Wenn Kinder am Morgen das Schulhaus betreten, bringen sie weit mehr mit als Znüni und Etui. In ihrem «unsichtbaren Rucksack» tragen sie Erfahrungen, Kompetenzen und Verhaltensweisen, die sie jenseits des Stundenplans gesammelt haben. Doch wie prägt dieses ausserschulische Lernen den Erfolg im Klassenzimmer? Ein Blick auf das Zusammenspiel von Schule, Freizeit und Elternhaus zeigt: Bildung gelingt nur, wenn alle Lebensbereiche der Kinder ineinander übergreifen. Davon sind Miriam Compagnoni, pädagogische Psychologin an der Universität Zürich und der pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), und Barbara Zumsteg, PHZH-Bereichsleiterin für Bildung und Erziehung, überzeugt.
Dasselbe Ziel, verschiedene Wege
Um die Bedeutung des Lernens ausserhalb der Schule zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die verschiedenen Lernformen. Formales Lernen findet im geregelten Schulsystem statt. Non-formales Lernen entsteht in freiwilligen, organisierten Kontexten wie Sportvereinen, Musikschulen oder Jugendorganisationen. Informelles Lernen wiederum geschieht beiläufig – im Familienalltag, im Freundeskreis oder beim Medienkonsum.
«Auch wenn wir an der PH Zürich primär für das formale Setting ausbilden, steht das Kind als Ganzes im Zentrum», betont Compagnoni. Schule sei immer eingebettet in die Lebenswelt der Kinder – und Lehrpersonen müssten diese Bildungspartnerschaften verstehen und aktiv gestalten. Wie stark ausserschulische Erfahrungen wirken, sehen wir schon beim Eintritt in den Kindergarten, erklärt Zumsteg. Kinder mit vorschulischen Erfahrungen in Spielgruppe oder Kita bringen häufig viele sozio-emotionale Kompetenzen mit, während die Integration in eine Gruppe von 20 bis 25 Gleichaltrigen für andere eine grössere Herausforderung ist.
«Nicht alle Kinder haben Zugang zu Musikunterricht oder Vereinen.»
Für Compagnoni liegt eine entscheidende Schnittstelle im Bereich der überfachlichen Kompetenzen. In Sportvereinen oder der Pfadi lerne man konkrete und spezifische Fertigkeiten wie das Knotenbinden oder Werfen. Doch noch viel wichtiger sei die Erfahrung, wie man sich in einer Gruppe organisiert oder mit Frustration umgeht, wenn das Feuer nicht brennt, betont die Erziehungswissenschafterin. Diese Fähigkeiten deckten sich mit den Zielen des Lehrplan 21, die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen gemeinsam zu fördern. Schule und non-formaler Bereich verfolgen somit dieselben Ziele auf unterschiedlichen Wegen.
Die Tagesschule als Brückenbauerin
Dabei bereitet der Erziehungswissenschafterin ein modernes Phänomen Sorge: die «Fernsteuerung» von Kindern durch Smartwatches und Mobiltelefone. «Wir hören von Kindern, die vor der Rutschbahn stehen und ihre Mutter via Uhr fragen, was sie machen sollen, weil die anderen Kinder vordrängeln», erzählt Compagnoni. Solche digitalen Nabelschnüre könnten die Entwicklung der Selbstständigkeit und Selbstregulation erheblich stören. Einen weiteren kritischen Punkt sieht sie auch in der sozialen Selektivität: «Nicht alle Kinder haben gleichermassen Zugang zu Vereinen, Freizeitangeboten oder Musikunterricht.» Hinzu käme, dass viele nur jene Aktivitäten wählen würden, in denen sie sich ohnehin stark fühlten und von zu Hause kennen. Hier sieht Compagnoni die Schule in der Rolle der Brückenbauerin. Das Ziel müsse sein, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: «Die Welt ist spannend, vielseitig und ich kann auch Dinge lernen, in denen ich mich bisher nicht stark gefühlt habe.»
Besonders Tagesschulen fungieren in diesem Kontext als hybride Räume, in denen formales und non-formales Lernen ineinandergreifen und die Grenzen zwischen Unterricht und Freizeit verschwimmen. Mit Angeboten wie Schulbands, Gartenprojekten oder Technik-Workshops würden sie Erfahrungsräume eröffnen, die über den klassischen Fächerkanon hinausreichen und das Selbstverständnis der Kinder nachhaltig erweitern, betonen die beiden Expertinnen. So entstehen niederschwellige Zugänge zu Lernwelten, die zu Hause nicht immer greifbar wären. Gleichzeitig entwickelt sich eine andere Qualität des sozialen Lernens: Kinder übernehmen Verantwortung, arbeiten selbstständig und altersdurchmischt zusammen. Lehrpersonen wiederum erhalten Einblicke in Persönlichkeitsaspekte, die im regulären Unterricht weniger hervortreten. «Wenn ich mir etwas wünschen dürfte», erläutert Compagnoni, «dann ein Zusammenspiel zwischen allen Beteiligten.» Bildungsprozesse sollen in ganz unterschiedlichen Settings wie Familie, Schule, Gleichaltrige, Vereine oder Medien als Möglichkeitsräume verstanden werden. Diese sollten Kinder und Jugendliche ermutigen, ihre bisherigen Erfahrungen einzubringen, Herausforderungen anzunehmen und über sich hinaus zu wachsen.

