ein Lehrmittelzwang. Dann wurde die geleitete Lehrmittelfreiheit eingeführt. Diese kommt bei Lehrpersonen gut an und macht auch in anderen Kantonen Schule.

Die komplette Wahlfreiheit bei Lehrmitteln wäre für Schulen eher eine Überforderung, eine Auswahl hingegen bereichert sie. Illustration: Adobe Stock/Robert Kneschke

In diesen Tagen ist im Keller bei Lehrer David Steiner Bescherung, wie immer Anfang Juni. Ganze Bücherberge liegen da, auf zwölf Tischen für 24 Klassen verteilt, eine imposante Landschaft für die Lernreisen, die an der Sekundarschule Aesch (BL) in Planung sind. Und schon strömen sie herunter in den Materialraum der Schule, die Schülerinnen und Schüler des Zyklus 3, und nehmen mit, was es für den Unterricht braucht. Danach wird es ruhiger: Was noch folgt, sind Bestellungen von Lehrpersonen, die später zum Team gestossen sind.

David Steiner ist Materialchef der Sekundarschule Aesch. Bei ihm können die 60 Lehrpersonen neue Lehrmittel aus dem Webshop der kantonalen Lehrmittelliste bestellen. Sie ergänzen die älteren Medien, die im Materialraum auf ihren nächsten Einsatz warten oder direkt von Klasse zu Klasse wandern.

Lehrmittelkommission evaluiert

Die Lehrmittelliste versammelt die Lehrmittel, die im Kanton Basel-Landschaft zum Einsatz kommen dürfen. Sie bildet das Rückgrat der sogenannt geleiteten Lehrmittelfreiheit, die 2020 eingeführt wurde. Was in diese Liste aufgenommen wird, evaluiert eine Lehrmittelkommission, die aus Lehrpersonen beider Schulstufen sowie der Sonderpädagogik, Schulleitungsmitgliedern, Vertretungen des Amts für Volksschulen und weiteren Fachpersonen besteht. Sie analysiert und priorisiert gemeinsam mit weiteren Anspruchsgruppen den Bedarf aller Fächer und Stufen. Dann beschliesst sie, welche Lehrmittel eingehender geprüft werden. Das können auch Lehrmittel sein, die von Lehrpersonen vorgeschlagen wurden. Die Prüfung selbst obliegt dann Teams von zwei bis vier Lehrpersonen. Aufgrund ihrer Evaluationsberichte entscheidet die Lehrmittelkommission oder der vom kantonalen Parlament gewählte Bildungsrat über die Aufnahme in die kantonale Liste. Der gesamte Prozess dauert meist sechs bis zwölf Monate.

Für Lehrpersonen war die Situation früher einfacher. Sie hatten die von der Lehrmittelkommission geprüften Lehrmittel einzusetzen. Heute müssen sie selber herausfinden, mit welchen Medien sie arbeiten möchten. Für die Mathematik auf Sekundarstufe I etwa stehen ihnen nicht nur die drei Titel des «mathbuch» (Schulverlag plus/Klett und Balmer) zur Verfügung, sondern auch die Bücher zur «Mathematik 1–3» (Zürcher Lehrmittelverlag) und die Reihe «Mathematik kompetent» (Westermann). Das bringt den Lehrpersonen einerseits die Qual der Wahl. Anderseits – weil eine gewisse Harmonisierung innerhalb der Teams erwünscht ist – sollen sie sich mit Kolleginnen und Kollegen austauschen. Um diese Absprachen und Entscheidungen zu erleichtern, können Lehrpersonen die Lehrmittel zur Ansicht bestellen und testen. Zudem erstellt die Lehrmittelkommission Steckbriefe, die eine komprimierte, kriterienbasierte Beurteilung der Lehrmittel enthalten. Schliesslich hat der Kanton für alle Fächer auf Sek I Stofflehrpläne entwickelt. Sie definieren die Inhalte und Themen zur Erreichung der im Lehrplan 21 vorgeschriebenen Kompetenzen und schaffen Verbindlichkeit und Orientierung bei der Unterrichtsplanung.

«Der frühere Lehrmittelzwang hat viele frustriert.»

Billiger war es früher auch. 2015 gab der Kanton 665'000 Franken für Lehrmittel aus, im letzten Jahr 1,626 Millionen. Diese Steigerung geht allerdings nicht nur auf die geleitete Lehrmittelfreiheit zurück. Abgesehen davon hat auch die Zahl der Lehrmittel auf dem Markt stark zugenommen. Sie sind zudem oft für den einmaligen Gebrauch konzipiert oder enthalten digitale Zusatzmaterialien. Ebenso brachte die Umsetzung des neuen Lehrplans in der Sek l ab 2018 auch zahlreiche neue Lehrmittel, zum Beispiel in Hauswirtschaft, Biologie, Chemie, Physik, Geografie und Geschichte.

