Leuchtturmprojekt

Hier macht selbstorganisiertes Lernen Schule

Das neue Oberstufenzentrum im bernischen Zollbrück wird als Leuchtturm für das Unterrichtsmodell des selbstorganisierten Lernens gehandelt. Bei einem Schulbesuch zeigt sich, wo die Vorteile und Tücken liegen.

Ein Kind läuft durch ein Lernraum mit Pulten und Stühlen.
In zwei grossen Lernateliers haben jeweils rund 70 Schülerinnen und Schüler ihre persönlichen Arbeitsplätze. Fotos: Andre Veith

Zollbrück im Emmental beschreitet neue Wege. Im Weiler auf den Gemeindegebieten von Rüderswil und Lauperswil wurde ein neues Oberstufenschulhaus errichtet. Der im Sommer 2025 eröffnete Neubau basiert gänzlich auf dem Unterrichtsmodell des selbstorganisierten Lernens und ist somit der erste seiner Art im Kanton Bern. Dabei sind die Jugendlichen angehalten, selbst inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und etwa die Reihenfolge der Aufgaben frei zu wählen. So soll die Schülerschaft in ihrer Selbstständigkeit gefördert werden. Die Bildungsdirektion würdigte das Projekt gar mit einem Kurzfilm. Als Good-Practice-Beispiel sollen sich andere Schulen von Zollbrück inspirieren lassen. Was macht die Schule mit ihrem neuen Gebäude so speziell? BILDUNG SCHWEIZ besucht Zollbrück und befragt die Menschen, die im neuen Gebäude lernen und lehren.

«Beim selbstorganisierten Lernen steht die Selbstbestimmung der Schülerinnen und Schüler im Mittelpunkt», sagt Gesamtschulleiter Daniel Gebauer. Es gehe beim Lernen nicht darum, dass die Lehrperson der Klasse im Frontalunterricht Wissen eintrichtert. «Wir ermutigen die Jugendlichen dazu, ihr Lernen selbst in die Hand zu nehmen: selbst zu planen, sich Ziele zu setzen, den eigenen Lernprozess zu überwachen, zu bewerten und schliesslich zu reflektieren», sagt er weiter.

Flüsterkultur hat sich bewährt

Wie beeinflusst die Architektur das Lernen? In sogenannten Lernateliers sitzen die Jugendlichen an ihrem persönlichen Arbeitsplatz. Während des Lernens werden sie von zwei bis drei anwesenden Lehrpersonen – darunter auch Fachpersonal der schulischen Heilpädagogik – betreut. Der Neubau beherbergt zwei solche Ateliers. Sie sind jeweils 300 Quadratmeter gross und bieten je siebzig Schülerinnen und Schülern Platz. Die Lernateliers sind altersdurchmischt, denn in jeweils einem sind eine siebte, eine achte und eine neunte Klasse untergebracht. Trotzdem ist es mucksmäuschenstill. Direkt hinter der Fensterfront liegt der angrenzende Wald. Draussen: Bauernhäuser, grüne Wiesen und Tannen. Drinnen: stilles, konzentriertes Arbeiten. Zu hören sind einzig die leisen Geräusche des Luftbefeuchters. Wenn gesprochen wird, flüstert man.

Daniel Gebauer hat den Umbau des Oberstufenzentrums Zollbrück begleitet. Hier geht es zu seinem Kommentar «Neue Schulräume brauchen breite Zustimmung».

Diese Flüsterkultur habe sich bewährt und erstaunlicherweise müssten die Lehrpersonen beinahe nie «Polizei» spielen, sagt Gebauer. Man wähnt sich im Grossraumbüro eines effizient funktionierenden Unternehmens, auch weil die Arbeitsplätze mit Trennwänden voneinander abgegrenzt sind. Die Ähnlichkeit mit Büroräumlichkeiten ist gewollt. Sie soll die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern. «Das ist in der Berufswelt gefragt», ergänzt Gebauer.

Gruppenarbeit in der Gondelbahn

Neu ist auch das durchlässige Schulmodell. So werden die Schülerinnen und Schüler diverser Leistungsniveaus (Grundansprüche und erweiterte Ansprüche) seit letztem Sommer in durchmischten Stammklassen unterrichtet. In den Hauptfächern Deutsch, Französisch und Mathematik findet getrennt nach Sek und Real Niveauunterricht statt. Abhängig von ihrer Leistung können die Schülerinnen und Schüler jederzeit das Niveau wechseln. In den Räumen des neuen Schulhauses wäre aber auch der Unterricht in einem weniger durchlässigen Modell theoretisch möglich, da ausreichend Klassenzimmer, die hier in Zollbrück sechs Impulsräume genannt werden, vorhanden sind.

«Wenn man Inhalte oder Aufgaben nicht richtig verstanden hat, sind stets genügend Lehrpersonen vor Ort.»

