Wann soll ein krankes Kind zu Hause bleiben? Wie können Lehrkräfte oder Eltern einschätzen, wie angeschlagen ein Kind ist und was nun zu tun ist? Antworten auf zehn relevante Fragen dazu.
1.Den Gesundheitszustand eines Kindes einzuschätzen, ist nicht einfach. Worauf sollte man achten?
«Kinder können Schmerzen und Unwohlsein schon im Vorschulalter recht gut angeben», sagt die Solothurner Kinderärztin Stefanie Gissler Wyss, die selbst Schulärztin ist. Wie man reagiere, hänge vom Allgemeineindruck ab. Klage ein Kind in der Stunde über Bauchschmerzen, renne aber in der Pause herum und esse sein Znüni, müsse es nicht gleich nach Hause geschickt werden. Ist das Kind aber blass und ruhiger als sonst, könnte es ihm schlecht sein oder es könnte heftige Bauchschmerzen haben. Dann gehöre es nach Hause.
2. Bei welchen Symptomen muss die Lehrperson reagieren?
Bei Fieber oder Übelkeit müssen die Eltern das Kind abholen, so Gissler Wyss. Wenn es sich nur vorübergehend unwohl fühle, etwa über Bauchweh klage, könne es sich vielleicht in einem ruhigen Zimmer hinlegen. Ein hartnäckiger Husten ist ebenfalls kein Ausschlussgrund, ausser die ständige Husterei stört den Unterricht. Beim Beurteilen der Situation, findet die Kinderärztin, sollte man gesunden Menschenverstand walten lassen.
Als Faustregel kann gelten: Wer Fieber hat, ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl zeigt, wie etwa starke Müdigkeit oder Schmerzen, oder wegen einer Erkrankung ansteckend ist, beispielsweise bei Magen-Darm-Infekten, Grippe oder Influenza, soll nach Hause gehen oder daheimbleiben.
3.Eltern stehen zunehmend unter Druck, zum Beispiel, weil sie arbeiten müssen. Welche Regeln gelten?
Berufstätige Eltern geraten in Bedrängnis, wenn ein Kind krank wird. Vor allem wenn es in die Kita geht. Laut Kinderärztin Gissler Wyss sind diese Kinder anfangs häufiger krank, bis das Immunsystem robuster ist. Die Eltern wechseln sich wenn möglich ab, sodass Abwesenheiten sich auf die beiden Arbeitgeber verteilen. Gemäss Arbeitsrecht dürfen die Eltern bis zu drei Tage zu Hause bleiben, bis eine alternative Betreuung fürs Kind organisiert ist. Der Arbeitgeber kann ein Zeugnis des Kinderarztes verlangen.
4. Was tun, wenn die Eltern nicht verfügbar sind?
Grundsätzlich gilt laut Angela Walt vom schulärztlichen Dienst der Stadt St. Gallen, dass Eltern oder Erziehungsberechtigte für die Schule jederzeit erreichbar sein sollten. Wenn ein Kind während des Unterrichts erkrankt und niemand unmittelbar kontaktiert werden kann, bleibt es in der Schule, bis eine Bezugsperson erreicht wird.
Auf der Primarstufe werden Kinder nicht alleine nach Hause geschickt. Benötigt ein Kind rasch medizinische Hilfe, etwa bei einer Verletzung wie einem gebrochenen Arm, stellt die Schule die Erstversorgung sicher und organisiert die notwendige Unterstützung.
«Die Schule ist kein Ort für die Betreuung kranker Kinder.»
5.Eltern schicken ihr Kind krank zur Schule. Wie reagiert die Lehrerin oder der Lehrer?
Wenn kranke Kinder zur Schule kommen, dürfen und sollen die Lehrpersonen reagieren. Ist das Kind sichtbar krank oder fühlt sich unwohl, wird es nach Rücksprache mit den Eltern nach Hause geschickt. Grundsätzlich tragen die Eltern die Verantwortung. Walt betont: «Die Schule ist kein Ort für die Betreuung kranker Kinder.»
