BILDUNGSPOLITIK

Tessiner Regierung will Selektion abschaffen

Nach einem zweijährigen Testlauf steht für den Tessiner Regierungsrat fest: Der Verzicht auf Leistungsstufen in der Sekundarschule hat positive Auswirkungen für die Schülerinnen und Schüler. Ab 2032 soll mit der Selektion Schluss sein.

Morcote vom See aus betrachtet.
In Tessiner Sekundarschulen soll es ab 2032 keine Selektion mehr geben. Im Bild: Morcote. Foto: Robin Ulrich

«Die obligatorische Schule muss allen Schülerinnen und Schülern die gleichen Bildungschancen garantieren», sagte die Tessiner Bildungsdirektorin Marina Carobbio Guscetti (SP) jüngst vor den Medien. Um dies zu gewährleisten, beantragt die Tessiner Regierung beim Parlament nun die Abschaffung von Leistungskursen auf der Sekundarstufe. Setzt der Kanton Tessin dies um, ist er der erste Kanton der Schweiz, der auf Selektion im Zyklus 3 verzichtet.

Unterrichtsqualität blieb hoch

Kurzer Rückblick: 2023 bewilligte der Tessiner Grossrat Gelder für einen Versuchsbetrieb. An sechs Sekundarschulen wurde in der Folge darauf verzichtet, Mathematik und Deutsch in Leistungsstufen zu unterrichten. Tessiner Sekundarschülerinnen und -schüler werden in besagten Fächern bisher standardmässig in A- und B-Kurse eingeteilt, ansonsten besuchen sie Stammklassen ohne Leistungsselektion. Die beiden Kurse entsprechen den Leistungstypen mit Grund- und erweiterten Anforderungen. Anstatt die Einteilung vorzunehmen, wurden die Klassen an den Versuchsschulen in Mathematik und Deutsch im Teamteaching unterrichtet. 

Die pädagogische Hochschule Graubünden (PH GR) begleitete den Test wissenschaftlich. Beim Schulversuch ohne Selektion waren 47 Lehrpersonen, 368 Schülerinnen und Schüler sowie 134 Eltern beteiligt. Die Qualität des Unterrichts sei während des gesamten Projekts auf hohem Niveau stabil geblieben, sagte Stefania Crameri von der PH GR. Wenig überraschend würden die didaktische Differenzierung und die Leistungsbeurteilung einer heterogenen Klasse die grössten Herausforderungen darstellen, sagt sie weiter. Deutliche Verbesserungen gab es beim Klassenklima und bei der Motivation der Schülerinnen und Schüler.

Warum führte das Tessin diesen Versuch überhaupt durch? Tiziana Zaninelli, Präsidentin der Begleitgruppe und Leiterin der Sektion Mittelschulwesen, sagte vor den Medien, dass der Grundkurs an Attraktivität verloren habe. Denn Schülerinnen und Schüler, die diese Kurse belegten, seien zunehmend stigmatisiert worden. Auch deren Familien würden Druck verspüren, was Auswirkungen auf die Leistung, die Motivation, das Selbstwertgefühl und letztlich auch das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler habe.

Parlament hat das letzte Wort

 Carobbio Guscetti betont gegenüber «Radiotelevisione Svizzera» (RSI), dass sich genau diese Aspekte durch die Neuerung verbessern lassen: «Der Versuch zeigt, dass der Einsatz von Teamteaching anstelle der A- und B-Kurse positive Effekte auf Schulklima und Motivation hat – ohne negative Auswirkungen auf die schulischen Leistungen», sagt sie. Nun schlägt der Regierungsrat eine schrittweise Abschaffung der Leistungskurse über sechs Jahre vor – per 2032 wäre die Umsetzung an den verbleibenden 30 Sekundarschulstandorten vollbracht. 

Noch ist nicht klar, wie es unter dem Strich mit den Kosten der Reform aussieht. Ab 2032 könnten aufgrund des zusätzlichen Lehrpersonenbedarfs Mehrausgaben von jährlich 3,6 Millionen Franken resultieren. Aufgrund der demografischen Entwicklung werden aber auch weniger Schülerinnen und Schüler erwartet, was die jährlichen Ausgaben wiederum um jährlich 2,2 Millionen Franken reduzieren könnte – trotz Reform. Das Parlament wird noch über den Vorschlag des Regierungsrates entscheiden müssen.

Autor
Alex Rudolf

Datum

22.04.2026

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