Auf Besuch in der Spitalschule

Lernen trotz allem

Für viele kranke Kinder bringt die Spitalschule ein Stück Normalität und Struktur in einen bewegten Alltag. Ein Besuch im Inselspital Bern.

Ein elfjähriger Junge liegt in einem Spitalbett.
Der elfjährige Simon macht am Inselspital in Bern eine Chemotherapie. Hier besucht er auch die Schule. Fotos: Marion Bernet

Simon zielt mit seinem Basketball auf einen Korb vor seinem Bett. Der Schuss sitzt, der Ball geht ins Netz. Ihm folgen vier weitere Treffer. Im Zimmer ertönen Applaus und fröhlicher Zuspruch. Simon, der eigentlich anders heisst, lächelt. Er treibt gerne Sport. Doch er hat nicht immer die Energie dafür. In seinem Leben gibt die Chemotherapie den Takt vor. Aktuell befindet sich der Elfjährige gerade in einem Behandlungszyklus. Für seinen Unterricht in der Patientenschule am Inselspital Bern bedeutet dies: Einzelbeschulung am Bett.

Schule macht Hoffnung

In der Schweiz hat gemäss Artikel 19 der Bundesverfassung jedes Kind Anspruch auf Bildung. «Dieses Recht gilt auch für Kinder, die hospitalisiert sind», sagt Livia Salis-Wiget, Schulleiterin der Patientenschule am Inselspital. Der Bildungsartikel ist jedoch nicht nur ein Recht, er ist auch verpflichtend. Ein Kind, das länger im Spital ist, muss den Unterricht fortsetzen – solange der Gesundheitszustand es erlaubt.

«Einem Kind hier gibt die Schule Halt und Orientierung.»

Dass es auch im Spital eine Schule gibt, sorgt gemäss der Schulleiterin bei den Kindern und Jugendlichen gelegentlich für Überraschung. Aber: Die Schule bringt auch eine willkommene Struktur in einen oft langen Spitalalltag. Sie ist ein Stück Normalität in einer Lebenssituation, die oftmals von Ungewissheit geprägt ist. 

Während die Schule in den Augen eines gesunden Kindes bisweilen eine lästige Notwendigkeit darstellt, wandelt sie sich in der Welt eines kranken Kindes zum Hoffnungsträger. Mit Blick auf hospitalisierte Kinder und Jugendliche mit einer ungewissen Diagnose sagt Livia Salis-Wiget: «Einem Kind hier drin gibt die Schule Halt und Orientierung.»

Verarbeitung im Gestalten

Für seine Zukunft hat Simon grosse Pläne. Er möchte einmal denselben Beruf ausüben wie sein Vater, der auf einem Werkhof arbeitet. Der Schule gegenüber hat er jedoch gemischte Gefühle. Geografie macht ihm Spass. «Mathe mag ich aber nicht so», gibt er zu. Seine Lehrerin, Corinne Stucki, lacht. Sie hat ihre Wege und Mittel, wie sie den Unterricht spannend gestalten kann. So werden zum Beispiel exekutive Funktionen – Fähigkeiten des Gehirns, die beim Lernen, Konzentrieren und Planen helfen – auch mal mit einem Spieltraining gefördert.

Die Patientenschule bietet nebst der schulischen Grundbildung auch gestalterischen Unterricht an. Diesen dürfen Kinder bereits ab dem ersten Tag ihres Spitalaufenthalts besuchen. Dem Gestalten und Werken kommt hier ein besonderer Stellenwert zu. Werklehrerin Sandra Mosimann: «Während des Spitalaufenthalts ist vieles fremdbestimmt. Im Gestalten dürfen die Kinder und Jugendlichen sagen, was sie gerne machen. Deshalb gibt es bei uns die verschiedensten Werkangebote.»

Mitbestimmen zu können, helfe dabei, Selbstwirksamkeit zu erleben. Dies verleiht den Kindern Kraft für ihren strengen Spitalalltag. Mosimann macht die Erfahrung, dass Kinder beim freien Gestalten verarbeiten können, was sie belastet. Oder sie finden dabei durch eigene Handfertigkeit eine Möglichkeit, sich selbst zu helfen.

Die Werklehrerin erinnert sich an ein Mädchen auf der Onkologie, das sich eine Perücke nähen wollte. Wünsche wie diesen fordern die Lehrkräfte in ihrer Kreativität regelmässig heraus. «Wir haben lange überlegt, wie sich eine Perücke am einfachsten gestalten lässt.» Am Ende hätten sie auf chirurgische Netze und Garn als Ersatz für die Haare zurückgegriffen.

Die Beziehung als Basis

Krankheit lässt sich selten steuern oder berechnen. Notfälle schon gar nicht. Der Alltag in der Patientenschule erfordert Spontanität und Flexibilität. Für die elf Lehrpersonen, die hier unterrichten, bedeutet dies: «Jeder Tag ist anders. Wir unterrichten Kinder und Jugendliche aller Altersstufen und Schultypen. Sie stammen aus verschiedenen Kantonen, haben unterschiedliche Lehrmittel, oft sind es auch Französisch sprechende Schülerinnen und Schüler», sagt Corinne Stucki. 

