Illettrismus

Betroffene schämen sich für Leseschwäche

In der Schweiz lernen alle Kinder lesen und schreiben. Wer dann im Berufsleben doch nicht damit zurechtkommt, gerät ins Abseits. Der zunehmend digitale Alltag verschlimmert dies noch.

Erwachsene Frau greift sich beim Lesen an die Brille.
Auch in der Schweiz sind viele Erwachsene von Illettrismus, also funktionalem Analphabetismus, betroffen. Sie haben zwar Lesen und Schreiben gelernt, aber nicht gut genug.

Die Zahl 1,25 Millionen sorgt für Schlagzeilen. So viele Erwachsene in der Schweiz haben Mühe mit Lesen und Schreiben. Die Zahl stammt aus einer 2024 publizierten, internationalen Studie. Ein Blick auf die Resultate zeigt zwar auch, dass die Schweiz international bei den Grundkompetenzen überdurchschnittlich gut abschneidet. Alles nur halb so schlimm? «Nein», sagt Tonja Bollinger vom Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben (DVLS). «Die Zahl ist erschreckend.» Es sei bedenklich, dass ein Bildungsland wie die Schweiz nicht besser abschneidet. Denn die Betroffenen seien mehrheitlich in der Schweiz geboren und aufgewachsen.

Wie kann es also sein, dass Menschen trotz lokaler Muttersprache und vollständig absolvierter Schulzeit kaum lesen und schreiben können? «Die Gründe sind sehr individuell», so Bollinger. Oft spielten mehrere Faktoren eine Rolle, etwa eine unerkannte Lernschwäche kombiniert mit Schulwechsel oder Mobbingproblemen. Die Studie, also das «Programme for the International Assessment of Adult Competencies» (Piaac), zeigt einen Zusammenhang zwischen den Kompetenzen der Eltern und jener ihrer Kinder auf. Bei Eltern mit Lese- und Schreibschwäche haben auch die Kinder eher Probleme damit. Bollinger betont: «Erwachsene, die nicht regelmässig lesen und schreiben, können diese Grundkompetenzen mit der Zeit auch wieder verlernen.»

Schwieriges Erwachsenenleben mit Illettrismus

In einer Gesellschaft, in der das geschriebene Wort oft den Alltag bestimmt, kann Illettrismus, also funktionaler Analphabetismus, nicht kleingeredet werden. Sogar je länger, je weniger. «Mit der Digitalisierung wird Lesen und Schreiben zunehmend wichtiger», sagt Bollinger. Bezahlte Arbeit, in der Bildschirme – und damit Lesen und Schreiben – keine Rolle spielen, gibt es heute fast nicht mehr.

«Mit der Digitalisierung wird Lesen und Schreiben zunehmend wichtiger.»

So erging es auch Nicole, deren Nachnamen der Redaktion bekannt ist. Die heute 31-jährige Fachfrau für Gesundheit absolvierte zunächst eine Lehre mit Berufsattest. Sie wollte auch das eidgenössische Fähigkeitszeugnis erlangen. Ein Hindernis dabei war ihre Rechtschreibschwäche. Während der Schulzeit war das noch kein Thema. Schwierig wurde es erst in der Lehre. Zu ihrem Berufsalltag gehörte auch das regelmässige Verfassen von Berichten. «Meine Ausbildnerin wies mich auf die vielen Schreibfehler hin», erzählt sie. «Sie bat mich, deswegen einen Schreibkurs zu besuchen.» Mit dem Kurs durfte sie dann auch die ergänzende Kurzlehre für das Fähigkeitszeugnis absolvieren.

«Betroffene verstecken sich aus Scham.»

Früher konnten Berufstätige das Schreiben je nach Beruf und Aufgabe umgehen. Mit der zunehmenden Digitalisierung in allen Branchen ist das allerdings kaum noch möglich. Im Service zum Beispiel konnte sich das Personal früher Bestellungen im Kopf merken. Heute gibt es dafür ein Tablet, mit dem Menü- und Getränkewünsche erfasst und an die Küche weitergeleitet werden. Selbst das Reinigungspersonal muss nun öfter digital dokumentieren, welche Arbeiten auf welchem Stockwerk erledigt wurden. Insgesamt erschwert Illettrismus den Alltag betroffener Menschen massiv. Die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist mit grossen Hürden verbunden. Wer nur mit Mühe lesen kann, ist zum Beispiel von der Anzeige am Bahnhof schon überfordert, von der SBB-App ganz zu schweigen. Manche scheitern an der theoretischen Autoprüfung, weil sie zu langsam lesen und schreiben. Selbst Freizeitaktivitäten in Vereinen oder die Teilnahme an Gruppenkursen sind nicht möglich, weil eine Anmeldung oft schriftlich erfolgt. Glück hat, wer im Familien- oder Freundeskreis unterstützt wird. Fällt die Unterstützung jedoch weg, kann das soziale Isolation zur Folge haben. Denn: Illettrismus ist ein Tabuthema. «Betroffene verstecken sich aus Scham», sagt Bollinger.

Hat die Schule versagt?