Haltung des LCH

Der LCH hat ein neues Positionspapier zur Lehrmittelfreiheit veröffentlicht. Hier sind die wichtigsten Punkte zu finden.

Basel-Landschaft: «Vorreiterrolle»

Trotz der Mehrarbeit ist das Modell der geleiteten Lehrmittelfreiheit bei den Lehrpersonen unbestritten. «Der frühere Lehrmittelzwang hat viele frustriert», sagt David Steiner. «Heute sehe ich niemanden, der zum alten Modell zurückwill. Die geleitete Lehrmittelfreiheit wird sehr geschätzt.» Diese Einschätzung teilt das Generalsekretariat der kantonalen Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion. Hier sieht man sich gar «schweizweit in einer Vorreiterrolle», wie es auf Anfrage mitteilt. Die Lehrmittelfreiheit stärke die berufsfachliche Verantwortlichkeit der Lehrpersonen, und die Schülerinnen und Schüler profitierten im Unterricht davon, dass die Lehrpersonen noch motivierter mit dem von ihnen gewählten Lehrmittel unterrichten können.

Beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) freut man sich über diese Haltung. Im neuen Positionspapier «Zeitgemässe Lehrmittel und Lehrmittelfreiheit als Schlüssel für differenzierten Unterricht» (siehe Seite 18) plädiert der Verband für das basellandschaftliche Modell. Der Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des LCH, Beat Schwendimann, sagt: «Die geleitete Lehrmittelfreiheit hält die Balance zwischen pädagogischem Gestaltungsspielraum und der Einhaltung der erforderlichen Kohärenz des Bildungssystems.» Erstere brauchen Lehrpersonen für eine professionelle und kreative Unterrichtsgestaltung. Letzteres ist nötig, damit die Schulbildung über die einzelne Klasse hinaus anschlussfähig ist.

Kantone gewähren mehr Spielraum

Aber so überzeugend die Lösung klingt – es gibt sie längst nicht überall. BILDUNG SCHWEIZ publizierte vor fünf Jahren eine Recherche über die Wahlmöglichkeit bei Lehrmitteln in 20 Kantonen der deutschen Schweiz. Die Übersichtstabelle mit 17 Fächern von Deutsch über Musik bis zu Medien und Informatik ist bunt: Je nach Fach und Kanton sind die Lehrmittel frei wählbar, alternativ-obligatorisch oder obligatorisch. Raphael Bieri, Geschäftsführer der interkantonalen Lehrmittelzentrale (ILZ), die den Lehrmittelmarkt beobachtet und Bedürfnisse abklärt, bestätigt: «Die Verhältnisse in den Kantonen sind unterschiedlich, auch heute noch. Insgesamt aber ist die Lehrmittelfreiheit in den letzten Jahren in vielen Kantonen gewachsen.» Ebenso sei das Angebot an Lehrmitteln, von wenigen Fächern wie Sport oder Musik abgesehen, erfreulich. Der Lehrmittelmarkt funktioniere.

«Wer Qualität will, muss Konkurrenz ermöglichen.»

Grosse Freiheit gewährt zum Beispiel Solothurn: Hier ist die Wahl der Lehrmittel heute in allen Fächern den Lehrkräften überlassen. Auf der anderen Seite steht Zürich mit einem derzeitigen Obligatorium in 9 von 22 Fächern. Die Berücksichtigung des eigenen Lehrmittelverlags Zürich setzt da gewisse Grenzen. In Zürich steht den Lehrpersonen im Fach Französisch zum Beispiel nur das Lehrmittel «dis donc!» zur Verfügung, während sie im Kanton Basel-Landschaft aus fünf Lehrmitteln auswählen können.

Als dort die geleitete Lehrmittelfreiheit eingeführt wurde, hatte dies für den Schulverlag Plus, der den Kantonen Bern und Aargau gehört und der die Französischlehrmittel «Mille feuilles» und «Clin d’œil» anbietet, einschneidende Folgen. Nachdem er während Jahren beim Französischlehrmittel ein Monopol hatte, entschieden sich nach 2020 die meisten Oberstufen-Lehrpersonen gegen «Clin d’œil». An der Sekundarschule Aesch etwa arbeiten nur noch drei Lehrpersonen damit, das sind 4 von 21 Klassen. Sekundarlehrer Philipp Loretz, Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland, sieht darin nur Vorteile. «Wer Qualität will, muss Konkurrenz ermöglichen.»

Autor
Daniel Fleischmann

Datum

02.06.2026

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