Daten aus dem Unterricht

Der verborgene Schatz im Schulalltag

Daten prägen die Bildungsdebatte – oft begleitet von der Sorge, dass die Schule zu stark statistisch vermessen werden könnte. Richtig genutzt werden Daten jedoch zu einem Werkzeug für besseres Lernen.

Wie lässt sich der Unterricht anhand von Zahlen verbessern? Eine Weiterbildung zeigt auf, wie es geht. Illustration: iStock/Denkcreative

In Bildungsinstitutionen ist die Diskussion um Daten allgegenwärtig – oft begleitet von der Sorge, die Schule könne in eine rein statistische Vermessung abrutschen oder Berichte für die Schublade produzieren. Für Philipp Schmid, Dozent für Unterrichtsentwicklung an der pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (PH FHNW), steht jedoch eine andere Frage im Zentrum: Wie lassen sich Daten so nutzen, dass sie das Lernen tatsächlich verbessern? In seinem Modul «Schule und Unterricht mit Daten entwickeln» im Rahmen des CAS Schulentwicklung zeigt Schmid, wie der Brückenschlag zwischen theoretischer Evidenz und schulischer Praxis gelingt. Ziel ist ein Unterricht, welcher der zunehmenden Heterogenität – von unterschiedlichen Leistungsniveaus bis hin zu komplexen Biografien – gerecht wird.

Stärke dank Sichtbarkeit 

Schulen verfügen über eine Fülle an Informationen: alltägliche Beobachtungen, digitale Tools, Lernstandserhebungen oder Rückmeldesysteme. Entscheidend ist jedoch nicht die Menge der Daten, sondern die aktive Rolle der Schulen und Lehrpersonen, die diese Informationen gezielt für ihre pädagogischen Entscheidungen nutzen.

Neu ist nicht die Erhebung an sich, sondern die Systematik und der bewusste Plan dahinter.

Schmid setzt dabei unter anderem auf den Ansatz «Lernen und Lehren sichtbar machen» (LLSM). Dieser rückt das zielorientierte Handeln der Lehrpersonen ins Zentrum. Es geht um Empowerment: Die Lehrperson wird befähigt, sich eigenständig mit Informationen auseinanderzusetzen, um den eigenen Unterricht reflektiert weiterzuentwickeln. «Daten sind in diesem Sinne nichts Abstraktes», betont Schmid. «Es sind Informationen, die im Unterricht ohnehin anfallen.» Die Bandbreite reicht vom einfachen Zählen abgegebener Hefte bis hin zu Rückmeldesystemen – etwa farbige Kärtchen, mit denen Kinder signalisieren, wie sicher sie sich bei einer Aufgabe fühlen. Das Neue ist nicht die Erhebung an sich, sondern die Systematik und der bewusste Plan dahinter.

Schulen sitzen auf einem Datenschatz

Einer der Teilnehmenden, der die Inhalte des Moduls bereits aktiv in die Praxis überführt, ist Martin Brändli. Der Schulleiter aus Lenzburg (AG) bezeichnet die Methode als echten Augenöffner, weil sie den Wert eines Schatzes sichtbar machte, den Schulen längst besitzen, aber selten strategisch nutzen: ihre Daten. «Wir haben viele dieser Informationen bereits, aber wir arbeiten kaum bewusst damit», stellt er fest. Brändli unterscheidet dabei zwei Ebenen: systemische Daten wie die standardisierten Leistungstests (Checks) oder Pisa – und jene Informationen, die im Schulalltag massenhaft entstehen, aber brachliegen. Dazu gehören Hospitationen, Beobachtungsbögen, Elternfeedbacks oder detaillierte Förderdiagnosen. 

Gerade die unmittelbaren, selbst erhobenen Daten seien für die Unterrichtsentwicklung besonders wertvoll. Ein Beispiel aus seinem Alltag: Förderlehrpersonen erheben mittels Förderdiagnosen regelmässig, welche zusätzliche Unterstützung einzelne Schülerinnen und Schüler in Deutsch benötigen – geringen, mittleren oder hohen Bedarf. Auf dieser Grundlage wird anschliessend die Anzahl zusätzlicher Lektionen festgelegt. Für Brändli zeigt sich darin exemplarisch, wie präzise Daten aus dem Schulalltag den Blick auf individuelle Lernbedürfnisse schärfen und schulische Ressourcen gezielt steuern können.