Eine Frage lässt sich an dieser Stelle nicht umgehen: Hat die Schule versagt? Bollinger verneint: «Die Schweiz hat ein gutes Schulsystem.» Sie verweist besonders auf die heilpädagogische und schulpsychologische Betreuung, die bei individuellen Problemen helfen. Sie beobachtet, dass sich da die Situation insgesamt verbessert hat.

Für Eltern sowie Lehrpersonen gilt es, wachsam zu bleiben. «Hinschauen ist wichtig, um Lernschwächen früh zu erkennen und Stigmatisierung zu verhindern.» Je früher Kindern geholfen werde, desto besser sei das für die schulischen Leistungen und später auch für die Lebenszufriedenheit. Diese korreliert gemäss der Piaac-Studie stark mit den Fähigkeiten bei den Grundkompetenzen. Da helfen auch KI-Tools wie Chat-GPT wenig. Bollinger beobachtet sogar einen Effekt, der Leistungsunterschiede noch verstärkt. «Wer schreiben kann, arbeitet mit Schreibtools wie Chat-GPT noch schneller. So werden betroffene Menschen noch stärker abgehängt.»

Keine schönen Erinnerungen an Schulzeit

Die Resultate der Studie haben wachgerüttelt. Schweizweit gibt es darum die Kampagne «Einfach besser!». Teil davon sind Kurse, in denen Erwachsene ihre Grundkompetenzen auffrischen und verbessern können. Diese sollen Teilnehmende nicht nur für den Arbeitsmarkt fit halten. «Schreib- und Lesekurse können Betroffenen ihr Selbstbewusstsein zurückgeben», ist Kursleiterin Elisa Erni überzeugt. Sie unterrichtet unter anderem am Weiterbildungszentrum des Kantons Luzern. Der Schritt, im Erwachsenenalter nochmal einen Schreib- und Lesekurs zu besuchen, falle schwer. «Viele Kursteilnehmende haben eine schlimme Schulzeit hinter sich», sagt Erni. Lesen und Schreiben seien in der Schulbildung dermassen zentral, dass in anderen Fächern nur wenig Erfolgserlebnisse möglich seien. Sogar Mathebücher setzten gutes Textverständnis voraus. 

 «In der Ausbildung brauchen die Jugendlichen Schreibroutine.»

Gerade im Übergang von der Schulzeit ins Berufsleben zeige sich , ob die gelernten Grundkompetenzen eine solide Basis bilden, sagt Erni, die auch schon als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache an einer Berufsschule unterrichtet hat. Sie könne nicht genug betonen, wie wichtig regelmässiges Schreiben während der Schulzeit sei. «In der Ausbildung brauchen die Jugendlichen Schreibroutine für Berichte und Notizen», sagt sie.

Wer später seine Grundkompetenzen doch noch verbessern will, muss oft zuerst die schlechten Gefühle im Zusammenhang mit der Schulzeit überwinden, weiss Erni. Als Kursleitende müsse sie darum mit viel Feingefühl vorgehen. So individuell wie die Probleme und Leidenswege sind, so individuell gestaltet Erni die Kursinhalte. Sie erstellt thematische Dossiers, die die Teilnehmenden in ihrer Lebens- und Berufswelt abholen. Sie arbeitet mit einfachen Regeln, Wortsammlungen und Satzbausteinen, aus denen Sätze und Texte entstehen sollen, welche die Teilnehmenden in ihrem Alltag verwenden können. Für die Kursplanung richtet sich Erni stets nach den Wünschen der Lernenden. Je nach Bedürfnis und Interesse bereitet sie Grammatiklektionen, Diktate, Schreibübungen, gemeinsames Lesen und andere Aktivitäten vor. «Selbstbestimmung ist wichtig», sagt sie.

Der Schritt zum Kurs braucht Mut

Für Nicole war der Kurs ein Gewinn. «Es tat gut zu repetieren», erzählt sie heute. «Ich bin beim Schreiben auch schneller geworden.» Notfalls könne sie immer noch auf Rechtschreibprogramme zurückgreifen. Seit dem Kurs ist sie jedenfalls besser vertraut mit den Grundregeln der deutschen Rechtschreibung. «Ich habe durch den Kurs mehr Sicherheit gewonnen», sagt sie. Nicole will Menschen mit Schreib- und Leseschwächen ermutigen, entsprechende Kurse zu besuchen. Sie engagiert sich deshalb als Botschafterin für den Dachverband Lesen und Schreiben. Sie weiss, wie schwer Betroffenen der Umgang mit der Schwäche fällt: «Es ist aber wichtig, dass man sich Hilfe holt», betont sie. «Heute spreche ich ehrlich darüber und stehe zu meiner Schwäche», sagt sie. 

KURSE UND HILFSANGEBOTE FÜR ERWACHSENE

«Einfach besser!» ist eine Kampagne zur Förderung der Grundkompetenzen des DVLS und der Schweizerischen Weiterbildungskonferenz. Auf der dazugehörigen Website befindet sich eine Übersicht mit Kursen und Hilfsangeboten im Umgang mit Grundkompetenzen. Darunter nebst Lesen, Schreiben und Rechnen auch solche zum Umgang mit dem Computer. Das Angebot richtet sich an Erwachsene. Mehr Informationen: einfach-besser.ch

Autor
Patricia Dickson

Datum

13.03.2026

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