Professorin über Französisch

«Kindern wird ein negatives Bild vermittelt»

Der Französischunterricht ist zu sehr auf Fehler ausgerichtet, sagt Ursula Bähler. Die Professorin für französische Literatur fordert ein Umdenken.

Ursula Bähler, Professorin für französische Literatur, lehnt an einem Treppengeländer.
Französischprofessorin Ursula Bähler findet es in Ordnung, wenn in der Primarschule erst Englisch und dann Französisch gelehrt wird. Fotos: Gion Pfander

Wie haben Sie Französisch gelernt?

URSULA BÄHLER: Französisch war die Sprache meines Grossvaters, der aus Neuchâtel kam. Richtig gelernt habe ich die Sprache aber erst in der Sekundarschule und dann im Gymnasium. Danach habe ich Französisch studiert und fünf Jahre in Frankreich gelebt. Heute ist Französisch meine wissenschaftliche Muttersprache und Deutsch meine Alltagssprache.

Weshalb wollten Sie Französisch studieren?

Einerseits, weil ich viel in der französischen Schweiz war und dort die Verwandten besuchte, was mich emotional geprägt hat. Andererseits habe ich am Gymnasium Freude an der französischen Literatur bekommen.

Wie haben Sie den Unterricht erlebt?

An die Sekundarschule habe ich keine genaue Erinnerung mehr. Im Gymnasium war der Französischunterricht sehr strukturiert und ruhig. Und wir hatten genügend Zeit, um Texte zu lesen.

Zur Person

Ursula Bähler ist Professorin für französische Literaturwissenschaft und Geschichte der romanischen Philologie an der Universität Zürich. Sie ist zudem Teil der Fachkonferenz für Französisch an der Schnittstelle zwischen Hochschule und Gymnasium im Kanton Zürich und unterrichtet angehende Lehrpersonen der Sekundarstufe II.

Und wie ist das heute?

Die Bevölkerungsstruktur hat sich grundlegend verändert. Für viele Leute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass in der Schweiz eine zweite Landessprache gelernt wird. In den Schulen haben wir sehr heterogene Klassen. Für einige Kinder in der Primarschule geht es erst einmal darum, Deutsch zu lernen.

Nun will die Politik handeln. In einigen Kantonen sind Vorstösse zur Abschaffung des Frühfranzösisch hängig oder bereits überwiesen.

Es gibt verschiedene Gründe, wieso der politische Druck auf das Frühfranzösisch steigt. Einerseits werden die Überfrachtung des Stundenplans und der mässige Erfolg des Unterrichts geltend gemacht. Dass das Niveau in Französisch sinkt, merken alle Stufen, auch wir an der Universität. In der aktuellen Debatte spielt jedoch ein weiterer Aspekt eine Rolle.

Nämlich?

In jeder Gesellschaft gibt es Wissen, das hoch bewertet und solches, das als weniger erstrebenswert eingestuft wird. In der Schweiz priorisieren wir immer mehr Wissen, das als ökonomisch nützlich gilt. Französisch scheint unter diesem Blickwinkel für viele wenig attraktiv.

«Französisch ist die drittwichtigste Sprache der Wirtschaft.»

Was entgegnen Sie jenen?

Diese Einschätzung ist falsch, gerade auch aus ökonomischer Sicht: Französisch ist laut dem neusten Bericht der Organisation Internationale de la Francophonie die drittwichtigste Wirtschaftssprache weltweit und bleibt nach wie vor eine zentrale Sprache der internationalen Diplomatie.

Also wird die Überlastung in der Primarschule nur vorgeschoben?

Nein. Die Primarschule scheint mir effektiv überfrachtet und vor allem verzettelt. Es wundert mich nicht, dass heute viele Schulkinder unaufmerksam sind. Sie müssen sich ständig in kurzen Abständen in andere Fächer hineindenken. Der Lernkatalog ist zu dicht. Ich fände mehr Fokus auf die Grundkompetenzen sinnvoll. Von da aus kann man weitergehen.

Sie sagen, die Primarschule ist überfrachtet. Was müsste sich ändern?

