PÄDAGOGIK
Geht es nicht mehr weiter, ist das Notfallteam zur Stelle
Wenn in einer Klasse die Situation aus dem Ruder läuft, springen sie ein: Ein Notfallteam aus Lehrpersonen bietet niederschwellig Unterstützung.

Eine Jugendliche kommt seit Wochen nicht mehr in die Schule. Ein Junge reagiert aggressiv gegenüber den anderen Kindern und den Lehrpersonen. Eine Gruppe Jugendlicher stört dauernd den Unterricht. Ein Mädchen gerät bei Unvorhergesehenem in eine unkontrollierbare Wut. Ein Junge kann kaum stillsitzen und provoziert dauernd den Rest der Klasse. Das sind nur ein paar der unterdessen bereits über 80 Einsätze, bei denen die «Learning Support Teams» (LST) Schulteams in der Schweiz und in Liechtenstein unterstützt haben.
Weil im Schulalltag die zunehmende Heterogenität eine grosse Herausforderung ist, kommen viele Schulen an ihre Grenzen. Da wird der Ruf nach separativen Lösungen laut. Genau hier setzt das Pilotprojekt der pädagogischen Hochschule Zürich, der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik und dem Schulamt Liechtenstein an. Es basiert auf dem Grundsatz, dass alle Schülerinnen und Schüler in ihrer Schule willkommen und gut aufgehoben sind. Dabei wird auch eingestanden, dass es dennoch schwierige Situationen geben kann.
Wendet sich jemand an das Support-Team, hilft dieses schnell und unkompliziert. Das Team arbeitet mit der Lehr- oder Fachperson, einem Unterrichtsteam oder ganzen Schulteams, bis die Situation so weit gelöst ist, dass die Schule selbst weiterarbeiten kann. Dies kann ein einzelnes Gespräch wie auch eine mehrere Wochen dauernde Begleitung sein.
Blick von aussen hilft
«Das ‹Learning Support Team› hat mich fachlich und emotional sehr unterstützt», erzählt eine schulische Heilpädagogin aus Liechtenstein. Sie hatte in ihrem Unterricht einen sehr herausfordernden Schüler, und obwohl sie schon viel ausprobiert hatte, verbesserte sich die Situation nicht. So suchte sie Hilfe beim LST.
Innerhalb von 24 Stunden erhielt die Heilpädagogin einen Rückruf von Ariane Marxer, die im Schulamt Liechtenstein die Einsätze des Supportteams koordiniert. Bereits am nächsten Tag kamen zwei Mitglieder des Liechtensteiner Teams auf Schulbesuch. «Es hilft, wenn jemand von aussen kommt und unvoreingenommen eine andere Perspektive einnimmt», sagt eine Schulleiterin aus Liechtenstein.
«Einfach mal zu erzählen, hat mir sehr gutgetan und Entspannung in die Situation gebracht», ergänzt die Heilpädagogin. «Wenn man in einer Situation steckt, ist es wichtig, innezuhalten, zurückzuschauen und mit einem Team zusammen neue Wege zu wagen», fährt sie fort. Die Botschaft «Wir schaffen das zusammen» wie auch die wertschätzende Haltung des LST und der Fokus auf das Positive hätten ihr dabei geholfen.
«Durch die Zusammenarbeit mit dem Team hat sich der Schulalltag wieder entspannt.»
Das LST war in dieser Zeit regelmässig am Morgen im Schulhaus und so für alle Lehrpersonen als Anlaufstelle da. Das sorgte für Entlastung, Sorgen wurden gehört und das Gefühl gestärkt, nicht allein zu sein. «Vom Team- zum Crewdenken», nennt dies die Heilpädagogin. «Durch die Zusammenarbeit mit dem Team hat sich der Schulalltag entspannt und alle Kinder besuchen weiterhin ihre angestammten Klassen», freut sich die Schulleiterin über den erfolgreichen Einsatz des LST.
