Die Bildungslandschaft Schweiz ist ein Flickenteppich, nur ein einziges Fach ist landauf, landab gleich. Egal, ob in St. Gallen, Chiasso, Basel oder Genf: Drei Mal wöchentlich findet in der Volksschule der Sportunterricht statt. So steht es im Bundesgesetz, kein anderes Schulfach geniesst dieses Privileg. Damit könnte aber bald Schluss sein. Im Rahmen des Projekts «Entflechtung 27» soll die Aufgabenverteilung auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene unter die Lupe genommen und – wo sinnvoll – neu aufgeteilt werden.
Abgeschlossen werden soll das 2024 gestartete Projekt «Entflechtung 27» im kommenden Jahr. Federführend sind Bund und Kantone. Im April veröffentlichten sie einen Zwischenbericht. Diesem ist zu entnehmen, dass das Sportstunden-Obligatorium ersatzlos aus dem Bundesgesetz über die Förderung von Sport und Bewegung gestrichen werden soll. Zurück geht diese einzigartige Regelung auf das 19. Jahrhundert. Damals ging es im Zusammenhang mit der Wehrfähigkeit um körperliche Ertüchtigung. Weil die Bildungshoheit ansonsten bei den Kantonen liegt, sollen nun auch im Sportunterricht die Kantone zuständig sein.
Wer zahlt, bestimmt
Dabei gehe es nicht darum, den Sportunterricht zu schwächen, sondern um eine ordnungspolitisch sinnvolle Aufteilung. Denn wer nicht zahle, habe nicht zu bestimmen, sagt Mitte-Ständerat Benedikt Würth in Medienberichten. So sei die Schule Sache der Kantone, wo der Bund keine Leistungen vorzuschreiben habe. Der schweizerische Verband für Sport an der Schule (SVSS) lehnt sich dagegen auf. Gemeinsam mit dem Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), dem Syndicat des Enseignant.es Romand.es (SER), der Allianz Bewegung, Sport und Gesundheit (ABSG) sowie Swisscoach warnt er in einer Medienmitteilung vor dem Abbau.
«Der obligatorische Sportunterricht ist eine nicht verhandelbare Grundlage der Gesundheitsförderung, Chancengleichheit und schulischen Bildung.» Der obligatorische Sportunterricht an Schulen zähle zu den wirksamsten und günstigsten Präventionsmassnahmen und erreiche alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von Herkunft und sozialem Umfeld. Darüber hinaus verursache Bewegungsmangel erhebliche Folgekosten. Nationale Mindeststandards im Sportunterricht seien daher eine Präventionsmassnahme.
Es fehlt an Turnhallen
Dass die Kantone keine Sportstunden streichen würden, hält die Allianz für unwahrscheinlich: «Die Stundentafeln würden stärker von Sparprogrammen oder politischen Prioritäten abhängen.» In der Schweiz hat es seit langem zu wenig Turnhallen. Noch bis Anfang Juli läuft die Konsultationsphase für Kantone und Gemeinden. Die Allianz fordert alle politischen Verantwortlichen dazu auf, sich für eine ablehnende Stellungnahme einzusetzen.