Was die Sprachen angeht, sollten die Kinder in der Deutschschweiz zuerst solid Deutsch lernen. Dass man auf Primarstufe daneben auch eine zweite Sprache lernt, ist zu begrüssen. Ich finde es persönlich auch in Ordnung, wenn das Englisch ist. Englisch eignet sich gut als Einstieg ins Erlernen von Fremdsprachen, obwohl die Sprache auf höherem Niveau ebenfalls schnell anspruchsvoll wird.

Wieso ist denn Englisch auf Primarstufe einfacher als Französisch?

Die Kinder kommen schon früh mit Englisch in Kontakt: Sie schauen Filme und hören Musik auf Englisch. Auch auf Social Media ist Englisch allgegenwärtig. Deshalb sind sie schon früh in einer Art Sprachbad, auch ausserhalb der Schule. Das trifft für das Französisch so nicht zu. Und darum finde ich es gar nicht schlecht, wenn man mit Englisch anfängt. Ausschlaggebend sollten jedoch nicht ökonomische, sondern sprachliche Gründe sein.

Was spricht dafür, Französisch in die Oberstufe zu verschieben?

Es wird durch Studien belegt, dass ab einem gewissen allgemeinen Sprachverständnis Transferleistungen in eine Fremdsprache leichter fallen. Es gibt auch aktuelle Studien zur Frage, was ein früher Fremdsprachenunterricht bringt, und, kurz gesagt, ist die Ergebnislage hier relativ offen. Es gibt keine Garantie dafür, dass ein früherer Start besser ist. Entscheidend ist, dass, wenn der Start auf die siebte Klasse verlegt wird, der Unterricht so intensiv wie möglich ist und keine Abstriche an der Stundenzahl gemacht werden.

Denken Sie, Französisch wäre in der Oberstufe beliebter?

Ich würde nicht behaupten, dass Französisch ein besonders beliebtes Fach ist, obwohl es auch viele Lernende gibt, die begeistert sind. Ich glaube, dass viele Kinder schon vor dem Französisch-Unterricht ein negatives Bild von der Sprache vermittelt bekommen. Es ist leider in der Öffentlichkeit zu einer akzeptablen Haltung geworden, sich über das Französischlernen lustig zu machen.

«Ein falscher ‹Accent› gibt einen Punkt Abzug, das ist nicht hilfreich.»

Was meinen Sie konkret?

Die Zürcher Bildungsdirektorin hat an einer Pressekonferenz vor ein paar Monaten gesagt, sie hätte ein «Molière-Trauma» aus der Schule. Das ist natürlich keine Werbung für das Schulfach Französisch. Eine solche Aussage vermittelt den Eindruck, der Französischunterricht sei verstaubt.

Ist es also eher das Fach, das Mühe macht, und weniger die Sprache?

Mir fällt auf, dass Französisch an vielen Schulen immer noch sehr fehlerorientiert unterrichtet wird. Wenn ich etwa sehe, dass ein falscher «Accent» mit einem Punkt Abzug bewertet wird, halte ich das nicht für hilfreich. Schülerinnen und Schüler bekommen zu oft den Eindruck, Französisch bestehe aus lauter Fallen. Ständig ist von Ausnahmen die Rede. Französisch ist aber auch eine sehr regelmässige Sprache.

Wie könnte man Französisch denn einfacher unterrichten?

Indem man sich bewusst ist, dass das Schulfach dazu prädestiniert ist, die Welt zu bereisen. Französisch ist sowohl geschichtlich als auch sprachlich ungemein interessant und divers. Aufgrund der Kolonialvergangenheit ist Französisch fast überall auf der Welt präsent, aber überall anders. Es gibt nicht nur das Französisch der Académie Française. Man spricht anders in Kanada, in Martinique, in Senegal oder in Tunesien. Und alle diese Regionen haben ihre je eigenen frankophonen Literaturen. Das gilt es im Unterricht starkzumachen.

Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) sagt im Interview mit BILDUNG SCHWEIZ, dass Französisch Pflichtstoff auf Primarstufe bleiben soll. Lesen Sie hier wieso.