6. Ist ein Arztzeugnis für eine Krankheitsabsenz nötig?
Ein ärztliches Zeugnis wird grundsätzlich erst bei längeren Absenzen oder auf ausdrücklichen Wunsch der Schule fällig. Ob es jedoch ein Arztzeugnis braucht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Gemäss Gissler Wyss reicht eine Entschuldigung der Eltern. Tatsächlich wünschen Eltern zunehmend ein Arztzeugnis, weil dies Schulen oder Arbeitgeber verlangen.
Aufmerksam muss man als Lehrperson werden, wenn sich Krankheitsabsenzen häufen, zum Beispiel vor Prüfungen. «Dann sollte man mit den Eltern Kontakt aufnehmen und klären, ob mehr als eine ‹Krankheit› dahintersteckt», sagt Dagmar Rösler vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Bei Verdacht auf Schulangst oder Schulabsentismus drängt sich ein rasches Reagieren der Schule auf, nach der sogenannten 3-6-Regel: Sie besagt, dass nach drei unabhängigen Absenzen innerhalb von sechs Schulwochen Elternkontakt und erste Abklärungen stattfinden sollten.
7.Sind Kinder heute «kränker» respektive wehleidiger?
«Nein, aber es fällt ihnen schwerer, zusammen mit den Eltern, eine Krankheit geduldig durchzustehen», sagt Kinderärztin Gissler Wyss. Schulärztin Walt hält fest: Was sich verändert habe, sei die Wahrnehmung und Bewertung von Krankheitssymptomen. Eltern reagierten heute sensibler auf gesundheitliche Auffälligkeiten ihrer Kinder. Ausserdem achteten Schulen verstärkt auf Prävention, Infektionskontrolle und den Umgang mit Ansteckungsrisiken.
8. Wie lässt sich verhindern, dass kranke Kinder Stoff verpassen?
Das werde jeweils individuell und situativ gelöst, sagt Martin Annen. Er leitet die Dienststelle Schule und Musik der Stadt St. Gallen. Wenn das Kind zu Hause sei und etwas für die Schule tun könne, dann würden Gspänli die Aufträge nach Hause bringen. Alternativ werden die Aufträge laut Annen per Mail oder Pupil, einer Schulmanagement-Software, nach Hause übermittelt. Wenn das Kind erst wieder nach seiner Rückkehr in die Schule etwas tun kann, dann unterstützt die Lehrperson es beim Nachholen der wesentlichsten Inhalte.
Entlastend ist laut Schulberater Iwan Reinhard auch, wenn verpasste Prüfungen unkompliziert und individuell nachgeholt werden können. So reduziert sich zusätzlich wahrgenommener Leistungsdruck wegen verpasster Schulstunden. Reinhard berät als Leiter der nationalen Koordination Schulnetz 21 Schulleitungen, Lehrpersonen und Schulen bei der Qualitäts- und Gesundheitsentwicklung.
9. Chronisch kranke Kinder: Was darf und muss die Schule wissen?
Die Lehrpersonen haben gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern während des Schulbetriebs eine gesetzliche Obhutspflicht. Damit sie ihre Aufgaben wahrnehmen können, sind sie auf die Zusammenarbeit mit den Eltern angewiesen. Dazu gehören auch Informationen über eine allfällige Allergie oder chronische Erkrankung eines Kindes. Damit eine solche Krankheit bei Lehrerinnen oder Lehrer keine Verunsicherung auslöst, ist es laut Rösler wichtig, dass die Erziehungsberechtigten genügend und transparent über die Krankheit informieren.
10. Was lässt sich prophylaktisch tun, um gut durch die Krankheitssaison zu kommen?
Ist ein Kind krank, bleibt es so lange daheim, bis es einen Tag ohne Medikamente fieberfrei ist. Sonst kann es noch ansteckend sein. Gemäss Schulberater Reinhard sollte Gesundheitsförderung nicht als Zusatzaufgabe verstanden werden, sondern als Teil des Schulalltags.
Routinen wie regelmässiges Lüften, kurze Bewegungseinheiten, Handhygiene oder Unterricht im Freien bringen schon viel. Da können durchaus auch Vorschläge von Schülerinnen und Schülern einfliessen. Hinzu kommen den Eltern gegenüber klar kommunizierte Regeln.
