REPORTAGE

Besuch auf dem Acker, der die Welt bedeutet

Das Projekt Weltacker will Schülerinnen und Schülern in Sachen Ernährung und Ressourcen die Augen öffnen. BILDUNG SCHWEIZ hat eine Klasse auf ihrem Ackerbesuch begleitet.

Schülerinnen stehen auf einenm Feld und betrachten ein Gemüsebeet.
Auf dem Weltacker lernen Schülerinnen und Schüler, was es alles braucht, bis die Spaghetti auf ihrem Tisch landen. Foto: Jacqueline Schreier

Die Erdkugel besteht zu drei Vierteln aus Wasser und Eis. Nur ein Viertel ist Land, und nur ein Zweiunddreissigstel ist Ackerfläche. Und davon ist nur die Schale, also die Erdkruste, anbaufähig, also Ackerfläche. Reicht das, um die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren? Dieser Frage gehen die Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse aus dem bernischen Hinterkappelen auf den Grund. Für das Fach Wirtschaft, Arbeit und Haushalt besuchen sie den Weltacker in Bern.

Rahel Gunsch, Leiterin des Weltackers Bern, erklärt den Jugendlichen, wie begrenzt die weltweit zur Verfügung stehende Ackerfläche ist. Konkret entspricht das Zweiunddreissigstel 1,6 Milliarden Hektaren Ackerland. Was sich zunächst anhört wie riesige Flächen, entpuppt sich also als winziger Erdteil. Gleichzeitig macht Gunsch klar, wie wichtig dieser winzige Teil ist. Der Boden ist die Lebensgrundlage der Menschheit. Diese ernährt sich kaum noch vom Jagen und Sammeln, sondern betreibt Ackerbau. Ohne müssten die Menschen hungern.

2000 Quadratmeter pro Jahr

Die 1,6 Milliarden Hektaren Ackerfläche müssten also ausreichen, um die Welt zu ernähren. Teilt man diese Fläche gleichmässig unter den Menschen auf, würden jedem und jeder 2000 Quadratmeter pro Jahr zustehen. Diese dient nicht nur dem Anbau von Nahrungsmitteln, sondern auch von Kraftfutter für die Nutztiere. Angebaut wird da auch Baumwolle für Kleidung, Raps für Diesel und Mais für Strom. Kurz: alles, was konsumiert wird. 

Einige Länder brauchen deutlich mehr von der globalen Ackerfläche, als sie dürften.

Theoretisch reicht diese Fläche aus, um alle vollständig zu versorgen. Das Problem: Einerseits sind die Ernteerträge je nach Lage, Klima und Anbauform unterschiedlich. Andererseits brauchen einige Länder – darunter auch die Schweiz – deutlich mehr von der globalen Ackerfläche, als sie dürften, damit es für alle reicht. Hunger ist also in erster Linie ein Verteilungsproblem. 

Der Weltacker in Bern setzt das Gedankenmodell in die Realität um und veranschaulicht diese abstrakte Zahl. Auf 2000 Quadratmetern wachsen rund 50 der am häufigsten angebauten Pflanzen im gleichen Verhältnis, wie sie weltweit angebaut werden. Diese sogenannten Ackerkulturen sind nach ihrer Nutzung sortiert. Spielerisch entdecken die Jugendlichen, welche das sind und welche Ackerkultur in welche Kategorie gehört. Gunsch gibt ihnen den Auftrag, einzelne Lebensmittel auf dem Acker ausfindig zu machen und zu schauen, aus was die konsumierten Lebensmittel bestehen.

Es kommt auf die Ernährung an

Der individuelle Verbrauch von Ackerfläche veranschaulicht ein sogenanntes Flächenbuffet. Auf einer abgesteckten Fläche wachsen all jene Zutaten beziehungsweise Pflanzen, die für die Herstellung verschiedener Gerichte benötigt werden. 

Wie viel Acker braucht es für einen Teller Spaghetti Bolognese?

Jetzt sind die Schülerinnen und Schüler gefragt. Sie erhalten die Aufgabe, die einzelnen Flächen den Gerichten zuzuordnen. Was braucht es für einen Teller Spaghetti Bolognese? Neugierig machen sich die Jugendlichen auf die Suche nach den entsprechenden Pflanzen. Sie sprinten los, als wäre es ein Wettrennen. 

Didaktisches Material: Mehr als Boden

Das Erdreich liefert viel Stoff für den Unterricht. Online gibt es entsprechend reichhaltiges und didaktisch gut aufbereitetes Material dazu.

Der Boden ist weit mehr, als er im Alltag auf den ersten Blick vermuten lässt: Er ist ein Lebensraum und ein Superorganismus. Billionen von Mikroorganismen, Würmern, Insekten und Pilzen bilden ein komplexes Ökosystem, das die Grundlage für fruchtbare und gesunde Böden schafft. In einer Handvoll Erde leben mehr Organismen, als es Menschen auf der Welt gibt. Diese erstaunliche Vielfalt macht den Boden zu einem spannenden Unterrichtsthema, das zum Entdecken und Forschen einlädt. 

