Sie wuchsen im Jura zweisprachig auf: In welchem Fach waren Sie in der Schule besser, Deutsch oder Französisch?
ELISABETH BAUME-SCHNEIDER: Ganz klar Französisch. Meine Grosseltern sprachen zwar Schweizerdeutsch mit mir. Das Hochdeutsche zu erlernen, fiel mir aber nicht leicht. Die vier Fälle, die zur Deklination nötig sind, bereiteten mir Schwierigkeiten. Französisch war hingegen meine Alltagssprache mit Familie und Kameradinnen und Kameraden. Weil das Schweizerdeutsche aber ein familiäres Erbe ist, habe ich dazu eine starke, beinahe zärtliche Verbindung.
Sie zogen Ihre zwei Söhne im französischsprachigen Jura gross. Hand aufs Herz: Hing der Haussegen der Baume-Schneiders hin und wieder schief wegen des verflixten Deutschunterrichts in der Schule?
Deutsch war von keinem meiner beiden Söhne das Lieblingsfach in der Schule. Das zog sich bis zum Gymnasium durch. Doch bereits während beziehungsweise nach dem Studium besuchten sie Deutschkurse. Dies, weil sie gemerkt haben, wie wichtig Deutschkenntnisse in der Schweiz sind.
An Schulen in der Deutschschweiz hat Französisch einen schweren Stand. Wie ist das für Sie als Romande?
Zunächst glaube ich nicht, dass Französisch so unbeliebt ist, wie es in den Medien dargestellt wird. Viele Lehrpersonen unterrichten es mit grossem Elan und Einsatz. Manchmal habe ich tatsächlich Mühe mit den Argumenten der Kritikerinnen und Kritiker des Französischunterrichts. Etwa, wenn man in einer Zürcher Zeitung liest, Französisch habe einen beschränkten Nutzen. Französisch gehört zur Schweiz. Genauso wie Italienisch und Rätoromanisch. Und der Sprache des Nachbarn sollte man mit Achtung begegnen. In der Romandie sind auch nicht alle begeistert vom Deutschunterricht, dennoch ist er breit abgestützt und akzeptiert. Die politischen Bemühungen zur Abschaffung des Frühfranzösisch in gewissen Deutschschweizer Kantonen beunruhigen mich hinsichtlich des nationalen Zusammenhalts. Im Sprachunterricht lernen wir nicht nur Wörter und Sätze, sondern auch viel über die Kultur der anderen Sprachregion.
Welche Rolle spielt die Sprache beim nationalen Zusammenhalt?
Eine grosse. Dass wir trotz der unterschiedlichen Sprachen ein nationales Selbstverständnis haben, darf uns stolz machen. Darüber hinaus macht uns das auch stark. Unsere Vielfalt und Rücksichtnahme auf Minderheiten machen uns kompromissfähig.
Ist es der Auftrag der Volksschule, für den nationalen Zusammenhalt zu sorgen?
Die Schule ist ein Schlüsselort der Sozialisierung. Die Kinder lernen, wie man sich in der Gruppe verhält. Für uns als Gesellschaft ist dies enorm wichtig. Neben dem Umgang miteinander werden zudem Grundkompetenzen vermittelt. Und hierzu gehört die zweite Landessprache.
«Die Mehrsprachigkeit zu pflegen, ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft.»
Es gibt Stimmen, die fordern, dass auch Berufsschulen und Sportvereine stärker in die Verantwortung genommen werden sollen.
Die Mehrsprachigkeit zu pflegen, ist Aufgabe der ganzen Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass Sportvereine mit einem zusätzlichen Auftrag belastet werden sollten. Bei den Berufsschulen wären Vorgaben wohl eher möglich: Manche Ausbildungen verzichten auf Französisch. Das ist vor allem für jene, die später die Maturität nachholen wollen, nicht ideal. Dort gehört Französisch dann wieder dazu. Die Lücke im Sprachunterricht während der Lehre macht dies für viele zu einer grossen Herausforderung.

