IM INTERVIEW

Preisüberwacher: «Schullager sind enorm wichtig»

Preisüberwacher Stefan Meierhans verbuchte einige Erfolge im Kampf gegen überhöhte Elternbeiträge für Schullager. Nun lanciert er ein Lernmodul, das Jugendlichen die Preisentwicklung näherbringen soll.

Preisüberwacher Stefan Meierhans lehnt an einem Fenster und schaut nach draussen.
Nebst Meldungen zu Kosten für Schullager erhält Preisüberwacher Stefan Meierhans auch viele wegen Sonderschulsettings. Fotos: Marion Bernet

Der Sommer ist die Zeit der Lager und Schulreisen. Sie forderten vor einem Jahr, dass Eltern pro Tag höchstens acht Franken bezahlen sollten. Damit kommt man nicht weit.

STEFAN MEIERHANS: Da mögen Sie recht haben. Dennoch sind Schullager etwas enorm Wichtiges – Erinnerungen an manche Lager begleiten uns ein Leben lang. Weil sich Eltern bei mir wegen zu hoher Lagerkosten beschwert hatten, habe ich die Sachlage sowohl aus juristischem als auch ökonomischem Blickwinkel untersucht. Die acht Franken entsprechen den Verpflegungskosten pro Tag, die Eltern einsparen, wenn ihre Kinder unterwegs sind. In unserer Bundesverfassung steht, dass jedes Kind Anspruch auf unentgeltliche Schulbildung hat. Bestätigt wird dies durch Rechtsprechung bis vor das Bundesgericht. Gleichzeitig besteht der Anspruch, einen qualitativ hochstehenden Unterricht zu bieten. Dem sollen auch Ausflüge und Lager gerecht werden, indem sie schöne Erlebnisse schaffen. Das ist mit acht Franken tatsächlich schwierig. Angesichts der Ergebnisse meiner Analyse stellt sich die Frage, ob mehr als 8 Franken mit dem geltenden Recht zu vereinbaren sind.

Es gibt zahlreiche Beispiele von Schulen, die mehr Geld von den Eltern einfordern müssen. Was tun?

Die Differenz müsste solidarisch von Steuerzahlerinnen und -zahlern finanziert werden. Wie alles andere auch, was mit der Schule zu tun hat. Weichen wir davon ab, könnte dies der Beginn einer problematischen Entwicklung sein. Erst sagen wir, es sei in Ordnung, wenn die Eltern einen grösseren Teil der Lagerkosten übernehmen. Als Nächstes könnte es heissen, die Eltern sollen sich auch an den Löhnen der Lehrpersonen beteiligen. Und was ist mit der Renovation der Schule? Vielleicht sollten diese auch jene Personen finanzieren, deren Kinder die Infrastruktur in Anspruch nehmen. Dies wäre keine gute Entwicklung.

Zur Person

2008 ernannte der Bundesrat Stefan Meierhans (57) zum Preisüberwacher. In dieser Funktion beobachtet er die Preisentwicklung bei marktbeherrschenden Unternehmen oder vom Staat. Bürgerinnen und Bürger, die ungerechtfertigte Preise vermuten, können ihm eine Meldung senden. Meierhans ist promovierter Rechtswissenschaftler, Mitglied der Mitte-Partei und Mitglied der Schulkommission Kirchenfeld-Schlosshalde in Bern. Er ist mit der Mitte-Politikerin Béatrice Wertli verheiratet und wohnt mit ihr und den zwei gemeinsamen Töchtern in Bern.

Die Gemeinde Greifensee hat reagiert und im September die zulässigen Kosten von 22 auf 16 Franken reduziert. Was sagen Sie dazu?

Dies bereitete mir Freude, zumal auch andere Gemeinden reagiert und einen grösseren Teil der Lagerkosten übernommen haben. Erst kürzlich sprach auch der Kanton Basel-Stadt rund 300 000 Franken zusätzliche Mittel für Schullager. Schön wäre, wenn noch weitere Kantone diesem Beispiel folgen würden.

Doch von den acht Franken ist man vielerorts noch immer weit entfernt.

Das Bundesgericht bezifferte den maximal zulässigen Betrag abhängig vom Alter des Kindes auf 10 bis 16 Franken. Auf der Grundlage von aktuellen Daten zu den Ausgaben der Schweizer Haushalte für Nahrungsmittel haben wir dargelegt, dass die Einsparungen der Eltern eher bei 8 Franken liegen. Die Elternbeiträge sind aber nicht in Stein gemeisselt und können variieren – auch mit Blick auf das Alter der Kinder. Zentral ist nicht, dass die Kosten einen fixen Betrag nicht übersteigen, sondern dass wir den Schulen und Gemeinden aufzeigen konnten, dass die Bundesverfassung sie zu unentgeltlichem Schulunterricht verpflichtet. Es liegt in der Verantwortung aller Steuerzahlerinnen und -zahler, dass Kindern und Jugendlichen ein guter Schulunterricht geboten wird. Und daran muss man im Sinne der Chancengleichheit festhalten.

Zeigt die politische Grosswetterlage nicht in eine andere Richtung? Auch Bundesausgaben für das Förderprogramm Jugend und Sport (J+S) wurden beinahe gekürzt, was Elternbeiträge wohl erhöht hätte oder die Streichung von Angeboten zur Folge gehabt hätte.

Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen. Dies steht in der Präambel der Bundesverfassung. Gleichzeitig ist die Ausgestaltung unserer Demokratie eine Frage der Mehrheiten. In meiner Funktion als Preisüberwacher kann ich mich nicht zu den geforderten Kürzungen bei J+S äussern, aber als Staatsbürger bin ich froh, dass in diesem Bereich nicht gespart wird. Der Trend hin zu einer Ich-AG-Mentalität ist mir aber nicht entgangen.

