Austausch über den Röstigraben

Wenn Sprachgrenzen verschwimmen

Mit Französisch, Deutsch, Händen und Füssen geht es irgendwie: Bei einem Austausch kommen sich Primarschulkinder aus Neuchâtel und dem bernischen Uetendorf näher. Das motiviert, eine zweite Landessprache zu lernen.

Auf dem Pausenhof spielen Schülerinnen aus der Deutschschweiz und der Romandie zusammen. Zuvor kannten sie sich erst aus Brieffreundschaften. Fotos: Claudia Baumberger

In einem Bummelzug nach Uetendorf (BE) erklärt ein Mädchen seine Liebe für die deutsche Sprache: «J’adore l’allemand.» Das Mädchen ist zusammen mit ihrer dritten Klasse aus Neuchâtel unterwegs. Bald ist es so weit: Die Kinder aus der Westschweiz sind unterwegs zu einem Treffen mit Deutschschweizer Schülerinnen und Schülern. Sie kennen sich bereits ein wenig, da sie sich im Vorfeld gegenseitig Briefe geschrieben haben.

Die Aufregung ist gross, die Neugier ebenso. Wie sind denn diese deutschsprachigen Kinder? Wie sieht ihr Schulhaus aus, wie ihr Schulzimmer? «Vaches, vaches», rufen die Kinder bei jeder Kuh, die sie entdecken. Beim Spaziergang durch das Dorf zum Schulhaus bleiben sie stehen, um in einen Kuhstall hineinzuspähen und um die Häuser zu bewundern. «Les maisons sont belles ici», bemerkt ein Mädchen.

Vieles ist anders als in Neuchâtel. «C’est l’école?», fragt ein Kind. Ja, es ist die Schule. Für die Kinder aus der Romandie wirkt das Gebäude winzig. Sie besuchen die grösste und modernste Schule Neuchâtels, einen grossen Betonblock inmitten der Stadt. Ihr Schulweg ist von hohen Häusern gesäumt, und ausser Hunden und Katzen sehen sie kaum Tiere.

Sprachaustausch beim Kreistanz

Endlich treffen die Kinder auf dem Schulhof in Uetendorf ein. Anwesend sind insgesamt vier dritte und vierte Klassen. Alle Kinder und Erwachsenen bilden einen grossen Kreis. Caroline Erni, Französischlehrerin in Uetendorf, begrüsst die Gäste und leitet durch den Tag. Damit alle alles verstehen, sagt sie jeden Satz auf Deutsch und Französisch. Nach einem kurzen Kreistanz ruft sie die Namen der Kinder auf, die zusammen je eine sprachgemischte Kleingruppe bilden. Dann springen die Kinder davon, denn die Aufgabe der Uetendorfer besteht darin, den Gästen ihr Schulhaus und den Pausenplatz zu zeigen.

Geschnatter und Gelächter in der einen Ecke des Pausenplatzes, wildes Gestikulieren mit den Händen in einer anderen Ecke und mittendrin ein Knabe aus Neuchâtel, über dessen rechte Backe eine dicke Träne kullert. Er ist alleine mit zwei deutschsprachigen Buben in der Gruppe. Er versteht kein Wort und fühlt sich verloren. Die beiden Uetendorfer Buben zeigen auf den Fussballplatz. Tapfer folgt der Bub aus Neuchâtel seinen Gspänli. Durch ein kleines Loch im Zaun schlüpfen die deutschsprachigen Buben aufs Feld und ermuntern den Französisch sprechenden Knaben, ihnen nachzusteigen: «Chumm ine Bro», rufen sie ihm zu. Sekunden später stehen alle drei auf dem Fussballfeld und eilen zu den Bällen. Die Tränen trocknen, die Kinder lachen und toben sich aus. Andere führen den Besuch aus der Romandie durch das Schulhaus. «Hier ist die Meitschi-Toilette», erklärt ein Schüler seinen «copines». «Toilette?» fragt ein Mädchen nach. «Ja, Meitschi-Toilette», bestätigt der Knabe.

«Ich finde es wichtig, dass wir Französisch lernen, obwohl es nicht so Spass macht.»

Freude an Fremdsprachen wecken

Die beiden Lehrerinnen aus Uetendorf, Caroline Erni und Nicole Eicher, führen bereits zum vierten Mal einen Klassenaustausch durch. «Mir liegt die französische Sprache sehr am Herzen», erklärt Erni ihre Motivation. «Mit einem Austausch kann man bei Kindern auf einfachste Art die Freude an Sprachen wecken.» Sie habe die Erfahrung gemacht, dass der Austausch die Motivation fürs Sprachenlernen erhöhe, Barrieren abbaue und so einen enormen Mehrwert bringe.

