Dicke Wachsmalstifte liegen auf den Tischen der jungen Schülerinnen und Schüler. Ein Kind malt Kreise, ein anderes kritzelt scheinbar wahllos Linien auf ein Blatt Papier – und erklärt der Lehrperson stolz, was dort geschrieben steht. Auch wenn Erwachsene diese Zeichen nicht lesen können: Für Kinder ist früh klar, dass Schrift etwas bedeutet. Sie ist ein Mittel, um sich mitzuteilen, Erlebnisse festzuhalten und um mit anderen zu kommunizieren. Doch braucht es diese Fähigkeit in einer Welt, in der Texte getippt, diktiert oder von künstlicher Intelligenz erzeugt werden können?
Pädagogik
Hat die Handschrift ausgedient?
Tablets, Tastaturen und Diktierfunktionen sind längst im Klassenzimmer angekommen. Trotzdem lernen Kinder weiterhin, Buchstaben mit Stift auf Papier zu schreiben. Die Forschung zeigt: Handschrift ist wichtig.


Handschrift als Grundlage
Afra Sturm, Professorin für Deutschdidaktik an der pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW), erklärt, dass Schreiben mehr ist als das Formen von Buchstaben. Schreiben ist eine automatisierte Grundfertigkeit, die kognitive Ressourcen freisetzt. Besonders wichtig sei es, das handschriftliche Schreiben nicht als Malen zu vermitteln. Denn: «Handschrift gehört zu den hierarchisch niedrigen Fertigkeiten», erklärt sie. «Wenn sie automatisiert ist, braucht sie weniger Aufmerksamkeit. Dann bleibt mehr Kapazität für das, was das Kind eigentlich ausdrücken möchte.» Schreiben erfordere verschiedene Fähigkeiten. «Es braucht teils einen anderen Wortschatz. Man muss sich in andere hineinversetzen können und viel mehr Kontext liefern.»

Auch Judith Sägesser, Dozentin und Forscherin im Bereich Heil- und Sonderpädagogik der pädagogischen Hochschule in Bern betont, wie wichtig Handschrift besonders für junge Schülerinnen und Schüler ist. «Beim Schreiben von Hand werden sprachliche, sensomotorische und räumliche Prozesse gleichzeitig aktiviert», erklärt sie. «Diese Vernetzung regt das Gehirn in Bereichen an, die zentral für das Lernen sind.» Studien zeigen zudem, dass handschriftliche Notizen besser im Gedächtnis bleiben als getippte. «Es ist eigentlich lustig: Obwohl ich beim Tippen mehr schaffe und schneller bin, weiss ich später weniger.»
Genau hier setzt das Forschungsprojekt Grafmilis an (siehe Box). Dessen Ziel ist es, die Förderung der Handschrift digital zu unterstützen – nicht sie zu ersetzen. Die Forschenden arbeiten mit einer App, die auf einem Tablet Schreibbewegungen, Druck, Tempo und Rhythmus präzise erfasst. Die Daten zeigen, wo ein Kind noch Unterstützung braucht. Darauf aufbauend schlägt die App gezielte Übungen vor. Zum Beispiel in Form eines Spiels, bei dem ein U-Boot nur über den Stiftdruck auf dem Tablet gesteuert werden kann. «Digital lassen sich viel genauere Daten erheben als mit blosser Beobachtung», so Sägesser. Gleichzeitig liefert die App weitere Ideen, wie man die Kinder beim Schreibenlernen unterstützen kann. Digital und analog. Ergänzend haben die Forschenden einen Leitfaden für Lehrpersonen mit weiteren Inputs für analoge Übungen entwickelt.
«Obwohl ich beim Tippen mehr schaffe und schneller bin, weiss ich später weniger.»

Motivation als Schlüssel
Psychomotoriktherapeutin Franziska Eggel begleitete das Forschungsprojekt im Schuljahr aktiv im Unterricht und betont, wie motiviert die Kinder an die Übungen auf dem Tablet herangegangen seien. «Es war ihnen im ersten Moment gar nicht bewusst, dass sie eigentlich Schreibübungen machen.» Auch die Reaktionen der Lehrpersonen seien durchweg positiv gewesen und die Effekte sichtbar. «Die Kinder konnten Übungen vom Tablet auf dem Papier anwenden und erleben – etwa beim bewussten Arbeiten mit dem Stiftdruck.»
Eggel weist jedoch auch auf die praktischen Hürden hin. «Diese Form der Förderung ist mit Kosten verbunden – es braucht Tablets, passende Stifte und die App.» Trotzdem: Gerade Kindern, denen das Schreibenlernen schwerfällt, könne die Kombination aus Übungen auf dem Papier und auf dem Tablet helfen. «Schwierigkeiten beim Schreiben wirken sich oft auf das Selbstwertgefühl aus.» Das schadet der Motivation. Eggel empfiehlt in solchen Fällen, die Situation mit digitalen Spielen zu entlasten.
Für die Auflockerung zwischendurch empfiehlt Afra Sturm Lehrpersonen, dass Kinder mit Schreibschwierigkeiten gelegentlich selbst Texte diktieren können. «Dann merken die Schülerinnen und Schüler, dass ihre Gedanken ernst genommen werden. Sie stellen fest, dass sie sich auch ausdrücken und zum Beispiel einen schönen Brief formulieren oder eine tolle Geschichte erzählen können.» Wichtig sei es, dass das Wiedergegebene unverändert verschriftlicht werde. «Die Kinder erleben so, dass sie auch etwas zu sagen haben, auch wenn die motorische Umsetzung noch nicht gelingt.»
Fazit zur Handschrift
Langfristig bleibt das Ziel, dass das Schreiben – egal ob per Handschrift oder Tastaturschreiben – ein automatisierter Ablauf wird. «Schrift ermöglicht es, Gedanken zu ordnen, Wissen zu sichern und Erlebnisse zu verarbeiten», so Sturm. Und: Das Schreibenlernen sei ein Prozess und nicht automatisch nach der Primarschule abgeschlossen. «Es gibt auch Kinder, die noch in der Sekundarschule Unterstützung brauchen.» Handschrift sollte immer ein Thema im Unterricht sein. Oder, wie Sturm es zusammenfasst: «Handschrift bleibt relevant – unabhängig vom Medium. Den Stift braucht es. Egal ob auf Papier oder auf dem Tablet.»
Handschrift digital lernen
Die Studie Grafmilis ist ein Kooperationsprojekt der pädagogischen Hochschule Bern und der École polytechnique fédérale de Lausanne mit Unterstützung von Belearn, einem Schweizer Kompetenzzentrum für digitale Bildung. Sie hat untersucht, wie digitale Technologien die Förderung der Handschrift sinnvoll unterstützen können. Mithilfe von Tablet und Stift werden Schreibbewegungen, Druck und Tempo analysiert. Auf dieser Grundlage wurden spielerische Übungsformate entwickelt, die gezielt einzelne Aspekte der Handschrift trainieren. In Ergänzung zur Studie entstand ein praxisnaher Leitfaden für Lehrerinnen und Lehrer. Mehr Informationen: belearn.swiss
Autor
Franziska Pahle
Datum
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