Die Politik hat nicht immer ein offenes Ohr für die Anliegen von Lehrpersonen. Ein Schreiber mit den ominösen Initialen X. Y. berichtet anno 1911 in der «Schweizerischen Lehrerzeitschrift» mit viel Sinn für Drama über die Wahl des Schulinspektors im Kanton Bern.
Er beginnt seine Geschichte wie folgt: «Als Sekundarschulinspektor Dr. Landolt gestorben war, machten es die bernischen Sekundarlehrer nicht wie das Volk Israel nach dem Tode Salomos, das dessen Sohn Rehabeam versprach, es wolle ihm treu gehorchen, wenn er den harten Dienst und das schwere Joch des Vaters leichter mache.» Nicht ohne Stolz schildert er, wie die Lehrerschaft dem Grossen Rat erklärt habe: «Wir wollen keinen König mehr!» Diese Erklärung entsprang allerdings keinem schulmeisterlichen Grössenwahn. X. Y. plädiert für eine kantonale Schulkommission aus Lehrern und «anderen verständigen Bürgern».
Grosser Rat ging nicht darauf ein
Das Unbehagen der Sekundarschullehrer gegenüber Schulinspektoren fusste im Einfluss des Inspektors bei Lehrerwahlen, Reformen und Besoldung. «So haben denn gewisse Wahlen ... bereits Unannehmlichkeiten bereitet und nicht dazu beigetragen, ein gutes Verhältnis zwischen Inspektor und Lehrerschaft zu festigen.» Der Grosse Rat ging allen leidenschaftlichen Plädoyers zum Trotz nicht auf das Anliegen der Lehrerschaft ein. Bewerbungen für das Amt kamen laut X.Y. auch aus den eigenen Reihen, was die Wogen definitiv nicht glättete.
