Universal Design for Learning

Unterricht, von dem alle profitieren sollen

Das US-amerikanische Konzept Universal Design for Learning verspricht viel. Kann es die hohen Erwartungen auch einlösen? Ein Schulleiter und ein Hochschuldozent zeigen auf, wo sie Chancen und Grenzen sehen.

Unterschiedliche Rucksäcke.
Die Schlagworte des Universal Design for Learning sin barrierefrei, nutzbar und inklusiv. Foto: Circle Creative Studio

Gibt es eine Schule, die alle Schülerinnen und Schüler abholt? Kann man Unterricht so gestalten, dass alle davon profitieren? Das wäre so etwas wie der heilige Gral der Pädagogik, ist man versucht, zu sagen. Ein US-amerikanisches Konzept, das langsam auch in Schweizer Schulen ankommt, weckt solche Erwartungen: Universal Design for Learning (UDL). BILDUNG SCHWEIZ hat genauer hingeschaut und unter anderem einen Schulleiter gefragt, ob UDL dieses Versprechen einlöst.

Dessen Ursprünge gehen auf das universelle Produkt- und Umgebungsdesign zurück. Schlagworte sind barrierefrei, nutzbar und inklusiv. Bei der pädagogischen Adaption des Konzepts steht die integrative Schule im Zentrum. Thomas Grossenbacher, Schulleiter der Primarschule Hirzbrunnen im Kanton Basel-Stadt, kam vor rund drei Jahren via eine Fachstelle der kantonalen Erziehungsdirektion in Kontakt mit UDL. Er reagierte zurückhaltend. «Ich wollte zuerst sehen, ob es einen konkreten Nutzen hat», sagt er rückblickend. Heute sieht er Potenzial für die Schulentwicklung oder zur Sensibilisierung auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder. Vieles sei nicht neu, werde aber im Rahmen von UDL systematisch weitergedacht, sagt Grossenbacher, der 20 Jahre unterrichtet hat, bevor er die Leitung einer Schule übernahm. Das Schulhaus Hirzbrunnen liegt in der Agglomeration zwischen Basel und Riehen. Hier wurde die bisher einzige Förderklasse geschaffen, seitdem dies im Kanton wieder möglich ist. Die Vielfalt unter den Kindern ist gross. Laut Grossenbacher ermöglicht dieses neue Angebot, den Unterricht gezielt an unterschiedliche Bedürfnisse anzupassen. Grossenbacher sieht auch keinen Widerspruch darin, eine möglichst integrative Schule zu sein und gleichzeitig eine separative Förderklasse anzubieten. «Für einige Kinder ist sie für eine bestimmte Zeit der richtige Ort. Wichtig ist, dass sie nur temporär dort sind. Gleichzeitig bleibt das Ziel, die Regelschule so weiterzuentwickeln, dass möglichst viele Kinder dauerhaft darin lernen können.»

Das Konzept einfach erklärt

Aber worum geht es denn nun bei UDL? Ein einfacher Einstieg bieten Erklärvideos, an deren Erstellung auch die pädagogische Hochschule Luzern beteiligt war (siehe Box). Darin wird eine Lehrerin bei ihren ersten Schritten mit UDL begleitet. Sie möchte, dass die Schulkinder Sehenswürdigkeiten in London kennenlernen. Dabei fällt ihr bei der Vorbereitung der Lektion ein, dass einer ihrer Schüler Sehschwierigkeiten hat und darum nur mit Mühe kleingeschriebene Texte entziffern oder Dinge auf einer Landkarte erkennen kann. Sie beschliesst, für ihn eine digitale Alternative anzubieten. Diese, wird ihr bewusst, hilft auch einem weiteren Schüler in der Klasse, dessen Deutsch noch nicht so gut ist. Er kann sich den digitalen Text im Internet übersetzen lassen. Sie überlegt sich weitere Zugänge, damit möglichst viele die Aufgabe gut erledigen können.

«Schilder verbessern die Orientierung im Schulhaus.»

Das ist alles nicht wirklich neu, wird nun aber zusammengeführt und weiterentwickelt. Die Auseinandersetzung mit UDL bringt Grossenbachers Team jedenfalls weiter: «Wir besuchen einander im Unterricht und weisen uns auf blinde Flecken hin», erzählt er. Auch in der Schulentwicklung gibt es schon konkrete Resultate: «Wir haben die Orientierung im Schulhaus dank Schildern mit Symbolen verbessern können und erleichtern den Zugang zum Lernen im Schulhaus und im Unterricht», sagt er.

9 Leitlinien, 31 Prüfpunkte

So simpel, wie im Erklärvideo dargestellt, ist das Konzept natürlich nicht. Im Zentrum steht eine Tabelle mit 9 Leitlinien und 31 Prüfpunkten. Damit, so die Botschaft, lässt sich alles, was Lehrpersonen tun, durchleuchten und verbessern. So gesehen ist es tatsächlich ein heiliger Gral. Als Grossenbacher diese Tabelle zum ersten Mal sah, war sie für ihn aber zunächst einmal «schwer zugänglich», wie er einräumt.

Es gibt auch von anderen Seiten Kritik an UDL. Sie setzt bei der Herkunft des in den 1990er-Jahren entwickelten Konzepts an. Abgeleitet aus dem fachfremden Produkt- und Umgebungsdesign wurde es in erster Linie für das US-amerikanische Bildungssystem entworfen. Es sei deshalb nicht einfach auf unsere Schule adaptierbar, argumentiert etwa Gottfried Biewer in einem 2022 veröffentlichten Beitrag zur inklusionsorientierten Schulentwicklung. Insbesondere vernachlässige UDL mit seinem Fokus auf das Individuum, dass Schulen soziale Lernräume seien. Insgesamt sieht der deutsche Bildungswissenschaftler und Hochschullehrer UDL weniger «als Instrument der Veränderung», sondern eher «als Hilfe zur systematischen Interpretation bestehender erfolgreicher unterrichtlicher Praktiken». Fruchtbare Wirkung könne UDL dann entfalten, wenn man bereit sei, von den «strikten Vorgaben» der Erfinderin, der Non-Profit-Organisation des «Center for Applied Special Technology» (Cast), abzuweichen.

Thomas Grossenbacher und sein Team befinden sich auf diesem Weg: «Wir nutzen UDL gezielt als Orientierung und setzen es dort ein, wo es für unsere Schule sinnvoll, weiterführend und umsetzbar ist.» —

Drei Erklärvideos und Kurse

Die pädagogische Hochschule Luzern hat mit zwei deutschen Instituten 2025 drei Erklärvideos zum US-amerikanischen Konzept UDL veröffentlicht. Animierte Videos zeigen Lehrpersonen, die UDL kennenlernen und erste Schritte umsetzen. Einschübe vermitteln zentrale Elemente des Konzepts. Zebis, ein im Auftrag von Kantonen arbeitendes Portal für Lehrpersonen, bietet eine UDL-Unterrichtshilfe für den Fremdsprachenunterricht an. Die interkantonale Hochschule für Heilpädagogik bietet einen Weiterbildungskurs zu UDL an. Entwickelt wurde das Konzept in den 1990er-Jahren. Pate stand das universelle Produkt- und Umgebungsdesign. Der Sprung nach Europa erfolgte vor rund zehn Jahren. Zwischen 2018 und 2021 beteiligten sich Universitäten und erste Schulen in Litauen, Finnland, Polen und Österreich an Pilotprojekten zur konkreten Umsetzung in europäischen Bildungssystemen. Mehr Informationen zu den Videos: phlu.ch

Autor
Christoph Aebischer

Datum

27.07.2026

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