Pädagogik

Notendiktat setzt Schule unter Druck

Im Kanton Aargau sind Noten ab der dritten Primarklasse bald wieder Pflicht. Das stürzt die Schule Rütihof mit ihren altersdurchmischten Klassen und dem notenfreien Unterricht in ein Dilemma.

Mädchen zählt.
In der Schule Rütihof in Baden gibt es seit zehn Jahren während des Semesters keine Noten mehr. Die Leistungen der Kinder werden in anderer Form beurteilt. Fotos: Roger Wehrli

Was als Erstes auffällt: der gemütliche Holztisch mitten im Schulzimmer. «Unser Stubentisch», sagt Barbara Portmann. Daneben stehen Pultgruppen im Raum und es gibt diverse Nischen und Rückzugsorte. Die «Stube» befindet sich im Zimmer B1.02., im ersten Stock eines modernen Zweckbaus im aargauischen Baden-Rütihof. Dort gehen 21 Schülerinnen und Schüler ein und aus. Sie besuchen eine altersdurchmischte Klasse – von der ersten bis zur dritten Primar. Im dörflichen Quartier mit 2400 Einwohnerinnen und Einwohnern erinnert nichts an die Stadt Baden, zu der es gehört. Das Schulgelände liegt idyllisch am Waldrand.

Was weiter auffällt: Der Schulbetrieb läuft hier mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit. Ohne Anweisung versammeln sich die Schülerinnen und Schüler im Kreis und nach einem gemeinsamen Lied geht’s über zur Mathematik. Die Lehrerin legt eine von den Kindern gestaltete Lernlandkarte in die Mitte – das «Mathelernall». In den folgenden 45 Minuten zeigen die Kinder, wo sie im Plus- und Minusrechnen stehen. Sie wählen selbst Aufgaben, die ihrem Niveau entsprechen, lösen sie, zeigen sie der Lehrerin und kleben sie in ihr Heft. Es ist eine Leistungsbeurteilung – also ein Test. «Aber keine Testatmosphäre», sagt Portmann. 

Noten erzeugen kaum Lernerfolge

In einem Standpunkt-Kommentar rät Christian Hugi, LCH-Vizepräsident, den Fokus auf den Lernerfolg zu legen. Hier geht es zum ganzen Text.

Denn an der Primarschule Rütihof gibt es während des Schulsemesters seit über zehn Jahren keine Noten mehr. Nicht nur bei den Kleinen, sondern auch für die älteren Schülerinnen und Schüler in den gemischten Klassen ab der vierten Primar. Die einzige Ausnahme sind die Zeugnisnoten Ende Semester, die es auch in Rütihof gibt. «Diese kann ich gut begründen aufgrund meiner Leistungsbeurteilung. Noten brauche ich dafür unter dem Jahr keine», sagt sie.

«Unser System ist wohlwollend. Wir wollen nicht die Stresssituation von Prüfungen.»

Portmann dokumentiert die individuellen Fortschritte der Schülerinnen und Schüler mithilfe eines Kompetenzrasters. Statt Anspannung und Prüfungsangst herrscht eine natürliche Geschäftigkeit auf Augenhöhe. Kinder laufen umher, Reden ist erlaubt, nur gegenseitiges Helfen nicht. Lehrerkollegin Julia Doppler läuft durchs Zimmer, beobachtet und notiert. Ab und zu mahnt sie die Kinder diskret. Man vergisst schnell, dass hier Kinder unterschiedlichen Alters arbeiten. Das ist ganz im Sinn der Sache: Jeder und jede arbeitet auf seinem Niveau – aber gemeinsam, statt separiert. «Ihr macht, solange ihr mögt», sagt die Lehrerin. «Das Ziel ist, dass wir wissen, wo ihr steht.»

Die Kinder suchen sich ihre Arbeitsplätze selbst aus. Einige sitzen zusammen an Pulten, andere ziehen sich zurück, wieder andere wechseln in den Nebenraum. Trotz Reden und Bewegung im Zimmer herrscht Konzentration – und vor allem: Die Kinder sind sichtlich motiviert. «Unser System ist wohlwollend. Wir wollen nicht die Stresssituation von klassischen Prüfungen», sagt Portmann, die seit sieben Jahren in Rütihof unterrichtet.

Noten: ungenau und willkürlich?

Doch nun ist das, was sie hier über die Jahre aufgebaut hat, gefährdet. Bereits nächstes Schuljahr sind im Kanton Aargau Noten ab der dritten Klasse wieder Pflicht. Das hat das Kantonsparlament so entschieden – und das löst an der Schule Rütihof Sorge, Kritik und Widerstand aus. Portmann macht aus ihrer Abneigung keinen Hehl: «Das ruiniert mich.» Sie wird zu etwas gezwungen, das sie erfolgreich vermeidet: die Unterscheidung zwischen Erst-, Zweitklässlerinnen auf der einen und Drittklässlern auf der anderen Seite, die sie künftig benoten muss.