Informationen zum Projekt
In der Schweiz und in Liechtenstein arbeiten die pädagogische Hochschule Zürich, die interkantonale Hochschule für Heilpädagogik, das Schulamt Liechtenstein, zwei Schulen im Kanton Aargau (Baden und Oftringen) sowie der Schulkreis Uto der Stadt Zürich gemeinsam am Projekt «Learning Support Teams (LST)». Inzwischen sind auch der Schulkreis Zürichberg und die Stadt Schaffhausen mit dabei. Die Teams unterstützen Schulen im Umgang mit Vielfalt und Inklusionsorientierung. Erfahrene Fachpersonen unterstützen Lehr- und Fachpersonen sowie Schul- und Betreuungsleitungen. Ziel des Projekts ist es, eine chancengerechte, nachhaltige Schulkultur aufzubauen und Lehr- und Fachkräfte zu entlasten. Unterstützt wird das Projekt duch die Stiftung Mercator Schweiz.

Die Arbeit des LST setzt auf Ebene der Organisation Schule an und bezieht je nach Bedarf Lehrpersonen, Schulleitung, weitere pädagogische Fachpersonen wie auch Eltern mit ein. Sie arbeiten daran, dass sich Schulen immer mehr in Richtung Inklusion weiterentwickeln. Dies kann beispielsweise mit dem gemeinsamen Vorbereiten, Durchführen und Reflektieren des Unterrichts, Informationen an Elternabenden und Informationsveranstaltungen an der Schule erreicht werden.
Idee stammt aus Kanada
Die Idee des «Learning Support Teams» stammt aus Kanada, wo sich diese bereits seit 15 Jahren bewähren. In der Schweiz und in Liechtenstein arbeiten die Initianten des LST-Projekts mit ausgewählten Schulen zusammen. Die Support-Teams unterstützen Schulen dabei, die Tragfähigkeit in anspruchsvollen Unterrichts- und Schulsituationen zu stärken und Unterricht in heterogenen Klassen gemeinsam vorzubereiten, durchzuführen und weiterzuentwickeln. Die Teammitglieder sind allesamt erfahrene Fachpersonen aus dem pädagogischen Bereich. Sie haben sich mit einem 16-tägigen Training auf die Einsätze vorbereitet.
Die Mitglieder der Support-Teams sind bei Schulbehörden oder Schulämtern angestellt. Die Ämter müssen die entsprechenden Stellen schaffen und die angestellten Personen in das Vorbereitungstraining schicken. Für die Schulen entstehen keine Kosten, egal wie lange ein Einsatz dauert. Es ist zudem ein freiwilliges Angebot, das niemandem aufgezwungen wird. Lehr- und Betreuungspersonen entscheiden selbst, ob sie Unterstützung wollen.
Das Projekt dauert noch bis 2028 und wird von zwei Forschungsteams begleitet. Diese sollen zeigen, wie «Learning Support Teams» arbeiten, wie gross die Nachfrage ist und ob die Projektziele erreicht werden. Die Erkenntnisse bilden die Grundlage für die Fortsetzung des Projekts.
«Schulteams müssen herausfordernde Situationen nicht allein bewältigen.»
Erfolge stimmen zuversichtlich
Die Ausgangslage ist klar: Schulen verfügen über begrenzte Ressourcen. Da setzt Learning Support an. «Schulteams müssen herausfordernde Situationen nicht allein bewältigen», sagt Frank Brückel von der PH Zürich. «LST können dabei unterstützen. Das ist ihr Kernauftrag.» Stefan Langenegger, Leiter pädagogischer Support des Schulamtes Liechtenstein, ergänzt: «Das LST bringt kein fertiges Rezept, wie man es richtig macht, sondern es holt die Schule dort ab, wo sie steht, und nimmt den Fokus weg vom einzelnen Kind hin zum Gesamtsystem Schule.»
Auch Christoph Suter von der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik betont, dass es darum gehe, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten sowie das Rüstzeug zu erwerben, in zukünftigen Situationen handlungsfähig zu bleiben. Um den Unterricht tragfähig zu gestalten, wird ausserdem das Konzept des «Universal Design for Learning» in die Klassenzimmer gebracht. Diese Unterrichtsform mit inklusiven Lernangeboten verspreche besonders für heterogene Klassen eine grosse Flexibilität, erklärt Suter (siehe auch BILDUNG SCHWEIZ, Juni 2026).
Bis auf eine Ausnahme konnten durch den Einsatz der LST alle Schülerinnen und Schüler in ihrer angestammten Schule bleiben. Geht man davon aus, dass eine Sonderbeschulung ein Mehrfaches der Regelschule kostet und den Jugendlichen zudem schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt beschert, lohnt sich ein LST-Einsatz mehrfach.
Autor
Claudia Baumberger
Datum
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