Schulprojekt mit Spielwürfeln

Wie Schreiben allen Spass machen kann

Das Projekt Icon Poet School vermittelt Jugendlichen Freude am Schreiben. Es begleitet sie von der Idee bis zur Präsentation eines eigenen Werks. Slampoetinnen und Schriftsteller reissen die Schülerinnen und Schüler mit.

Inspiriert von den Würfeln des Spiels Icon Poet schreiben die Jugendlichen Liebeserklärungen, Meinungen und Argumentationen. (Fotos: Claudia Baumberger)

Eine Schere, ein Diamant, eine Ente, ein Schneemann und eine Computermaus. Wie kann man aus diesen Worten eine Liebeserklärung formulieren? Es ist ein Donnerstagmorgen im Schulhaus am Hirschengraben in Zürich. Der Slam-Poet Valerio Moser ist dort an diesem Tag in vier Sekundarklassen zu Besuch. Die Jugendlichen der siebten Klasse sollen in 180 Sekunden eine Liebeserklärung zu den fünf gewürfelten Symbolen schreiben: «Ente: Ich habe dich zum Fressen gern! Meine Liebe ist hart wie Stein und schmilzt nie. Ich gehe sogar für dich vom PC weg. Deine Persönlichkeit ist zwar scharf wie eine Schere, jedoch wirst du in der Vitrine zum Diamanten.»

Sprache kreativ einsetzen

Die vier Schulklassen im Schulhaus Hirschengraben nehmen am Projekt Icon Poet School teil. Das Projekt ist auf acht Lektionen angelegt, die zweimal pro Woche abwechslungsweise von der Deutschlehrperson und einem Autor oder einer Autorin gehalten werden. Sie animieren dabei Schülerinnen und Schüler zum Schreiben und Erzählen von Geschichten. Es gibt 36 Würfel mit 216 Bildzeichen und somit eine riesige Zahl möglicher Würfelkombinationen. In 180 Sekunden müssen die Jugendlichen jeweils zu fünf gewürfelten Bildern und einem vorgegebenen Szenario einen kurzen Text schreiben.

Nach dem Motto «Schere dich einen Deut um das Wortwörtliche» dürfen die Bildzeichen frei und fantasievoll interpretiert werden. So, wie ein Schüler bei der Liebeserklärung den Schneemann mit «schmelzen» und die Computermaus mit dem PC assoziiert hat. Das vorgegebene Szenario wird nahe an der Realität der Jugendlichen gewählt: «Schreibe eine Ausrede, warum du die Hausaufgaben nicht gemacht hast», «Wie ich meine Eltern zu meinem Haustier überredete» oder «Ich brauche eindeutig doppelt so viel Taschengeld, weil ...». Die acht Projektlektionen führen die Jugendlichen an Themen wie Assoziation, Wortschatz, Karikieren, Auftritt, Kreativität, Mimik und Gestik oder Pointe heran. Danach messen sich die zwei Besten jeder Klasse in einer schulhausinternen Veranstaltung. Die Gewinnerinnen und Gewinner nehmen im Juni zum Abschluss am Finale mit allen Projektschulen im Kanton teil.

«Es gibt kein Richtig und Falsch. Das nimmt vielen Schülern und Schülerinnen die Angst vor dem Schreiben und weckt die Freude an eigenen Texten.»

Auch die Stillen werden aktiv

«Mit Spielen lernen, was gibt es Schöneres!», ist Isabelle Lüthi, Deutschlehrerin an der Schule Hirschengraben, überzeugt. Sie hatte über ihre Schulleitung vom Projekt Icon Poet School gehört und gleich zwei ihrer Deutschklassen angemeldet. «Ich finde das Projekt super und kann es nur weiterempfehlen. Es regt die Fantasie und Kreativität an und zeigt, wie reich und spannend das Schreiben sein kann», sagt Lüthi.

Die Lehrerin findet es wertvoll, dass auch Jugendliche, die im Schreiben nicht so sattelfest sind, originelle Ideen formulieren können und am Unterricht aktiver mitmachen als üblich. «Es gibt kein Richtig und Falsch. Das nimmt vielen Schülern und Schülerinnen die Angst vor dem Schreiben und weckt die Freude an eigenen Texten wie auch an Texten anderer», sagt Lüthi.