«Eine grosse Hilfe gegen undurchsichtige Preisgestaltung ist die künstliche Intelligenz.»

Abgesehen von den Lagerkosten: Welche Meldungen im Zusammenhang mit der Volksschule erreichen Sie aus der Bevölkerung?

Die Lagerkosten sind klarer Spitzenreiter. Ebenfalls erreichen uns Meldungen von Eltern, deren Kinder im Sonderschulsetting unterrichtet werden. Familien erhalten teils saftige Rechnungen für Mittagsbetreuung oder Betreuung nach dem Unterricht von mehreren Tausend Franken monatlich. Das rührt daher, dass manche Ausbildungsstätten für Menschen mit schwerer Beeinträchtigung ähnlich wie Internate aufgebaut sind. Auch hier kommt die öffentliche Hand der Forderung nach einer kostenlosen Bildung für alle nicht nach. Bei der nachobligatorischen Ausbildung stehen kostspielige Lehrmittel im Fokus. Meldungen aus der Bevölkerung kritisieren etwa die Preise für Bücher an Gymnasien oder kostspielige Softwares und Programme im Rahmen der Berufsbildung.

Eltern nehmen Kindern finanzielle Entscheidungen ab. Ab welchem Alter sollten sie miteinbezogen werden?

Das von der Pro Juventute lancierte Angebot «Jugendlohn» habe ich mit meinen eigenen Töchtern im Alter von zwölf Jahren angewendet. Die Richtlinien und die zur Verfügung gestellten Informationen gaben uns eine Grundlage und führten zu spannenden Diskussionen bei uns am Familientisch.

Auch in den Schulen gewann die Finanzbildung an Bedeutung. Sie lancieren nun Unterrichtsmaterialien für Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse. Warum?

Junge Menschen informieren sich heute völlig anders als frühere Generationen. In meiner Jugend lasen wir Zeitung oder schauten die Nachrichten mit unseren Eltern. Informationen zur Konsumwelt wurden so an uns herangetragen. Kleider kauften wir ausschliesslich vor Ort, auch wenn es ab und an einen Versandkatalog ins Haus wehte. Heute ist dies anders, und wer sich nicht für die Mechanismen des Konsums interessiert, dem spielt der Algorithmus auch keine Informationen dazu auf den Bildschirm. Gleichzeitig wurde der Konsum in den letzten Jahren komplexer, Preise gestalten sich oftmals dynamisch. Unsere Materialien helfen jungen Menschen zu verstehen, wie Preise entstehen und wie sie sich vor zu hohen Preisen in der Konsumwelt schützen können.

Was sollen die Schülerinnen und Schüler daraus mitnehmen?

Grundlegende Dinge wie die Funktionsweise von Wettbewerb und Monopol. Und natürlich: Wie können sie sich helfen, wenn sie ungerechtfertigte Preise vermuten. Das drei Lektionen umfassende Modul soll einen Überblick über die Preisgestaltung geben und das Grundverständnis und damit das Selbstbewusstsein junger Konsumentinnen und Konsumenten stärken.

Ich bin absoluter Optimist. In Sachen Preisentwicklung gibt es jedoch Entwicklungen, die man im Auge behalten muss. 

Dynamische Preisgestaltung – etwa bei Flugtickets – ist oftmals nicht nachvollziehbar. Auch für Erwachsene nicht.

Das stimmt. Wichtig ist aber, dass die Konsumentinnen und Konsumenten sensibilisiert sind. Sie sollen wissen, dass wenn man auf einem Smartphone ein Flugticket bucht, der Preis höher oder tiefer sein kann, als wenn sie auf einem Windows-PC buchen. Buche ich einen Flug am Sonntagnachmittag, ist er in der Regel teurer als jener, den ich am Dienstagvormittag buche. Eine grosse Hilfe gegen undurchsichtige Preisgestaltung ist die künstliche Intelligenz. Fragt man beispielsweise Chat-GPT nach Tipps, wie man zu den günstigsten Preisen kommt, sind die Ratschläge oftmals sehr gut.

Wie optimistisch sind Sie als Preisüberwacher beim Blick in die Zukunft?

Ich bin absoluter Optimist. In Sachen Preisentwicklung gibt es jedoch Entwicklungen, die man im Auge behalten muss. Beispielsweise die Tendenz hin zu einer Konzentration auf allen Märkten – besonders im digitalen Bereich. Will jemand ein Hotelzimmer buchen, gehen die meisten auf Booking.com, Ricardo ist der grösste digitale Marktplatz. Es wird zunehmend schwierig, Alternativen zu finden, und die Monopolisierung schreitet voran. 

Wie Preise entstehen

Die Preisüberwachung erarbeitete mit Unterstützung der pädagogischen Hochschule St. Gallen ein drei Lektionen umfassendes Modul für den Unterricht der 9. Klasse. Darin werden kurze Inputs mit interaktiven Elementen kombiniert: In einem Marktsimulationsspiel erleben die Schülerinnen und Schüler, wie Preise entstehen und sich verändern. Ein Informationsfilm erläutert die Unterschiede zwischen Monopol und Marktmacht. In Gruppenarbeiten bearbeiten die Teilnehmenden konkrete Fälle, die sie aus Alltag oder Familienleben kennen. Die Unterlagen stehen kostenlos auf der Website des Preisüberwachers zum Download bereit. Mehr Informationen: preisueberwacher.admin.ch.

Autor
Alex Rudolf

Datum

13.07.2026

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