5 Fragen
«Schulen sollen auch einen Bindungsauftrag erfüllen»
In der Schule lernen Kinder auch, miteinander umzugehen. Die Lehrerin Isabelle Badura will darum soziale Bindung fördern. Dies verbessere nicht nur das Wohlbefinden, sondern bereite auch auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vor.


Sie fordern mehr Gemeinsinn an Schulen. Warum?
ISABELLE BADURA: Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen wie die Krise der Demokratie, die Digitalisierung und die Zunahme der psychischen Erkrankungen fordern Schulen heraus. Ich habe mich schon länger mit der Bedeutung von sozialer Bindung auseinandergesetzt. In meinem Sabbatical bot sich die Gelegenheit, das Thema mit den gesellschaftlichen Entwicklungen zu verknüpfen. Daraus ergab sich die folgende Forderung: Schulen sollen neben ihrem Bildungsauftrag auch einen Bindungsauftrag erfüllen. Dieser unterstützt massgeblich die Gesundheit aller Beteiligten, das Lernen und somit den Bildungsauftrag. Dies bereitet die Schülerinnen und Schüler optimal auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft vor.
Was genau verstehen Sie unter sozialer Bindung?
Bindung ist eines unserer wichtigsten Grundbedürfnisse. Wir binden uns an einzelne Menschen, an Gemeinschaften, in denen wir uns aufgehoben und wertgeschätzt fühlen sowie an Organisationen wie eine Schule und deren Werte. Ich verstehe soziale Bindung als ein Konzept, das diese drei Ebenen vereint.
Zur Person
Isabelle Badura unterrichtet Geschichte sowie Pädagogik und Psychologie an der Kantonsschule in Wil (SG). Dort leitet sie auch die Gesundheitskommission. Im Rahmen eines Bildungssemesters hat sie sich vertieft mit Gesundheit und Bindung an Schulen auseinandergesetzt.
Sie plädieren für eine Schulkultur, in der solche Dinge eine stärkere Rolle spielen. Wie sieht eine solche Kultur aus?
Eine bindungsorientierte Schulkultur fokussiert sich auf die Förderung und Pflege von Bindung. Diese orientiert sich dabei an Werten wie Vertrauen, Transparenz, Respekt, Wertschätzung, Empathie und Partizipation. Hierfür braucht es Gefässe, in denen Bindung entstehen kann. Besonders eignen sich alle kooperativen Unterrichtsformen und Gemeinschaftsanlässe wie Konzerte, Sporttage oder Theateraufführungen, bei denen Emotionen freigesetzt werden. Vertrauensvolle Zusammenarbeit und Gemeinsinn können so praktisch erprobt werden.
«Gute Beziehungenin der Schule schützen vor den Risiken der digitalen Welt.»
Schulen sollten Ihrer Meinung nach darauf achten, dass Technologie zwischenmenschliche Beziehungen stärkt. Was meinen Sie damit?
Mir geht es dabei vor allem um neue Kommunikationstechnologien. Schulen sollten darauf achten, dass diese Beziehungen nicht schwächer, sondern stärker werden. Jede neue Kulturtechnik fordert die Gesellschaft heraus. Die digitale Kommunikation beeinflusst unsere mentale Gesundheit und das Lernen. Besonders junge Menschen leiden vermehrt unter Einsamkeit, Angst und Depressionen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO beeinträchtigt dies den sozialen Zusammenhalt. Starke Bindungen hingegen machen eine Gemeinschaft gesünder und krisenfester. Gerade Schulen sollten sich intensiv mit diesen Tatsachen auseinandersetzen. Neben der Diskussion um Verbote ist mein Ansatz, die Bindung der Schülerinnen und Schüler aktiv zu fördern. Denn vertrauensvolle Beziehungen und das Gefühl von Zugehörigkeit in Klassen- und Schulgemeinschaften sind der beste Schutz vor den Risiken in der digitalen Welt.
Was können einzelne Lehrpersonen tun?
Die meisten Lehrpersonen achten bereits darauf, eine gute Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Sie fördern neben der kognitiven auch die sozial-emotionale Entwicklung sowie die Gemeinschaft und sind sich ihrer Vorbildrolle im Umgang miteinander bewusst. Eine bindungsorientierte Schulkultur bietet den Lehrpersonen dafür einen Rahmen. Dazu gehören auch wiederkehrende Weiterbildungen in bindungsfördernder pädagogischer Haltung, die regelmässige Diskussion und Reflexion der Schulkultur und vor allem Zeit für Beziehungsförderung.
Autor
(red)
Datum
Themen