«Wir müssen in kurzer Zeit eine Beziehung zu den Kindern und ihren Eltern aufbauen.»

Die Abklärungen mit der Herkunftsschule der Kinder gestalteten sich demnach sehr unterschiedlich. Sie sind jedoch unerlässliche Voraussetzung dafür, dass der Unterricht individuell dem Lernstand der Kinder und Jugendlichen entsprechend fortgesetzt und der Anschluss an die Stammklasse gewährleistet werden kann. Dabei sei stets der Lehrplan 21 massgebend.

Am Anfang stehen jedoch weder Lehrpläne noch Lernziele. Am Anfang steht die Begegnung. «In der Patientenschule müssen wir in kurzer Zeit eine Beziehung zu den Kindern und ihren Familien aufbauen und den ungefähren schulischen Stand einschätzen», sagt Lehrerin Stucki, die seit 29 Jahren an der Schule tätig ist. «Es gefällt mir, dass das Zwischenmenschliche, Authentische, das echte Leben hier eine zentrale Rolle spielen.» Die Patientenschule habe zudem einen weiteren Vorteil: «Ich muss keine Tests schreiben lassen und keine Noten geben», sagt Stucki lachend.

30 Spitalschulen

Die Patientenschule am Inselspital Bern gibt es seit 1963. Sie ist eine von rund 30 Spitalschulen in der Schweiz. Finanziert wird sie vom Kanton Bern, getragen vom Campus Muristalden Bern, einer privaten, teilsubventionierten Schule. Wie die Spitalschulen aufgebaut und organisiert sind, unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Am 1. Januar 2026 trat eine interkantonale Spitalschulvereinbarung in Kraft. Sie regelt den Lastenausgleich, wenn Kinder und Jugendliche ausserhalb ihres Wohnkantons hospitalisiert werden und dort eine Spitalschule besuchen.

Kann ein Kind aus medizinischen Gründen nicht zusammen mit anderen unterrichtet werden, erhält es so wie Simon Unterricht am Spitalbett. Wenn immer möglich, findet der Unterricht aber in Gruppen statt. Für Kinder, die ihre Station verlassen dürfen, gibt es eigens dafür eingerichtete Werk- und Schulzimmer auf dem Spitalgelände. Sie unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum von einem normalen Schulzimmer. Auch hier gibt es Pulte, Leseecken, Bücherregale, Spiele und selbst hergestellte Deko. 

Anders auf der Infektabteilung: Hier unterrichten die Spitalpädagoginnen am Spitalbett. Für Werklehrerin Sandra Mosimann hält der Unterricht auf dieser Station einige Herausforderungen bereit. «Wenn ich mit Kindern auf der Infektabteilung arbeite, müssen alle Materialien desinfiziert werden.» Wo dies nicht möglich sei, gelte eine Materialquarantäne.

Simons Weihnachtsgeschenk

Auch Simon nimmt oft und gerne am Werkunterricht teil. «Zuletzt habe ich ein Kätzli aus Ton geformt», erzählt er. Im Dezember, als es seine Blutwerte zuliessen, durfte er zusammen mit den anderen Kindern Kerzen ziehen. «Er hat so viele Kerzen gezogen, dass er für die ganze Familie ein Weihnachtsgeschenk hatte», sagt seine Mutter.

An Weihnachten und anderen Feiertagen bleibt die Patientenschule geschlossen. Ansonsten herrscht hier während 52 Wochen Betrieb. Dafür müssen alle unterrichtenden Lehrpersonen stets auf dem neusten Stand sein. Sie nehmen jährlich an Reanimationskursen teil und müssen Bescheid wissen, welche medizinischen Begebenheiten die Sicherheit im Unterricht gewährleisten. Dafür tauschen sie sich regelmässig mit dem medizinischen Fachpersonal aus und nehmen an Rapporten teil. «Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein wesentlicher Faktor im Genesungsprozess der Kinder und Jugendlichen», sagt Livia Salis-Wiget. 

Beide – Lehrkräfte sowie das medizinische Fachpersonal – investieren auf ihre Art in die Zukunft der Kinder und Jugendlichen, die hier hospitalisiert sind. Sie schaffen ein Wirkungsfeld, das Spitalmitarbeitende, Patientinnen, Patienten und ihre Familien auf unbestimmte Zeit zusammenschweisst. Und wenn diese Zeit endet und auf der Onkologiestation eine Glocke hell läutet, wissen alle: Es ist wieder ein Kind gesund geworden. Es darf nach Hause. Das Glockenläuten der Gesunden – eine amerikanische Tradition, die es nach Europa geschafft hat – soll auch anderen Kindern Hoffnung schenken. 

Autor
Mirja Keller

Datum

28.04.2026

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