Auch Julian setzte eine Zeit lang auf Proteinshakes und trug alles, was er ass, in eine App ein. Er wollte die volle Kontrolle. Weil der Aufwand mit der Zeit aber zu gross wurde und er immer besser wusste, welche Nahrungsmittel «gut» für ihn seien, habe er mit dem intensiven Tracken aufgehört.
Doppelt so viel Protein wie nötig
Wie auffällig dieser Trend ist, zeigen die Ergebnisse einer Studie des Bundes über das Essverhalten von Schweizer Kindern und Jugendlichen. Sie wurde diesen Sommer veröffentlicht. Darin wurden 1852 Personen zwischen 6 und 17 Jahren nach ihren Essgewohnheiten befragt.
Bei den Ergebnissen sticht besonders ins Auge, wie viel Protein die Teilnehmenden zu sich nehmen. Empfohlen wird je nach Altersgruppe eine tägliche Zufuhr von 25 bis 54 Gramm. Sämtliche Untergruppen der Erhebung übertreffen diese Empfehlung.
Die unter Zehnjährigen nehmen noch am wenigsten Protein zu sich: Mädchen liegen bei 58 Gramm und Knaben bei 67 Gramm. Den Höchstwert der Befragten weist die Altersgruppe der 14- bis 17-jährigen Knaben auf. Sie nehmen durchschnittlich 96 Gramm Proteine zu sich, also das Doppelte der empfohlenen Höchstmenge.
Food-First-Ansatz
Ob diese Proteinzufuhr schädlich ist, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Wer bei der Ernährung aber zu sehr auf Proteinshakes setzt, läuft Gefahr, von anderen Nährstoffen zu wenig zu erhalten. Die Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin Pädiatrie Schweiz rät daher zu einem Food-First-Ansatz. Supplemente seien nicht notwendig.
Müssen Schulen in Zeiten zwanghafter Selbstoptimierung mehr Aufklärung bieten? Jill Lustenberger ist Mitglied der Kommission Wirtschaft Arbeit und Haushalt (WAH) des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz und im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Sie hält fest: «WAH ist verantwortlich für die Gesundheitsförderung, aber nicht direkt für die Krankheitsprävention.» Zudem sei die Schwelle zum krankhaften Sport- und Ernährungsverhalten fliessend.
«Das gemeinsame Essen eines Döners kann Zugehörigkeit und Autonomie bedeuten.»
Lustenberger unterscheidet bewusst zwischen Ernährung und Essen. Während es bei der Ernährung um die Nährstoffversorgung für eine physische Gesundheit geht, erfüllt das Essen auch psychologische, identitätsstiftende, soziale und kulturelle Funktionen.
«Gerade im Jugendalter kann das gemeinsame Essen eines Döners Zugehörigkeit und Autonomie bedeuten, auch wenn er aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht die ideale Wahl für jede Mahlzeit ist», sagt sie. Sie versuche Jugendliche zu einem möglichst selbstbestimmten, genussvollen, aber auch reflektierten Umgang mit Essen zu befähigen.
Hierzu gehöre auch das Vermitteln von Grundlagenwissen über Ernährung. Dieses hilft Jugendlichen, Ernährungstrends und unterschiedliche Informationen – etwa zur proteinreichen Ernährung – einzuordnen. Zudem sei wichtig, dass Jugendliche diese Informationen kritisch beurteilen können, um eine reflektierte Entscheidung zu treffen.
Perfekte Ernährung ist nicht erstrebenswert
Jugendliche sollen sich nicht vermeintlich perfekt ernähren, betont Lustenberger. Denn ein übermässiges Streben danach könnte beispielsweise eine Orthorexie begünstigen. Dabei handelt es sich um ein krankhaftes Verlangen nach gesunder Ernährung. Viel eher gehe es darum, abzuschätzen, was für sie, ihre Gesundheit und auch die Gesundheit des Planeten passend ist.
Für den Unterricht seien Inhalte aus den sozialen Medien laut Lustenberger gute Aufhänger, um über Ernährungstrends zu sprechen und diese einzuordnen. Das wecke auch das Interesse der Jugendlichen, denn damit sei die Schule nahe an ihrer Lebensrealität.
