Pro & Contra

Hat das Modell Jahresschule Zukunft?

Daniela Schädeli und Lulzana Musliu haben im Hinblick auf die Jahresschule andere Ansichten. Hier legen sie ihre besten Argumente für und gegen eine Viertageswoche und sechs Wochen Ferien an der öffentlichen Schule dar.

Zwei Frauen im Porträt.
Lulzana Musliu (links) und Daniela Schädeli argumentieren gegen beziehungsweise für den Schulversuch in Belp. Fotos: ZVG

Pro: Daniela Schädeli 

Als Initiantin bin ich dankbar, dass wir den Schulversuch Jahresschule in Belp durchführen dürfen. Denn es braucht eine konkrete Antwort auf die hohe zeitliche und emotionale Belastung der Lehrpersonen. Im gegenwärtigen Schulsystem erleben Lehrpersonen eine erhöhte Arbeitsbelastung während der 39 Schulwochen, welche in den 13 Wochen unterrichtsfreier Zeit kompensiert wird. Der Arbeitsrhythmus ist dadurch wellenartig ausgestaltet: Sprint, Erholung, Sprint, Erholung und so weiter. In der Jahresschule versuchen wir, die Arbeitsbelastung regelmässiger über die 46 Arbeitswochen zu verteilen. Durch die neue Verteilung der Arbeitszeit steht mehr Zeit für Vor- und Nachbereitung, Schulentwicklung, Zusammenarbeit und Weiterbildung in den Schulwochen zur Verfügung.

Durch die Kombination von Volksschule und Tagesbetreuung am selben Ort profitieren die Lehrpersonen vom tieferen Betreuungsschlüssel der Tagesbetreuung.

Als Beispiel: Eine Lehrperson mit einem 80-Prozent-Pensum arbeitet pro Woche zwei ganze Tage mit den Kindern direkt und hat zwei Tage Zeit für alles Weitere. Das Ziel dieser Arbeitszeitgestaltung ist es, dass in den ordentlichen fünf Wochen Ferien auch wirklich Erholung angesagt ist und nicht dauernd der Druck, was alles noch gemacht werden müsste, mitschwingt. Durch die Kombination von Volksschule und Tagesbetreuung am selben Ort profitieren die Lehrpersonen zudem vom tieferen Betreuungsschlüssel der Tagesbetreuung (10:1), was dazu führt, dass konstant mindestens drei Lehr- und Betreuungspersonen als interdisziplinäres Team für die Klasse verantwortlich sind, ohne dass dies mehr Ressourcen braucht als heute. Der Schulversuch Jahresschule ist eine konkrete Antwort. Indem die Arbeitszeit regelmässiger übers Jahr verteilt, eine konstante interdisziplinäre Zusammenarbeit etabliert und Verantwortung geteilt wird, sollen Lehrpersonen entlastet werden.

Ob uns dies alles gelingt, weiss ich nicht. Wir versuchen es. Ganz nach dem Motto der Jahresschule: gwundrig, muetig, mitenang.

Daniela Schädeli ist Abteilungsleiterin für Familie und Bildung in der Gemeinde Belp (BE) und Initiantin des Schulversuches.

Kontra: Lulzana Musliu

Die Pro Juventute steht dem Modell kritisch gegenüber. Die Schule ist keine Betreuungsinstitution. Kinder haben ein Recht auf Bildung. Dieses Recht ist in der UN-Kinderrechtskonvention festgehalten. Dieselbe Konvention hält aber auch fest: Kinder haben ein Recht auf Ruhe, Freizeit und Erholung. Wenn wir über neue Schulmodelle diskutieren, müssen wir deshalb beides im Blick behalten. Die nun in Belp erprobte Jahresschule verspricht eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das Bedürfnis vieler Eltern nach verlässlichen Lösungen während der Schulferien ist nachvollziehbar. Familien stehen unter erheblichem organisatorischem Druck. Aus Sicht von Pro Juventute sollten wir uns als Gesellschaft jedoch die Frage stellen: Warum diskutieren wir darüber, die Ferien der Kinder an die Arbeitswelt anzupassen, und nicht intensiv darüber, wie die Arbeitswelt familienfreundlicher werden kann? Denn Schule ist in erster Linie ein Ort der Bildung und Entwicklung, keine Betreuungsinstitution. Lange Ferien sind entsprechend nicht einfach eine Betreuungslücke. Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung auch unverplante Zeit. Um sich zu erholen, Freundschaften zu pflegen, zu spielen, sich zu langweilen.

Eine entscheidende Perspektive fehlt: jene der Kinder. 

Es ist gut, dass Modelle wie jenes in Belp erprobt und evaluiert werden. Doch bezeichnend ist, wer bei der Debatte zu Wort kommt. Zum Beispiel fragte die nationale Berichterstattung vor allem Erwachsene: Was erhoffen sich Eltern von der Jahresschule? Was bedeutet sie für Lehrpersonen? Das sind wichtige Perspektiven. Doch eine entscheidende fehlt: jene der Kinder. Dabei sind sie es, deren Alltag sich grundlegend verändert. Daher sollten wir uns eine grundsätzliche Frage stellen: Gestalten wir Schule noch danach, was Kinder für Bildung und Entwicklung brauchen, oder zunehmend danach, was sich am besten mit der Arbeitswelt der Erwachsenen vereinbaren lässt?

Lulzana Musliu leitet bei der Stiftung Pro Juventute die Abteilung Politik und Medien. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung.

Im Artikel «Belp sortiert das Schuljahr neu» erfahren Sie mehr über den Schulversuch und darüber, warum Schulversuche oft ein Projekt bleiben.

Datum

20.10.2026

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