Für Geschichten, Grammatik und fremde Sprachen

Die Jugendlichen erleben im Projekt, dass Sprache viele Facetten besitzt, mit denen man spielen, kommunizieren, erzählen und Sprachbilder malen kann. «Mit Icon Poet erweitern die Jugendlichen, ohne es zu merken, ihren Wortschatz, verbessern auf spielerische Weise ihren Schreibfluss und ihren Ausdruck», fährt Lüthi fort. Sie setzt darum das Spiel unabhängig vom Projekt auch in Grammatiklektionen und im Fremdsprachenunterricht ein. Eine Team-Kollegin spiele es gerne im DaZ-Unterricht.

«Die Jugendlichen lernen sich auf eine Situation einzustellen, schnell zu reagieren und sich zu konzentrieren»

«Meine Klassen freuen sich auf die Deutschstunden mit Icon Poet und fragen nach, ob sie in der Deutschlektion wieder schreiben dürfen», bemerkt Lüthi. Sie schätzt die abwechslungsreichen Arbeitsweisen und Formen der Zusammenarbeit. Dabei werden auch Vorlesen, Auftrittskompetenz und verschiedene Textsorten geübt: «Die Jugendlichen schreiben Liebeserklärungen, Argumentationen, Meinungen und vieles mehr. Sie lernen sich auf eine Situation einzustellen, schnell zu reagieren und sich zu konzentrieren», sagt Lüthi.

Begegnung mit dem Slam-Poeten

Bei vier Lektionen besucht ein Autor oder eine Autorin die Klasse. Ins Schulhaus Hirschengraben kamen bereits der Icon-Poet-Erfinder Lukas Frei, die Satirikerin und Kabarettistin Rebekka Lindauer. An diesem Donnerstag übernimmt der Slam-Poet Valerio Moser. Ihm gefällt das Erfinden von Geschichten mit den Würfeln und er misst sich auf der Bühne mit anderen darin. Im Klassenzimmer wiederum gibt er diese Freude und seine Erfahrung an die Jugendlichen weiter.

In dieser Lektion geht es um die Stimme, Mimik und Gestik sowie um den Auftritt. Der Slam-Poet moderiert die ganze Lektion. Die Deutschlehrerin Lüthi sitzt derweil hinten in der Klasse, schreibt bei den Kurzgeschichten zuweilen selbst mit oder hilft einzelnen Jugendlichen. Als Bühnenprofi weiss Moser die Jugendlichen zu packen, lässt Bewegungsspiele einfliessen und zeigt, wie man sich auf der Bühne hinstellen muss. So erklärt er beispielsweise, dass man bei einer Performance nicht sagen müsse, man sei wütend. Man könne dies durch die Körpersprache ausdrücken.

Dann sind die Jugendlichen an der Reihe. Vor der Klasse haspeln viele ihren Text schnell ab, doch einige laufen zu Höchstform auf und zelebrieren das Vortragen ihres Textes unter Einsatz ihres ganzen Körpers. Was ist bei einer Performance auf der Bühne wichtig? Moser sucht mit den Jugendlichen nach Antworten anhand von vier Icons, die er an die Wand projiziert: Das Mikrofon kann für lautes Reden oder Singen und das Gipsbein für Pannen, Peinlichkeiten, Nervosität stehen. Mit dem gebrochenen Herz assoziieren die Jugendlichen Emotionen und mit dem Farbroller die Textfarbe oder die Rollen auf der Bühne. Es wird viel gelacht und die Lektion ist in Windeseile vorbei. Dann stürmen die Jugendlichen in die Pause.

ÜBER ICON POET

Das Würfelspiel Icon Poet ist unabhängig vom Projekt Icon Poet School erhältlich. Die Spielentwickler bieten dazu auch Workshops für Schulklassen sowie für Lehrpersonen der Primar- und Sekundarstufe an. Das Schulprojekt gibt es in den Kantonen Bern, Zürich und ab 2024 auch in Basel. Es richtet sich an die 7. bis 9. Sekundarklasse. Pro Schulhaus können vier Schulklassen teilnehmen. Der Zeitaufwand beträgt neun Lektionen. Dazu kommt eine Schlussveranstaltung ausserhalb der Schulzeit mit Klassen mehrerer Schulhäuser. Der Aufwand für Lehrpersonen besteht in einer zweistündigen Einführung und einer kurzen Vorbereitung für die vier eigenen Lektionen. Unterlagen und das Spielmaterial erhalten die Lehrpersonen bei der Einführung. Kosten: 800 Franken pro Schulhaus.

Mehr Informationen:
www.gebrüderfrei.ch/de/icon-poet/schule

Autor
Claudia Baumberger

Datum

09.05.2023

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