In diesem Bildband ist alles im Entstehen begriffen. Nichts ist gegeben, nichts ist definitiv. Nach und nach nehmen Tiere und Worte Form an. Was erst kaum erkennbar ist, konkretisiert sich Seite um Seite, Zeichenstrich um Zeichenstrich, bis ein Puma, ein Frosch oder Kugelfisch entsteht. Und daneben reihen sich mit jeder Seite mehr Worte aneinander, bis sie ein Gedicht bilden. Im Bildband «Schlich ein Puma in den Tag» wird so der kreative Prozess – vom Texten einerseits und Gestalten andererseits – visuell erlebbar. Für diesen originellen Ansatz erhalten die drei Frauen, die für das Werk verantwortlich zeichnen, den Kinder- und Jugendbuchpreis 2026.
SCHWEIZER KINDER- UND JUGENBUCHPREIS 2026
Eine spielerische Ode an den kreativen Prozess
«Schlich ein Puma in den Tag» gewinnt den Kinder- und Jugendbuchpreis 2026. Der Bildband feiert Kreativität und animiert junge Menschen, selbst zum Stift zu greifen.


Sgraffito-Technik im Fokus
Die tierischen Illustrationen der Malerin Verena Pavoni rücken dabei eine Technik mit grossem poetischem Potenzial ins Zentrum: das Sgraffito, das Kratzbild. Es entsteht, wenn mehrere Schichten übereinander gemalt werden: erst farbig, dann weiss, dann schwarz. Mit einem Kratzinstrument kann danach das ursprüngliche farbige Bild wieder sichtbar gemacht werden. So transformiert sich das Ursprungsbild, wird vielschichtiger und erhält mehr Tiefe.
Ein schönes Buch, das in Antithese zur hochdigitalisierten Welt den Wert der menschlichen Kunst auf Papier bringt.
Die Sgraffito-Technik und die Gedichte der Poetin Lena Raubaum unterstreichen damit die Transformationskraft, die der Kreativität innewohnt. Wer aus dem Nichts Neues erschafft, verändert etwas. Die ungewöhnliche Machart des Buches wirkt inspirierend, umso mehr, als sie nicht wertet.
Dennoch drängt sich angesichts der zurückhaltenden Entfaltung der Bilder die Frage auf, ob der Bildband Kinder ab fünf Jahren zu fesseln vermag. Oder wirkt die Originalität dieses Buches eher in den Augen von Erwachsenen? Unter diesem Gesichtspunkt gilt es den Hinweis am Ende des Bandes positiv zu erwähnen: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung animiert Kinder, selbst zum Stift zu greifen und kreativ zu werden. Ein schönes Buch, das in Antithese zur hochdigitalisierten Welt den Wert der menschlichen Mal- und Dichtkunst auf Papier bringt.
Diese Bücher standen ebenfalls auf der Shortlist

Thomas Meyer: «Herschel, der Gespensterhund», 2025, Atlantis, 32 Seiten.
Ein schmerzlich vermisster Familienhund kehrt nach seinem Tod als Gespenst zurück. Das keck illustrierte Bilderbuch spendet Trost, ohne zu beschönigen.

Émelie Boré, Vincent: «Jean-Blaise Papa poule», 2025, La Joie de lire, 72 Seiten.
Die Comic-Reihe über Kater Jean-Blaise geht weiter: In diesem dritten Band werden er und der Goldfisch Tsubasa Eltern einer Schlange. Ein Bilderbuch voller Absurditäten, Originalität und Schalk.

Sylvie Neeman, Francesca Ballarini: «Le petit roi», 2025, La Joie de lire, 36 Seiten.
Ein kleiner Junge mit selbst gebastelter Krone und einem Teddybär möchte gerne König sein. Eines Tages findet er heraus, wie er an die Macht gelangt: indem er Geschichten erfindet. Eignet sich auch für kleinere Kinder.

Gionata Bernasconi: «Oceano», 2025, Einaudi Ragazzi, 96 Seiten.
Alice und ihr kleiner Bruder Milo kämpfen mitten auf dem Ozean ums Überleben. Ihr Rettungsboot, ihre herzliche Beziehung und ihre Fantasie spenden ihnen Mut. Die Erzählung für ältere Kinder und Jugendliche kann auch allegorisch gelesen werden.
Autor
Mirja Keller
Datum
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