Sie unterrichten auch angehende Lehrpersonen. Was empfehlen Sie ihnen in Bezug auf Unterrichtsmethoden?

Ich empfehle, die Sprache am Leben anzuknüpfen. Das geht am besten, wenn man beispielsweise am Anfang einer Lektion gemeinsam ein Lied hört oder einen kurzen Text anschaut – und nicht zuerst das Grammatikbuch aufschlägt. Freude und Begeisterung sind das Wichtigste. Dann springt der Funke. Aber natürlich: Wer eine Sprache lernt, braucht auch Disziplin. Ohne Wörter kein Haus. Ohne Sätze kein Gespräch mit den Leuten, die darin wohnen.

Es gibt Lehrpersonen, die sich im Französisch selbst nicht sattelfest fühlen. Ist das schlimm?

Da ist sie wieder, diese Fixierung auf Fehler. Nicht nur lehren wir diesen Perfektionsanspruch unseren Schulkindern, wir zensurieren uns auch noch selbst. Für die allermeisten in der Deutschschweiz ist Französisch eine Zweit- oder Drittsprache. Da macht man Fehler. Sprachen lernen ist ein anhaltender Prozess, bei dem die Motivation die entscheidende Rolle spielt.

Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz kritisiert unter anderem, dass die Ziele im Frühfranzösisch zu hochgesteckt sind.

In der obligatorischen Schulzeit müsste man den Fokus noch mehr auf den mündlichen Ausdruck und auf das Hör- und Leseverstehen legen und weniger auf das Schreiben. Letzteres ist eine Kompetenz, die viel Zeit kostet und oft wenig ertragreich ist.

«Je mehr Sprachen, desto unterschiedlichere Blickwinkel auf die Welt.»

An der Primarschule wird Französisch genau so unterrichtet. Trotzdem klappt es nicht.

Wie gesagt, es fehlt das Sprachbad. In der Primarschule könnte man jedoch die Kinder für Sprachenvielfalt begeistern. Rund ein Drittel aller Schweizer Kinder ist mehrsprachig. Daran können Lehrpersonen anknüpfen, ganz niederschwellig, immer dann, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Würde dieser Ansatz etwas daran ändern, dass sich viele junge Schweizerinnen und Schweizer auf Englisch verständigen, wenn sie sich nicht verstehen?

Das kann ich nicht beantworten. Aber es scheint mir wichtig, dass wir unsere Viersprachigkeit ernst nehmen. Wir haben ein Sprachengesetz und das drückt den politischen Willen aus, dass wir die Landessprachen fördern. Die sprachliche Diversität macht unseren kulturellen Reichtum aus. Es ist an uns, dies den jungen Menschen zu vermitteln.

Wäre es denn nicht konsequenter, wenn wir die Multilingualität im Alltag eher lebten und nicht auf Englisch ausweichen würden?

Ich habe nichts dagegen, wenn für viele Englisch eine Verkehrssprache ist. Aber einerseits muss man sagen, dass oftmals ja nicht Englisch gesprochen wird, sondern «Globish», eine stark vereinfachte Version der englischen Sprache.

Und andererseits?

Das Problem ist, dass Englisch nicht mehr nur neben anderen Sprachen vorkommt, sondern diese zum Teil regelrecht verdrängt, etwa in der Wissenschaft. Diese Entwicklung ist gefährlich. Eine Sprache ist nicht nur ein Kommunikationsmittel. Jede Sprache hat einen eigenen Weltzugang. Ein einfaches Beispiel: Wie grüssen sich Menschen? Wir wünschen «Guten Morgen», in Griechenland kann man sagen «Freue dich» und auf Arabisch und Hebräisch heisst es «Friede sei mit dir». Jede Sprache hat ein anderes System, wie sie die Welt benennt und organisiert. Je mehr Sprachen, desto unterschiedlichere Blickwinkel auf die Welt. Und diese brauchen wir mehr denn je, in allen Gesellschaftsbereichen. 

Autor
Mirja Keller

Datum

08.06.2026

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