Sie sagen, die Primarschule ist überfrachtet. Was müsste sich ändern?
Was die Sprachen angeht, sollten die Kinder in der Deutschschweiz zuerst solid Deutsch lernen. Dass man auf Primarstufe daneben auch eine zweite Sprache lernt, ist zu begrüssen. Ich finde es persönlich auch in Ordnung, wenn das Englisch ist. Englisch eignet sich gut als Einstieg ins Erlernen von Fremdsprachen, obwohl die Sprache auf höherem Niveau ebenfalls schnell anspruchsvoll wird.
Wieso ist denn Englisch auf Primarstufe einfacher als Französisch?
Die Kinder kommen schon früh mit Englisch in Kontakt: Sie schauen Filme und hören Musik auf Englisch. Auch auf Social Media ist Englisch allgegenwärtig. Deshalb sind sie schon früh in einer Art Sprachbad, auch ausserhalb der Schule. Das trifft für das Französisch so nicht zu. Und darum finde ich es gar nicht schlecht, wenn man mit Englisch anfängt. Ausschlaggebend sollten jedoch nicht ökonomische, sondern sprachliche Gründe sein.
Was spricht dafür, Französisch in die Oberstufe zu verschieben?
Es wird durch Studien belegt, dass ab einem gewissen allgemeinen Sprachverständnis Transferleistungen in eine Fremdsprache leichter fallen. Es gibt auch aktuelle Studien zur Frage, was ein früher Fremdsprachenunterricht bringt, und, kurz gesagt, ist die Ergebnislage hier relativ offen. Es gibt keine Garantie dafür, dass ein früherer Start besser ist. Entscheidend ist, dass, wenn der Start auf die siebte Klasse verlegt wird, der Unterricht so intensiv wie möglich ist und keine Abstriche an der Stundenzahl gemacht werden.
Denken Sie, Französisch wäre in der Oberstufe beliebter?
Ich würde nicht behaupten, dass Französisch ein besonders beliebtes Fach ist, obwohl es auch viele Lernende gibt, die begeistert sind. Ich glaube, dass viele Kinder schon vor dem Französisch-Unterricht ein negatives Bild von der Sprache vermittelt bekommen. Es ist leider in der Öffentlichkeit zu einer akzeptablen Haltung geworden, sich über das Französischlernen lustig zu machen.
«Ein falscher ‹Accent› gibt einen Punkt Abzug, das ist nicht hilfreich.»
Was meinen Sie konkret?
Die Zürcher Bildungsdirektorin hat an einer Pressekonferenz vor ein paar Monaten gesagt, sie hätte ein «Molière-Trauma» aus der Schule. Das ist natürlich keine Werbung für das Schulfach Französisch. Eine solche Aussage vermittelt den Eindruck, der Französischunterricht sei verstaubt.
Ist es also eher das Fach, das Mühe macht, und weniger die Sprache?
Mir fällt auf, dass Französisch an vielen Schulen immer noch sehr fehlerorientiert unterrichtet wird. Wenn ich etwa sehe, dass ein falscher «Accent» mit einem Punkt Abzug bewertet wird, halte ich das nicht für hilfreich. Schülerinnen und Schüler bekommen zu oft den Eindruck, Französisch bestehe aus lauter Fallen. Ständig ist von Ausnahmen die Rede. Französisch ist aber auch eine sehr regelmässige Sprache.
Wie könnte man Französisch denn einfacher unterrichten?
Indem man sich bewusst ist, dass das Schulfach dazu prädestiniert ist, die Welt zu bereisen. Französisch ist sowohl geschichtlich als auch sprachlich ungemein interessant und divers. Aufgrund der Kolonialvergangenheit ist Französisch fast überall auf der Welt präsent, aber überall anders. Es gibt nicht nur das Französisch der Académie Française. Man spricht anders in Kanada, in Martinique, in Senegal oder in Tunesien. Und alle diese Regionen haben ihre je eigenen frankophonen Literaturen. Das gilt es im Unterricht starkzumachen.