Das Portal zebis.ch hat zahlreiche Unterrichtsmaterialien, Experimente und weiterführende Links in einem Dossier zusammengetragen. Diese arbeiten das Thema anschaulich, praxisnah und stufengerecht auf. Unter anderem haben die pädagogische Hochschule Bern und die Berner Fachhochschule zusammen das Ideenset «Boden» mit verschiedenen Materialien für den Schulunterricht entwickelt. Die Fachstelle Bodenschutz des Kantons Zürich bietet Arbeitspakete zur Ausleihe an und das Bildungsprogramm Globe Swiss leitet an, den Untergrund zu analysieren und aus dem Befund ein Bodenprofil zu erstellen.

Mit dem Lift hinunter in die Erde

Wer den Boden virtuell erforschen will, klickt auf bodenreise.ch. Die virtuelle Erkundungstour beginnt mit einer Liftfahrt. Mit diesem Bodenlift können Schülerinnen und Schüler spielerisch auf Erkundungsreise gehen. Er nimmt sie mit unter die Erde und führt sie an verschiedene Lernstationen. Der Regenwurm Lumbricus begleitet durch drei Missionen, die sich dem Leben im Boden, seiner Entstehung und seiner Bedeutung widmen. Der Lift macht an vier Stationen halt: in der Humusschicht, im Oberboden, im Unterboden und im Untergrund. Reisende können den Lift selbst steuern. Eine Tafel gibt Auskunft darüber, in welcher Schicht man sich befindet. In den Schichten gibt es jeweils mehrere Lernstationen. Diese bestehen aus einer Hörsequenz, in der Lumbricus kurz etwas über die jeweilige Bodenschicht und ihre Eigenschaften erzählt, sowie aus einer interaktiven Lernsequenz mit einem kleinen Experiment.

Der Bodenlift ist nur eines von vielen Angeboten, die Wissenswertes anschaulich vermitteln. Insbesondere die Experimente sind einfach umzusetzen und schaffen so Nähe zum Thema.

Ist die passende Pflanze gefunden, wird stolz die Lösung präsentiert, um von Gunsch ein weiteres Lebensmittel zugeteilt zu bekommen, das es zu suchen gilt. Innert kurzer Zeit laufen die Schülerinnen und Schüler den Acker mehrfach auf und ab. Dabei entdecken sie auch, was alles darauf wächst. 

Schnell wird deutlich, dass oft nicht das, was auf dem Teller den meisten Platz einnimmt, auch auf dem Acker am meisten Fläche braucht. Der Weizen für die Pasta etwa nimmt deutlich weniger Platz ein als die Sonnenblumen für das Öl oder das Soja für das Tierfutter. So wird sichtbar, welchen Einfluss die täglichen Menü-Entscheidungen haben.

Man erkennt, dass dies kaum für mehrere Mahlzeiten am Tag reicht.

Neben dem Flächenbuffet sind weitere 5,5 Quadratmeter abgesteckt. Das entspricht der täglichen Ackerfläche, die einem Menschen bei 2000 Quadratmetern pro Jahr zur Verfügung steht. So wird das direkte Verhältnis von der Fläche für ein einzelnes Gericht im Vergleich zum täglichen Ackerbudget sichtbar. Und man erkennt, dass dies kaum für mehrere Mahlzeiten am Tag reicht – zumindest nicht beim aktuellen Ernährungsverhalten in den hiesigen Breitengraden. 

Damit diese Fläche ausreicht, braucht es einen ressourcenschonenderen Konsum. Diese Anschaulichkeit beeindruckt. Der Besuch auf dem Weltacker zeigt Verhältnismässigkeiten auf und regt die Jugendlichen zum Nachdenken an: über das eigene Konsumverhalten, über knappe Ressourcen und über Verteilungsgerechtigkeit.

Lokaler Acker als Teil der Welt

Die Weltacker-Initiative entstand, um die Aussagen und Erkenntnisse des UNO-Weltagrarberichts 2008 anschaulich und erlebbar zu vermitteln. Mittlerweile gibt es weltweit 24 Äcker, vier davon in der Schweiz. Manche bauen auf 2000 Quadratmetern massstabsgetreu die 50 häufigsten Ackerkulturen der Welt an. Andere bilden lokale Anbausysteme ab. 

Die Weltäcker verstehen sich als Bildungsorte. Sie geben Einblick in die globale Landwirtschaft und machen die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft, Biodiversität, Ernährung, globalem Klima, Ressourcenknappheit und Ernährungsgerechtigkeit sichtbar und setzen sich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft ein. 

Mehr Informationen

Der Verein Weltacker Bern bietet Führungen an. Diese können von Anfang Mai bis Ende Oktober gebucht werden. Der Besuch des Weltackers mit Schulklassen ist nur mit einer gebuchten Ackertour möglich. Die Führungen dauern zwischen 2 bis 2,5 Stunden und kosten je zwischen 220 und 500 Franken. 
Mehr Informationen: weltacker-bern.ch

Autor
Jacqueline Schreier

Datum

02.10.2026

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