Was ist das Problem an Noten? «Noten sind so abschliessend. Wenn ein Schüler heute eine Fünf hat, sagt das nichts darüber aus, wie es am nächsten Tag aussieht.» Ihre Beurteilung sei viel aussagekräftiger, detaillierter und vor allem kindgerechter. Weil sie die individuellen Fortschritte über einen längeren Zeitraum beurteile und nicht die Leistung an Tag X. «Ich versuche den Kindern positive, motivierende Lernerlebnisse zu ermöglichen», sagt sie und nennt ein Beispiel einer Schülerin in der dritten Klasse. Heute kam sie im Rechnen nicht über das Erstklassniveau hinaus. «Mit Noten wäre sie klar ungenügend. Irgendwann würde sie entscheiden: Mathi kann ich ja eh nicht. Aber ich weiss, dass sie an anderen Tagen mehr kann.»

Sie vergleicht die Schule mit dem Lernen im Leben. Anfangs brauchen Kinder Anleitung, durch Wiederholung würden sie selbstständiger – und das mache sie stolz. «Ich käme doch nie auf die Idee, das mit einer Note zu bewerten. Nur in der Schule machen wir so etwas Surreales und sagen: Wenn du Hilfe brauchst, dann genügt es nicht.» Noten könnten zwar einfach verglichen werden, aber sie seien ungenau und oft willkürlich. Studien hätten gezeigt, dass gleiche Leistungen in unterschiedlichen Klassen bis zu einer ganzen Note abweichen. «Diese Fehler nimmt man einfach hin. Man akzeptiert Noten als absolute Wahrheit, obwohl sie nichts mit den kognitiven Möglichkeiten zu tun haben», sagt die 40-Jährige. In Sachen Beurteilung und Feedback ist die Lehrerin über die Jahre zur Expertin geworden. «Wir haben gute Argumente: Es ist empirisch belegt, dass Noten nicht lernförderlich sind.» Darum ärgert sie sich über die politische Debatte, die von Unwissen und Vorurteilen geprägt sei. Die Schule Rütihof hat Politikerinnen und Politiker eingeladen, sich ein Bild zu machen von der notenfreien Schule – jedoch vergebens: Niemand sei vorbeigekommen. «Das nimmt mir den Mut, aktiv zu werden», sagt sie.

Wenig Widerstand bei Übertritten

Annette Rüetschi, seit über sieben Jahren Schulleiterin in Rütihof, blickt mit «Ärger, Enttäuschung und Frust» auf den Notenentscheid. «Etwas, das wir über Jahre erfolgreich aufgebaut haben, wird jetzt innert Kürze infrage gestellt.» Mit Etwas meint sie den Schritt ihrer Schule zu altersdurchmischten Klassen und Beurteilungen ohne Noten. Auch für sie ist mit Blick auf Forschung und Fachliteratur klar: «Es gibt keine Hinweise, dass Noten irgendeinen positiven Effekt haben. Sie sind für das Lernen nicht förderlich. Darum ist der Entscheid schwer zu akzeptieren.»

Die Eltern tragen das Schulmodell mit, das hätten Befragungen gezeigt, sagt Rüetschi. «Sie haben Vertrauen in das System. Übertrittsgespräche verlaufen hier viel umfassender und mit weniger Widerstand. Es geht um das Kind als Ganzes und nicht nur, ob es eine Fünfeinhalb oder Viereinhalb hat», sagt Rüetschi. Seit ihrer Zeit in Rütihof habe es nur einen Rekurs gegeben.

«Wir werden die verbleibenden Spielräume nutzen.»

Rüetschi will trotz Notenpflicht am Unterrichtskonzept festhalten. Das bedeutet einen Spagat: Wie kann die Schule den gesetzlichen Auftrag erfüllen? Und gleichzeitig möglichst wenig davon aufgeben, was hier aufgebaut wurde? «Ich habe die Umsetzungsverordnung sehr genau angeschaut, die verbleibenden Freiräume werden wir nutzen», sagt sie. «Im Zentrum stehen bei uns das Lernen und die Entwicklung des Kindes. Ich gebe alles dafür, dass wir weiterhin Lernfortschritte aufzeigen können.» Die Beurteilungsinstrumente will die Schule weiterführen – aber halt um Noten ergänzt. Die Angst dabei: «Wenn Noten auf den Prüfungen stehen, haben die eine Kraft. Und diese Kraft wirkt dem erfolgreichen Lernen der Kinder entgegen – vor allem der schwachen», sagt Rüetschi.Barbara Portmann weiss noch nicht, wie sie die Notenpflicht umsetzen wird, sie wirkt ehrlich ratlos. Und besorgt wegen einer Dynamik, «bei der plötzlich die Noten wichtig werden». Sie will ihren Unterricht ähnlich weiterführen und ab der dritten Klasse zusätzlich Noten schreiben, die sie den Eltern präsentieren kann. «Ich will aber weiterhin keine Noten auf die Blätter der Kinder schreiben», sagt sie.

Autor
Jonas Wydler

Datum

30.06.2026

Themen