Diese Impulsräume liegen direkt neben den beiden Lernateliers. Hier findet auch klassischer Unterricht statt, in Deutsch, Mathematik oder Französisch. Im Erdgeschoss lädt der sogenannte Marktplatz zudem zum kooperativen Lernen ein: ein helles, grossräumiges Zimmer, mit Sitzgelegenheiten und Regalen mit Lehrmitteln drin. Ebenfalls ins Auge sticht eine Seilbahnkabine: Hier finden sich Jugendliche ein, um in alpiner Atmosphäre die nächste Gruppenarbeit zu planen.

Eliane Lädrach unterrichtet seit sechs Jahren an der Oberstufenschule Zollbrück. Als Fachlehrerin ist sie überzeugt, dass das selbstorganisierte Lernen den Schülerinnen und Schülern mehr Freiheiten lässt – und für eine positive Lernatmosphäre sorgt. Die Lehrpersonen bleiben Teil des Geschehens: «Unsere Arbeitsplätze befinden sich ebenfalls in den Lernateliers, direkt neben den Schülerpulten. Das sorgt für eine erfrischende Durchmischung und einen regen, weil unkomplizierten Austausch.»

Auch Deborah Gnägi, Klassenlehrerin der achten Klasse, ist vom neuen Modell überzeugt: «Die Räumlichkeiten bieten mehr Platz fürs Lernen. Das kommt uns allen entgegen. Darüber hinaus verstehe ich mich in diesem Setting viel eher als Teamplayerin denn als Einzelkämpferin. Man zieht sich als Lehrperson nicht in sein eigenes Klassenzimmer zurück, sondern agiert in den Lernateliers direkt mit den anwesenden Kolleginnen und Kollegen. Dies fördert die Zusammenarbeit automatisch.»

Das klingt wunderbar. Stellt sich die Frage, wo genau Defizite auszumachen, wo Widersprüche begraben sind. Das selbstorganisierte Lernen setzt bei den Lernenden voraus, dass sie ihr eigenes Lernen planen, kontrollieren und an neue Situationen anpassen können. Das fällt nicht allen leicht. Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten, beispielsweise mit einem Aufmerksamkeitsdefizit oder Hypaktivität, haben oftmals Mühe mit kognitiven Steuerungsprozessen. Werden diese Schülerinnen und Schüler abgehängt?

Das unternehmerische Selbst

«Wie bei jedem Unterrichtsmodell bekunden die einen weniger, die anderen mehr Mühe», meint Lädrach. Und Gnägi ergänzt: «Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen werden vom Fachpersonal der schulischen Heilpädagogik bei uns sehr eng begleitet, wie das auch in herkömmlichen Modellen der Fall ist.»

Wie sehen das die Direktbetroffenen, die Schülerinnen und Schüler, die im Oberstufenzentrum Zollbrück täglich ein- und ausgehen? Achtklässlerin Lara Kilchenmann erkennt im Modell des selbstorganisierten Lernens viele Gemeinsamkeiten mit der Arbeitswelt: «Wir werden auf unsere berufliche Zukunft vorbereitet. Der Fokus liegt auf der Selbstständigkeit; das hilft uns in vielen Belangen.» Neuntklässler Dominic Wüthrich ergänzt: «Anfangs war alles neu und ungewohnt, aber mittlerweile haben wir unsere Routinen entwickelt. Am Montagmorgen plane ich meine Woche, dann geht’s an die Arbeit.» 

Ebenso hat sich Achtklässler Fabian Joss an die neue Umgebung gewöhnt: «Klar, das Ganze setzt mehr Eigenverantwortung voraus. Wenn man Inhalte oder Aufgaben nicht richtig verstanden hat, sind aber stets genügend Lehrpersonen vor Ort, die einem helfen.» Neuntklässlerin Selina Stettler arbeitet im Marktplatz an einer Präsentation über die Hausziege, im Fach Deutsch. «Wer verstanden hat, wie man die eigene Arbeit gut planen kann, findet sich in diesem Unterrichtsmodell gut zurecht.»

Vergleicht man das selbstorganisierte Lernen mit herkömmlichen Modellen, so scheint es ebenso zu funktionieren. Ob und inwiefern es die Volksschule tatsächlich besser macht, hat die empirische Bildungsforschung erst noch aufzuzeigen. Der Zürcher Pädagogik-Professor Roland Reichenbach jedenfalls erkennt im selbstorganisierten Lernen primär einen pädagogischen Slogan: Selbstbestimmung ist gut, Fremdbestimmung nicht so gut. Dass die Aneignung von Wissen auch im neuerdings selbstbestimmten Lernen mit Anstrengung verbunden bleibt, wird sich in der Schule so rasch nicht ändern – ob nun im Klassenzimmer, im Lernatelier oder gar in der Seilbahnkabine. 

Autor
Lukas Tschopp

Datum

21.04.2026