Barrieren

Grenzerfahrungen eines Schülers

Zuerst Zürich, dann Aargau und schliesslich Bern. Ein Erfahrungsbericht aus einer Zeit, als jeder Kanton noch einen eigenen Lehrplan hatte.

Zwei Buben auf einem Steinbänkli.
Christoph Aebischer (links) und sein Bruder auf dem vermaledeiten Steinbänkli. Foto: ZVG

Es war ein Abend nach einem normalen Schultag. Die Familie sass beim Nachtessen, als meine Eltern sich räusperten und uns Kindern eröffneten: «Wir ziehen um.» Wie sie es genau sagten, weiss ich nicht mehr. Hingegen erinnere ich mich genau, was danach geschah. Ich ging noch einmal raus, um mit Freunden zu spielen. Ich fühlte mich schon jetzt grenzenlos niedergeschlagen und gleichzeitig überdreht. Jedenfalls stürzte ich über ein Steinbänkli im Garten und fiel aufs Gesicht. Der Riss im Schaufelzahn war von nun an wie ein Mal – und meine Eltern waren schuld daran. Wie konnten sie mir bloss so etwas antun? Meine Welt war hier. Nun sollte ich die fünfte Klasse nicht mehr in Winterthur besuchen, sondern irgendwo im Aargau.

Aber wie das so ist: Eltern sagen, woʼs langgeht. Das Umziehen wiederholte sich bei uns mehrmals. Es war damals schon nicht das erste Mal und würde in meiner Schulkarriere nicht das letzte Mal bleiben. Dummerweise lagen zweimal Kantonsgrenzen zwischen altem und neuem Zuhause. In den Achtzigerjahren war die Harmonisierung der obligatorischen Schule noch kaum Thema. So wurde ich zum absoluten Profi in «Römer» und «Kelten». Den Legionären der einen und den Krieger der anderen malte ich mehrfach von einer Wandtafel ins Heimatkundeheft.

Wie das so ist: Eltern sagen, woʼs langgeht.

Zum Thema Umzug mit Schulkindern lesen Sie in «Humperts zügeln – viele Familien vermeiden es» die Geschichte einer Familie, die von Zürich nach Basel zog.

Eindrücklicher waren die Unterschiede, als ich als Achtklässler aus dem Aargau in den Kanton Bern mitzog. Ich kam mit zwei Jahren weniger Französisch an. Auch in Mathematik und in den Naturwissenschaften hatte ich Lücken. Als Teenager kam ich zudem in eine Klasse, die zur Hälfte ausgedünnt war. Viele hatten bereits ans Gymnasium gewechselt.

Anekdoten ohne Pointe

Jene, die noch da waren, hatten zudem alle einen Plan beziehungsweise eine Lehrstelle. So schien es mir jedenfalls. Also kniete ich mich ins Zeug. Mit meinem Französischlehrer büffelte ich Verben, las mich durch Anekdoten von Louis XIV., wobei ich die Pointen meist nicht verstand. Es reichte dann nicht bei der Aufnahmeprüfung ans Gymnasium. Zum Glück kannte man in Bern damals eine sogenannte Anschlussklasse, ein zehntes Schuljahr für Leute wie mich. Dort reifte ich zum Profi in allen Fächern.

Meine Eltern hatten manchmal ein schlechtes Gewissen wegen der Zügelei. Ich half nicht, es zu lindern, und schmollte. Aber schlimm waren die Erfahrungen im Rückblick natürlich nicht. Ich fand früher oder später immer neue Freunde und für einige Dinge, die sich aus den neuen Situationen ergeben hatten, bin ich heute sogar richtig dankbar.

Autor
Christoph Aebischer

Datum

27.02.2026

Publikation
BILDUNG SCHWEIZ

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