Barrieren

Humperts zügeln – viele Familien vermeiden es

Die Familie von Axel Humpert und Leila Peacock wohnt in Basel. Vorher war sie in Zürich zu Hause. Der Trend geht aber in eine andere Richtung: Familien ziehen weniger um als früher, trotz Harmonisierung der Schule.

Auf dem Foto ist eine fünfköpfige Familie zu sehen.
Axel Humpert und Leila Peacock sind vor Kurzem mit ihren Kindern Otto, Frida und Cosima in ein neues Zuhause in Basel umgezogen. Foto: Eleni Kougionis

Vor einem halben Jahr zogen Axel Humpert, seine Ehefrau Leila Peacock und die drei Kinder Otto (13), Frida (10) und Cosima (3) von Zürich nach Basel. Nun haben die beiden älteren Kinder schon das erste Semester an den neuen Schulen hinter sich. Am Telefon sagt Humpert: «Wir wohnen direkt am Bahnhof in Basel. Die Kinder sind recht angetan von der Stadt.» Als die Eltern den Kindern die Umzugspläne vor einem Jahr eröffneten, waren sie allerdings noch wenig erfreut darüber. Vor allem die ältere Tochter tat sich schwer. «Das änderte sich, als sie erfuhr, dass sie im neuen Haus ein eigenes Zimmer haben wird», erzählt Humpert.

In der Schweiz ziehen nicht viele Familien mit schulpflichtigen Kindern um. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS). Wenn sie es dennoch tun, bleiben sie meist in der Gegend. Umzugsgrund ist laut BFS oft das Bedürfnis nach mehr Platz. Dieses Verhalten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht sonderlich verändert. Das BFS stellt sogar einen Rückgang der Umzüge fest. Kürzlich meldete es, das Niveau verharre «auf historisch tiefem Niveau». 

2024 wechselten 9,3 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung ihre Wohnung. In absoluten Zahlen waren es mit 697 000 rund 72 000 Personen weniger als 2020. Nahezu drei Viertel jener, die umgezogen sind, blieben im gleichen Kanton. 36 Prozent zogen innerhalb der gleichen Gemeinde um und 35 Prozent wechselten in eine andere Gemeinde desselben Kantons. 16 Prozent zogen in einen anderen Kanton und 13 Prozent ins Ausland. Eine nach Alter aufgeschlüsselte Auswertung interkantonaler Zuzüge zeigt, dass insbesondere Kinder im Schulalter selten über Kantonsgrenzen zügeln (siehe Grafik).

Erfahrungsbericht über einen Umzug während der Schulzeit: «Grenzerfahrungen eines Schülers» auf bildungschweiz.ch.

Pendeln statt umziehen

Wieso Familien kaum zügeln, kann das BFS auf Anfrage nicht sagen. Auch die Familienorganisation Pro Familia tut sich schwer mit der Einordnung der Zahlen. Es kann vermutet werden, dass der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort erleichtert hat und geeigneter Wohnraum knapp ist. Darum wird auch beim Wechsel der Arbeitsstelle auf einen Umzug verzichtet. Zudem könnte eine Rolle spielen, dass Eltern für ihre Kinder ein stabiles Umfeld anstreben. 

Eine in diese Richtung tendierende Begründung liefert eine amerikanische Studie: Wenn Kinder häufig umzögen, könne dies Probleme mit sich bringen, war 2010 in einem Medienbericht darüber zu lesen. Bei einigen liessen die Schulleistungen nach, andere legten ein schwieriges Verhalten an den Tag. Für die Studie wurden 7000 Erwachsene befragt. Je häufiger sie als Kind den Wohnort wechseln mussten, desto weniger zufrieden waren sie später im Leben. Allerdings beschränkte sich dieser Effekt auf introvertierte Personen; bei extrovertierten waren keine negativen Folgen zu verzeichnen. Für die Schweiz gibt es keine entsprechenden Untersuchungen.

