PÄDAGOGIK

Das unsichtbare Klassenzimmer

Kinder lernen nicht nur in der Schule. Auch Erfahrungen aus Freizeitaktivitäten und in sozialen Situationen tragen zum Lernerfolg bei.

Mädchen am Lagerfeuer
Wenn Kinder am Feuer im Wald bräteln und essen ist das auch ein Lernerlebnis. Foto: iStock/MNStudio

Wenn Kinder am Morgen das Schulhaus betreten, bringen sie weit mehr mit als Znüni und Etui. In ihrem «unsichtbaren Rucksack» tragen sie Erfahrungen, Kompetenzen und Verhaltensweisen, die sie jenseits des Stundenplans gesammelt haben. Doch wie prägt dieses ausserschulische Lernen den Erfolg im Klassenzimmer? Ein Blick auf das Zusammenspiel von Schule, Freizeit und Elternhaus zeigt: Bildung gelingt nur, wenn alle Lebensbereiche der Kinder ineinander übergreifen. Davon sind Miriam Compagnoni, pädagogische Psychologin an der Universität Zürich und der pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), und Barbara Zumsteg, PHZH-Bereichsleiterin für Bildung und Erziehung, überzeugt.

Dasselbe Ziel, verschiedene Wege

Um die Bedeutung des Lernens ausserhalb der Schule zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die verschiedenen Lernformen. Formales Lernen findet im geregelten Schulsystem statt. Non-formales Lernen entsteht in freiwilligen, organisierten Kontexten wie Sportvereinen, Musikschulen oder Jugendorganisationen. Informelles Lernen wiederum geschieht beiläufig – im Familienalltag, im Freundeskreis oder beim Medienkonsum.

«Auch wenn wir an der PH Zürich primär für das formale Setting ausbilden, steht das Kind als Ganzes im Zentrum», betont Compagnoni. Schule sei immer eingebettet in die Lebenswelt der Kinder – und Lehrpersonen müssten diese Bildungspartnerschaften verstehen und aktiv gestalten. Wie stark ausserschulische Erfahrungen wirken, sehen wir schon beim Eintritt in den Kindergarten, erklärt Zumsteg. Kinder mit vorschulischen Erfahrungen in Spielgruppe oder Kita bringen häufig viele sozio-emotionale Kompetenzen mit, während die Integration in eine Gruppe von 20 bis 25 Gleichaltrigen für andere eine grössere Herausforderung ist.

«Nicht alle Kinder haben Zugang zu Musikunterricht oder Vereinen.»

Für Compagnoni liegt eine entscheidende Schnittstelle im Bereich der überfachlichen Kompetenzen. In Sportvereinen oder der Pfadi lerne man konkrete und spezifische Fertigkeiten wie das Knotenbinden oder Werfen. Doch noch viel wichtiger sei die Erfahrung, wie man sich in einer Gruppe organisiert oder mit Frustration umgeht, wenn das Feuer nicht brennt, betont die Erziehungswissenschafterin. Diese Fähigkeiten deckten sich mit den Zielen des Lehrplan 21, die fachlichen und überfachlichen Kompetenzen gemeinsam zu fördern. Schule und non-formaler Bereich verfolgen somit dieselben Ziele auf unterschiedlichen Wegen.

Die Tagesschule als Brückenbauerin

Dabei bereitet der Erziehungswissenschafterin ein modernes Phänomen Sorge: die «Fernsteuerung» von Kindern durch Smartwatches und Mobiltelefone. «Wir hören von Kindern, die vor der Rutschbahn stehen und ihre Mutter via Uhr fragen, was sie machen sollen, weil die anderen Kinder vordrängeln», erzählt Compagnoni. Solche digitalen Nabelschnüre könnten die Entwicklung der Selbstständigkeit und Selbstregulation erheblich stören. Einen weiteren kritischen Punkt sieht sie auch in der sozialen Selektivität: «Nicht alle Kinder haben gleichermassen Zugang zu Vereinen, Freizeitangeboten oder Musikunterricht.» Hinzu käme, dass viele nur jene Aktivitäten wählen würden, in denen sie sich ohnehin stark fühlten und von zu Hause kennen. Hier sieht Compagnoni die Schule in der Rolle der Brückenbauerin. Das Ziel müsse sein, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: «Die Welt ist spannend, vielseitig und ich kann auch Dinge lernen, in denen ich mich bisher nicht stark gefühlt habe.»