Dozent Schmid unterscheidet zwischen drei verschiedenen Datenquellen: wissenschaftliches Wissen, kantonale Qualitätssicherung und die selbst erzeugten Daten aus dem Unterricht. Er betont die Notwendigkeit, den «langen Weg» der Daten zu verkürzen, damit Informationen nicht in Berichten versiegen. 

«Zuerst müssen Taten geschehen, und zwar datengestützt», sagt Schmid. So könne eine Lehrperson selbst die optimale Dauer für die Arbeit mit Übungen bestimmen. Dafür misst sie die Selbstständigkeit der Lernenden, etwa anhand gelöster Aufgaben oder der Einschätzung der Arbeitsqualität. Die Planung der nächsten Lektionen könne dann unmittelbar auf diesen Ergebnissen abgestützt werden. Dies ermögliche, den Unterricht sofort an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen und ihn spürbar wirksamer zu gestalten.

Objektivität in der Unterrichtsbeurteilung

Besonders beeindruckt hat Martin Brändli im Modul die Arbeit mit standardisierter Unterrichtsbeurteilung. Den Aha-Effekt lieferte ein Video mit einer gestellten Unterrichtssituation, die von den Teilnehmenden anschliessend in einer Diskussion bewertet wurde. Dabei stellte Brändli fest, dass an seiner Schule ähnliche Muster vorherrschen: «An Schulen wird oft sehr wohlwollend beurteilt, vieles aber in Prosa umschrieben. So lässt sich leicht umschiffen, was man eigentlich nicht benennen will.» Für ihn liegt dort ein deutliches Verbesserungspotenzial – allerdings eines, das einen Kulturwandel beim gesamten Lehrpersonal erfordert. 

Um mögliche Ängste abzubauen, brauche es Transparenz, betont der Schulleiter: «Es braucht eine Feedbackkultur, um mit präziserer Kritik umgehen zu können.» Das Feedback solle Lehrpersonen helfen, ihre Stärken zu erkennen und auch zu sehen, wo sie noch Entwicklungspotenzial haben. «Das ist produktiver, als Kritik vage zu halten.» 

Brändli setzt seine Erkenntnisse bereits an seiner Schule um und entwickelt im Rahmen des Moduls ein Projekt für ein strukturiertes Feedback für Schülerinnen und Schüler. Dabei konzentriert er sich auf drei zentrale Elemente. Erstens braucht es stufengerechte Formen. Denn eine Rückmeldung bei einer ersten Klasse muss methodisch völlig anders gestaltet sein als bei einer sechsten. Zweitens ist ein geschützter Rahmen entscheidend: Die Lehrpersonen nutzen die Ergebnisse ausschliesslich für ihre eigene Reflexion. Drittens setzt Brändli auf eine behutsame Einführung. «Wir starten vorsichtig. Die Lehrpersonen sollen merken: Ich kann aus der Rückmeldung meiner Klasse einen direkten Nutzen für meinen Unterricht ziehen.»

«Es geht darum, einfacher, eleganter und erfolgreicher durch den pädagogischen Alltag zu gehen.»

Sein Fazit zum Modul fällt entsprechend positiv aus: Es habe einen breiten Überblick über Erhebungsmethoden vermittelt und den Blick für das Potenzial schulischer Daten geschärft. Gleichzeitig bleibt Brändli realistisch: Komplexe Verfahren zur Unterrichtsbeurteilung lassen sich in einem kurzen Kurs nur streifen – für eine fundierte Anwendung brauche es vertiefte methodische Arbeit.

Alltagsprobleme in der Schule unaufgeregt lösen

Die Erfahrung aus über 2000 LLSM-Projekten zeige, der grösste Gewinn liegt im Dialog, so Philipp Schmid. «Wenn Lehrpersonen mit Schülerinnen und Schülern über Daten sprechen, signalisieren sie echtes Interesse am Lernerfolg.» Das stärke die Beziehung und löse Alltagsprobleme unaufgeregt und konstruktiv. «Es geht darum, einfacher, eleganter und letztlich erfolgreicher durch den pädagogischen Alltag zu gehen», fasst Schmid zusammen. 

Martin Brändli bestätigt diese Perspektive aus der Praxis: «Daten sind kein Selbstzweck, sondern ein Spiegel für die Qualität.» Erfolg stelle sich dann ein, so Schmid, wenn Schulen Instrumente mutig ausprobieren und Daten nicht als Last, sondern als Chance für die Weiterentwicklung des Unterrichts begreifen.

Autor
Brigitte Selden

Datum

19.06.2026

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