Eine vor 20 Jahren eingeleitete Entwicklung sollte das Umziehen für Familien eigentlich erleichtern: Die Stimmbevölkerung sagte am 21. Mai 2006 mit 85,6 Prozent Ja zu einem nationalen Bildungsartikel. Dieser legte den Grundstein für eine Harmonisierung der obligatorischen Schule. In der Folge wurden die Lehrpläne sprachregional angeglichen. Die meisten Deutschschweizer Kantone führten nach und nach den Lehrplan 21 ein. Sowohl vor der Abstimmung zum Bildungsartikel als auch bei der Einführung des Lehrplans wurde immer wieder die Mobilität von Familien als Argument für eine interkantonale Angleichung vorgebracht. Heute lässt sich festhalten: Die Übung hat nichts am Verhalten der Familien geändert. Sie bleiben lieber, wo sie sind. Ausnahmen wie die Familie Humpert bestätigen die Regel.

«Familie gibt Kindern Rückhalt»

Leila Peacock wechselte als Kind mehrmals den Wohnort. Axel Humpert tat dies dann als junger Erwachsener. Beide schätzen diese Erfahrungen. Humpert stammt aus Deutschland, seine Frau aus England. Zu Hause spricht die Familie deshalb oft englisch. Als freischaffende Künstlerin ist Leila Peacock an keinen Ort gebunden. Demnächst verlegt sie ihr Atelier von Zürich nach Basel. Humpert ist Architekt und viel unterwegs: Er arbeitet unter anderem in Muttenz im Kanton Basel-Landschaft, weiterhin in Zürich und manchmal in München. Die Familie bildet die Klammer, wie Humpert hervorhebt: «Wir haben einen engen Zusammenhalt untereinander. Das gibt den Kindern sehr viel Rückhalt.»

«Im neuen Zuhause stellten wir die Betten auf und fuhren erst einmal in den Urlaub.»

Umgezogen ist die Familie bewusst am Ende des Schuljahres. Nachdem alles in Kisten verstaut war, mieteten sie einen Wagen und fuhren alles nach Basel ins neue Haus: «Dort stellten wir die Betten auf und fuhren vor dem eigentlichen Auspacken erst mal für drei Wochen in den Urlaub», erzählt Humpert. Allerdings wussten die beiden älteren Kinder bereits, wo sie nach den Ferien in die Schule gehen würden. Frida lernte ihre künftigen Schulkameradinnen und -kameraden an einem Besuchstag kennen. Otto, der sowieso auf die Oberstufe wechselte, konnte laut Humpert bei der Wahl der Schule mitreden. Beide besuchen die Volksschule. Die Kleinste kommt in einigen Monaten in den Kindergarten.

Zuerst Französisch, dann Englisch

Beim Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt ist man überzeugt, dass ein Kantonswechsel für schulpflichtige Kinder seit der Einführung des Lehrplans 21 deutlich einfacher ist als früher. «Kinder können leichter an das bisher Gelernte anschliessen – unabhängig davon, ob sie von Basel nach Zürich oder nach Solothurn ziehen», schreibt Sandra Eichenberger auf Anfrage. Sie leitet die Kommunikationsabteilung des Departements. Gewisse Unterschiede gebe es weiterhin, räumt sie ein, etwa beim Zeitpunkt des Fremdsprachenstarts oder bei schulorganisatorischen Abläufen. Tatsächlich beginnt der Französischunterricht in Basel in der dritten Klasse, in Zürich erst in der fünften.

Bei Humperts betrifft das die beiden grösseren Kinder. Nach den ersten Monaten hat der Vater den Eindruck, dass sie den Anschluss fachlich wie sozial schaffen. Und die Freundschaften in Zürich? Otto pflege den Austausch weiterhin und auch Frida habe schon Besuch von Freundinnen erhalten. Seine Schilderungen decken sich mit den Erfahrungen des Erziehungsdepartements: Es seien keine besonderen Schwierigkeiten bei der Integration von zugezogenen Kindern bekannt. Die Schulleitungen begleiteten Umzüge einzelner Kinder und dank der Harmonisierung der Lehrpläne gelinge der Anschluss in der Regel gut.

Autor
Christoph Aebischer

Datum

27.02.2026

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