Besonders Tagesschulen fungieren in diesem Kontext als hybride Räume, in denen formales und non-formales Lernen ineinandergreifen und die Grenzen zwischen Unterricht und Freizeit verschwimmen. Mit Angeboten wie Schulbands, Gartenprojekten oder Technik-Workshops würden sie Erfahrungsräume eröffnen, die über den klassischen Fächerkanon hinausreichen und das Selbstverständnis der Kinder nachhaltig erweitern, betonen die beiden Expertinnen. So entstehen niederschwellige Zugänge zu Lernwelten, die zu Hause nicht immer greifbar wären. Gleichzeitig entwickelt sich eine andere Qualität des sozialen Lernens: Kinder übernehmen Verantwortung, arbeiten selbstständig und altersdurchmischt zusammen. Lehrpersonen wiederum erhalten Einblicke in Persönlichkeitsaspekte, die im regulären Unterricht weniger hervortreten. «Wenn ich mir etwas wünschen dürfte», erläutert Compagnoni, «dann ein Zusammenspiel zwischen allen Beteiligten.» Bildungsprozesse sollen in ganz unterschiedlichen Settings wie Familie, Schule, Gleichaltrige, Vereine oder Medien als Möglichkeitsräume verstanden werden. Diese sollten Kinder und Jugendliche ermutigen, ihre bisherigen Erfahrungen einzubringen, Herausforderungen anzunehmen und über sich hinaus zu wachsen.

 

Lernräume jenseits der Schule

Das Angebot von Movetia setzt hier an. Die schweizerische nationale Agentur für Austausch und Mobilität ist ein zentraler Akteur für Lernen ausserhalb der Schule und fördert im Bereich Jugend Projekte, in denen Jugendliche ab 13 Jahren ihren Lernprozess aktiv mitgestalten. «Für uns ist zentral, dass Jugendliche Verantwortung übernehmen und selbst entscheiden können, was sie lernen möchten», sagt Programmkoordinatorin Lea Meister. Bei Aktivitäten wie dem gemeinsamen Kochen, Wohnen oder Diskutieren geschehe dann das informelle Lernen nebenbei.

«Für viele ist bereits die Teilnahme ein prägendes Erlebnis.»

Die thematische Spannbreite bei Movetia reicht von Demokratiebildung über Umwelt- und Gewässerschutz bis zu Begegnungen mit Politik und Verwaltung. Sport gehört nicht zum Kernauftrag von Movetia. «Ein reines Trainingslager können wir nicht fördern», so Meister. «Aber sobald sportliche Aktivitäten mit Lernprozessen verbunden sind – etwa mit Teamführung oder gesellschaftlichen Fragen –, wird es für uns interessant.» Besonders wichtig ist der inklusive Anspruch: Im Gegensatz etwa zu Sportvereinen wählt Movetia grundsätzlich nicht nach Leistung aus. Damit sollen alle Jugendlichen erreicht werden, auch solche, die sonst kaum Zugang zu solchen Erfahrungen hätten – etwa junge Menschen mit Fluchthintergrund, Behinderungen, aus sozial benachteiligten Familien oder Diaspora-Communities. «Für viele ist bereits die Teilnahme ein prägendes Erlebnis: zum ersten Mal weg von zu Hause, in einem internationalen Umfeld, mit der Erfahrung, dass ihre Perspektive zählt», erzählt die Programmkoordinatorin.

Lerneffekte im Clownlabor

Wie non-formale Projekte bei Movetia konkret aussehen, zeigt das Clownlabor Schweiz in Belp. Zehn Tage lang arbeiteten junge Leitende mit Jugendlichen aus drei Ländern zusammen. Im Zentrum stand die Kunst der Clownerie – als Technik und im Umgang mit Öffentlichkeit. Die Jugendlichen lernen, wie Menschen im öffentlichen Raum reagieren, wie man mit Störungen umgeht und Verantwortung für die eigene Wirkung übernimmt. Die Lerneffekte des Clownlabors: mehr Sicherheit im öffentlichen Raum, interkulturelle Sensibilität, nonverbale Kommunikationsfähigkeit und Verantwortung übernehmen.

Am Ende wird deutlich: Schule, Freizeitangebote und Elternhaus tragen gemeinsam dazu bei, dass Kinder und Jugendliche jene Kompetenzen entwickeln, die sie für ihr Leben brauchen. Non-formales Lernen ist dabei kein nettes Add-on, sondern ein zentraler Baustein einer ganzheitlichen Bildungsbiografie.

 

Autor
Brigitte Selden

Datum

25.08.2026

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