Auch Isabelle Tomaz-Duarte, Lehrerin aus Neuchâtel, nimmt am Klassenaustausch teil, damit die Kinder gleich zu Beginn des Deutschlernens ein Ziel haben und erleben, warum es sinnvoll ist, Deutsch zu lernen. «Die Brieffreundschaften und das gemeinsame Spielen motivieren sie», ist Tomaz überzeugt.

Diese Art des Sprachaustauschs hat für die Kinder viele Vorteile. Sie kommunizieren über die Sprachgrenzen hinaus und lernen eine neue Region der Schweiz kennen, eine andere Schule, andere Kinder. «All das ist wichtig, damit Kinder offen für Neues sind», betont Tomaz.

Kennengelernt haben sich Erni und Tomaz vor einigen Jahren über eine gemeinsame Bekannte. Seither hat der Klassenaustausch zwischen Uetendorf und Neuenburg alle zwei Jahre Tradition. Der Austausch läuft jeweils gleich ab: Im Herbst besuchen die Kinder aus Neuchâtel einen Tag lang die Uetendorfer Schule. Im Sommer darauf gehen die Deutschschweizer Kinder auf eine zweitägige Schulreise in die Romandie und treffen dort auf ihre «copins» und «copines». Dazwischen schreiben sich die Kinder regelmässig Briefe und Postkarten. Alle haben fix zugeteilte persönliche Brieffreundschaften.

Zweite Landessprache mit Memory lernen

Schon bald ist es Mittag und die Kindergruppen bereiten aus Fertigteig, Tomaten, Mozzarella, Champignons und Fleisch ihre Pizzen zu. Die Zutaten dafür haben sie vorgängig mit einem Memory in beiden Sprachen gelernt. Mit Zeichen klappt die Kommunikation sehr gut. Danach dürfen sie zusammen spielen gehen. Die einen vergnügen sich mit Kartenspielen, die andern toben sich draussen aus. «Was heisst ‹ziehen›?», fragt ein Kind eine Lehrerin. Mit dem neuen Wort «tirer» und entsprechenden Armbewegungen kann es nun dem Gspänli klarmachen, was es mit dem rollenden Brett und dem Seil vorhat. Im Spiel verschwinden die sprachlichen Barrieren schnell.

«Es wäre schade, wenn wir uns nicht unterhalten könnten.»

Die Kinder aus Uetendorf hegen unterschiedliche Gefühle gegenüber der zweiten Landessprache, in der sie unterrichtet werden: «Ich finde es wichtig, dass wir Französisch lernen, obwohl es nicht so Spass macht», sagt ein Mädchen und ergänzt: «Französisch ist eine Sprache der Schweiz. Es wäre schade, wenn wir uns nicht unterhalten könnten.» Ein anderes Mädchen sieht es ähnlich: «Ich finde es cool, dass man in der Schweiz auch Französisch spricht und es verschiedene Sprachen gibt.» Andere schwanken zwischen Begeisterung und Antipathie: «Ich finde Französisch solala. Am Anfang war ich begeistert, dann fing es immer mehr an zu nerven. Aber ein bisschen cool ist es schon auch.» Einheitlicher ist das Bild bei den französischsprachigen Kindern: Viele von ihnen äussern sich positiv über das Deutschlernen. Sie erachten Deutsch als wichtige Sprache. Ihr Tag in der Deutschschweiz ist im Nu vorbei. Beim Abschied winken sich die Klassen lange nach und auf dem Heimweg nach Neuchâtel fällt im Zug das eine oder andere deutsche Wort.

Klassenaustauschwoche

Die nationale Agentur Movetia fördert den Austausch über die Sprachgrenzen für alle Bildungsstufen. Der Klassentausch ist eines unter vielen Angeboten. Partnerklassen können über eine Plattform gesucht und gefunden werden. Ebenso gibt es Vorschläge, wie man den Austausch gestalten kann. Movetia unterstützt Austauschprojekte oder institutionelle Kooperationen finanziell. Jeden November veranstaltet Movetia zudem jeweils die nationale Austauschwoche.

Mehr Informationen: movetia.ch

Autor
Claudia Baumberger

Datum

06.01.2026

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