Die deutsche Rechtschreibung hat das unerschöpfliche Potenzial, Gemüter in Wallung zu versetzen. 1923 machte ein Autor mit dem Kürzel K. P. in der «Schweizer Lehrerzeitung», der Vorgängerin von BILDUNG SCHWEIZ, seinem Ärger über das Scheitern einer Rechtschreibreform Luft – und entledigte sich dabei jeglicher Fesseln des Dudens. Seinen Stil könnte man «orthografisch-originell» nennen. Unklar ist, wie ernst er sich selbst dabei nahm.
Vermaledeite deutsche Rechtschreibung
«Nächstes jar wird Dänemark in seinen shulen eine fereinfachte rechtshr. einfüren», schrieb K. P. und hoffte, dass sich die Schweiz daran ein Vorbild in Sachen «folksbildung» und der «libe zur einigenden shriftshprache» nähme. Denn, so war er überzeugt: «Die daütshe rechtshr. hätte di ferbesserung nicht weniger nötig als di dänishe.»
K. P. stiess sich zum Beispiel an der Grossschreibung von Dingworten. Andere Sprachen kämen auch ohne aus: «Es ist merkwürdig, dass man immer noch mit ausgeklügelten düfteleien glaubhaft machen will, die daütshe shprache ferlange diese besonderheit im gegensatz zu allen andern kulturshprachen.»
Den fehlenden Mut zur Schreibreform führte K. P. auf die Gewohnheit zurück: «Es ist interessant, haüfig zu beobachten, dass sowol jüngere wi ältere laüte iren widerwillen gegen di fereinfachte rechtshr. gar nicht als di wirkung der gewonheit erkennen», analysierte er. Ganz schlau wird man aus der Argumentation von K. P. zwar nicht immer. Klar ist aber, dass er die Hoffnung nicht aufgab: «Aufgeshoben ist nicht aufgehoben.» —