Interesse grundsätzlich positiv
Und wie sieht es mit exzessivem Sporttreiben aus? Zahlen des Fitness-Branchenverbands Swiss Active zeigen, dass die Mitgliederzahlen in Fitnesscentern im letzten Jahr um 5,8 Prozent zugenommen haben. Bereits im Jahr davor war der Zuwachs mit 4,7 Prozent beträchtlich.
Auch dem schweizerischen Verband für Sport an der Schule (SVSS) ist diese Entwicklung nicht entgangen. Im April veröffentlichte er eine Stellungnahme zum Thema Körperkult bei Jugendlichen. Darin heisst es, dass das Fitnessstudio nicht grundsätzlich kritisch betrachtet werden solle.
Der SVSS beurteilt das zunehmende Interesse von Jugendlichen an Fitness und Krafttraining sogar als grundsätzlich positiv. «Problematisch wird es jedoch, wenn der Fokus primär auf ästhetischen Idealen liegt.» So müsse das Krafttraining sicher, altersgerecht und gesundheitsorientiert sein.
Unproblematisch ist der Trend dennoch nicht. Der SVSS betont in seiner Stellungnahme auch die Risiken. Neben physischen Verletzungen und ernährungsbezogenen Risiken spielen hier auch die sozialen Medien eine Rolle. So könne es schwerfallen, zwischen Realität und inszenierten oder bearbeiteten Inhalten zu unterscheiden. Schlimmstenfalls komme es zu einer Körperdysmorphie, einer Wahrnehmungsstörung des eigenen Körpers, sowie zu zwanghaften Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Training und Ernährung.
Warnsignale für Lehrpersonen
Da die Grenze zwischen gesunder Ertüchtigung und zwanghaftem Workout verschwimmen kann, ist es für Lehrpersonen nicht einfach, dies richtig einzuordnen. Es gebe aber deutliche Warnsignale, schreibt der SVSS. Demnach sollten Lehrpersonen auf zwanghaftes Training, starke Fixierung aufs äussere Erscheinungsbild, chronische Müdigkeit, ständige Vergleiche mit Vorbildern von den sozialen Medien und eine schnelle und unkontrollierte Körperveränderung achten.
«Bei 80 Prozent meines Umfelds sind die Themen Ernährung und Sport sehr präsent.»
Was tun? Und trägt die Schule in solchen Fällen überhaupt eine Verantwortung? Die Schule habe präventive und pädagogische Aufgaben, heisst es beim SVSS. Der Verband rät dazu, die Jugendlichen zu begleiten, anstelle eines Verbots auszusprechen. Auch beim Sport seien – ähnlich wie es Jill Lustenberger rät – die Grundlagen zur Technik und zu einer ausgewogenen Ernährung wichtig. Darüber hinaus sollen kritisches Denken und die Reflexion über Inhalte auf den sozialen Medien gefördert werden. Jugendliche sollen lernen, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können.
Julian kann sich nicht daran erinnern, dass er in seiner Schulzeit grundlegend über Ernährung und Muskelaufbau aufgeklärt wurde. Zwar habe er im Biologieunterricht auch einiges über Proteine erfahren, doch fände er es gut, wenn Jugendliche vertieft über Körper, Ernährung und Sport in der Schule informiert würden.
So habe er selbst auch über ein Jahr Proteinshakes konsumiert, bevor er gemerkt habe, dass diese zu viel Zucker beinhalten und ihm dies eher schade als nütze. «Die meisten Informationen, die ich über Sport und Ernährung habe, erhalte ich von Youtube, Tiktok oder auch Instagram. Oder von meinen Kollegen.»
Fragt man Julian, bei wie vielen Prozent seines Umfeldes das Thema Ernährung und Sport sehr präsent ist, überlegt er nicht lange und antwortet mit: «Mindestens 80 Prozent.» Mit seinen Kollegen spricht er viel über Training und Ernährung. Es ist ihr Hauptthema, wie er nicht ohne Stolz erklärt.