Pro & Kontra

Sollen Frühstunden an Schulen abgeschafft werden?

Bei der Diskussion um die Abschaffung der Frühstunde argumentiert FDP-Politiker Gaudenz Zemp aus der Sicht eines Gemeindepolitikers und Unternehmers. Psychologin Joëlle Albrecht verweist auf psychische und gesundheitliche Auswirkungen. 

Politiker und Unternehmer, Gaudenz Zemp, will an Frühstunden festhalten. Psychologin Joëlle Albrecht argumentiert für die Abschaffung.

Frühe Schulstartzeiten am Morgen sind ein Problem für den jugendlichen Schlaf.

Je älter Jugendliche werden, desto später schlafen sie. Zu einem grossen Teil liegt das daran, dass sich die Schlafbiologie in der Jugend stark verändert: Die innere Uhr tickt bei Jugendlichen immer später, sodass sich das Zeitfenster, in dem der Schlaf biologisch erleichtert wird, immer weiter in die Nacht hinein verschiebt. Dagegen kann man sich nicht wehren, die Entwicklung ist biologisch bestimmt. Erst mit Anfang zwanzig stoppt die Verspätung und die innere Uhr stellt sich langsam wieder auf eher frühere Schlafenszeiten ein.

Jugendliche können nicht einfach früher einschlafen

Die schlafbiologische Entwicklung lässt Jugendliche also immer später einschlafen. Das an sich ist ganz natürlich – problematisch wird es erst in Kombination mit unverändert frühen Aufstehzeiten: Aufgrund des frühen Schulstarts am Morgen können die späteren Einschlafzeiten nicht durch entsprechend spätere Aufwachzeiten kompensiert werden. Dadurch entsteht ein Schlafmangel an Schultagen. Das ist besorgniserregend, weil der Schlaf eng mit der psychischen und physischen Gesundheit sowie kognitiven Leistungen und der Hirnentwicklung zusammenhängt.

Übereinstimmend haben Studien aus der ganzen Welt positive Auswirkungen von späteren Schulstartzeiten gezeigt. Die Jugendlichen nutzen den späteren Schulstart, um später aufzustehen, gehen aber nach wie vor um etwa die gleiche Zeit ins Bett. Dadurch verlängert sich die Schlafdauer, was dem Befinden sowie den schulischen Leistungen zuträglich ist. Die Jugendlichen können nicht einfach früher einschlafen, somit haben wir dafür zu sorgen, dass sie nicht so früh aufstehen müssen.

Mehr zur Abschaffung der Frühstunde an Schulen: «Gnadenfrist für Morgenmuffel»

Frühstunden sollten unbedingt als fester Bestandteil des Schulalltags erhalten bleiben.

Denn sie schaffen wertvolle Flexibilität bei der Gestaltung des Stundenplans und verhindern, dass der Unterricht bis in den späten Nachmittag ausgeweitet werden muss. So bleibt den Jugendlichen genügend Raum für sinnvolle Freizeitverpflichtungen in Musikschulen, Sportvereinen oder Jugendorganisationen. Diese ausgewogene Tagesstruktur fördert eine gute Balance zwischen Schule und Freizeit und damit die persönliche Entwicklung.

Zudem sind Frühstunden eine wichtige Vorbereitung auf die Realität nach der obligatorischen Schule. Berufsbildung, weiterführende Schulen und spätere Arbeitswege beginnen oft früh. Jugendliche ohne diese Routine sind weniger alltagsnah ausgebildet. Regelmässig zeitig aufzustehen und den Tag strukturiert zu beginnen, fördert Selbstorganisation, Belastbarkeit und Zeitmanagement – Fähigkeiten, die in der heutigen Arbeitswelt wichtig sind.

Frühstunden geben unterschiedlichen Lerntypen die Möglichkeit, ihr Potenzial optimal auszuschöpfen.

Viele Schülerinnen und Schüler profitieren auch davon, anspruchsvolle Fächer zu Beginn des Tages besuchen zu können, wenn die Konzentration noch hoch ist. Der Lernrhythmus ist individuell; Frühstunden geben unterschiedlichen Lerntypen die Möglichkeit, ihr Potenzial optimal auszuschöpfen.

Statt die Frühstunden grundsätzlich abzuschaffen, sollten sie gezielt und nach pädagogischen Kriterien eingesetzt werden. Fazit: Eine Schule, die früh beginnt, schafft wertvolle Zeiträume, Flexibilität – und eine bessere Vorbereitung auf die berufliche Laufbahn. Denn nach wie vor gilt: Morgenstund hat Gold im Mund.

Autor
(red)

Datum

16.02.2026

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