Stellensuche

Telefonieren ist oft schwerer als ein Test

Gerade noch waren sie Kinder, und dann plötzlich sollen Jugendliche in der Berufsorientierung wissen, was sie wollen. Innert Kürze müssen sie lernen, wie man sich in der Welt der Erwachsenen bewegt.

Jugendlicher tippt auf seinem Smartphone herum.
Ein Telefongespräch zu führen erfordert von vielen Jugendlichen Mut. Foto: iStock

Die Lehrstellensuche ist für viele Jugendliche der erste Moment, in dem sie sich ausserhalb von Schule und Familie behaupten müssen. Die Zeit ist geprägt von Hoffnungen, Enttäuschungen und von der Frage, ob man «gut genug» ist. Lehrpersonen, Eltern und Fachstellen können ihnen diese Last nicht abnehmen. Sie können aber Orientierung geben, Erwartungen einordnen und versichern, dass Rückschläge dazugehören.

Jonas Egli begleitet seit über 25 Jahren Jugendliche auf diesem Weg – vom spielerischen Erforschen erster Interessen bis zum Antritt der Lehrstelle. Als Klassenlehrer am Oberstufenzentrum (OSZ) im bernischen Zollbrück erlebt er täglich, wie viel Mut dieser Übergang erfordert und wie unterschiedlich Jugendliche damit umgehen. Die berufliche Orientierung im Schulunterricht und die Begleitung bei der Lehrstellensuche seien zentral, betont er, denn am Ende der neunten Klasse brauche es für alle Schülerinnen und Schüler eine Anschlusslösung. Die gute Nachricht: Heute sei das bei fast allen Jugendlichen der Fall, sagt Egli. Besonders im ländlichen Emmental gebe es aufgrund sinkender Geburtenzahlen mehr Lehrstellen als früher. «Vielleicht ist es nicht immer der bevorzugte Betrieb, aber im Grunde finden heute fast alle eine passende Stelle.»

Langsame Annäherung

Wenn Egli seine Schülerinnen und Schüler nach der neunten Klasse in die Lehre verabschiedet, ist das der Abschluss eines langen Weges. Am OSZ Zollbrück etwa setzen sich die Jugendlichen schon im ersten Oberstufenjahr mit Fragen der beruflichen Orientierung auseinander. Im zweiten Jahr folgen erste Schnuppererfahrungen, bevor es im dritten Oberstufenjahr zunehmend konkret um die Lehrstellensuche geht.

«Wir versuchen, die Eltern möglichst in den Prozess einzubeziehen.»

Diese gestufte Annäherung entspricht auch dem Geist des Lehrplans 21, der die berufliche Orientierung als längerfristigen Prozess versteht: Jugendliche reflektieren ihre Interessen, Stärken und Schwächen, lernen unterschiedliche Berufsfelder kennen und sammeln schrittweise Praxiserfahrungen. Die Schnupperwochen in der dritten Oberstufe markieren dabei oft eine erste grosse Hürde – etwa, wenn es darum geht, passende Betriebe auszuwählen und selbstständig Kontakt aufzunehmen.

Unterstützung komme häufig von zu Hause, erzählt Egli. Die Lehrstellensuche sei eben auch ein Familienprojekt: «Wir versuchen, die Eltern möglichst in den Prozess einzubeziehen», sagt Egli. Sei es durch Elternabende, Standortgespräche oder schriftliche Reflexionen, in denen Jugendliche von ihren Schnuppererfahrungen berichten. Es kommt dennoch vor, dass Jugendliche zögern, Aufgaben vor sich herschieben oder keine Unterstützung von zu Hause erhalten. Wenn Egli das beobachtet, greift er als Lehrer unterstützend ein.

Jugendliche richtig unterstützen

  • Ängste ernst nehmen: Das erste Telefonat oder die erste Absage ist für viele Jugendliche emotional herausfordernder als eine Prüfung. Raum für diese Gefühle zu geben, ist oft wichtiger, als eine sofortige Lösung anzubieten.
  • Handlungsschritte unterteilen: Einen Betrieb anzurufen, ist leichter, wenn es vorher ein Rollenspiel gab, im Klassenzimmer oder im Einzelgespräch.
  • Interessen definieren: Nicht jeder Traumberuf ist sofort erreichbar. Wichtig ist, gemeinsam herauszuarbeiten, was Jugendliche an einem Beruf reizt und wo sich diese Aspekte auch in anderen Berufen finden.
  • Eltern einbeziehen, Erwartungen klären: Elternabende und Standortgespräche helfen, Rollen zu klären: Eltern dürfen und sollen begleiten, aber nicht die Arbeit und die Entscheidungen übernehmen.
  • Durchlässigkeit sichtbar machen: Jugendliche sollen verstehen, dass Berufswege nicht endgültig sind. Umwege sind keine Sackgassen.

Hilfe bieten auch die kantonalen Berufsberatungen. In der Stadt Zürich kommen Berufsberaterinnen und -berater direkt an die Schulen und unterstützen Jugendliche vor Ort und bei Bedarf in vertieften Gesprächen im Laufbahnzentrum, erklärt Berufsberaterin Rahel Brugger. Diese Fachleute bringen eine professionelle Aussenperspektive ein und helfen, individuelle Wünsche mit den realen Möglichkeiten des Bildungssystems und des Lehrstellenmarktes zu verbinden.

Wenn Träume platzen

Die erste Berufswahl ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten. Sie ist auch der Moment, in dem Jugendliche mit Selbst- und Fremdwahrnehmung konfrontiert werden – und mancher Kindheitstraum platzt. Unter Eglis Schülerinnen und Schülern sind Berufe in der Kinderbetreuung, als medizinische Praxisassistenz oder die Lehre in einer tiermedizinischen Praxis besonders beliebt. Diese Ausbildungsplätze erfordern jedoch oft Qualifikationen, die Realschülerinnen und Realschüler zum Zeitpunkt der Bewerbung noch nicht mitbringen. Egli wünscht sich hier manchmal mehr Flexibilität seitens der Lehrbetriebe, etwa die Bereitschaft, Jugendliche zunächst kennenzulernen, bevor sie aufgrund der Noten oder Leistungszüge ausgeschlossen werden. Allgemein braucht es laut Egli Ermutigung: Wenn es nach der Schule nicht sofort mit dem Traumberuf klappt, ist das kein Grund, ihn aufzugeben. Das duale Bildungssystem der Schweiz bietet vielfältige Möglichkeiten zur Weiterqualifikation.

Gerade an der Schnittstelle zwischen Wunsch und Realität komme die Berufsberatung ins Spiel, erklärt Brugger. Oftmals kämen Jugendliche mit einem sehr klaren Berufswunsch zu ihnen und erlebten dann zum ersten Mal, dass dieser nicht sofort erreichbar sei. Aufgabe der Beratung sei es nicht, den Schülerinnen und Schülern solche Träume auszureden, sondern gemeinsam realistische nächste Schritte zu entwickeln und Wege aufzuzeigen, die auch über Umwege zum Ziel führen können.

«Für viele sind digitale Bewerbungen niederschwelliger.»

Ein Beispiel dafür ist Samija (Name geändert), die am Laufbahnzentrum Zürich von Berufsberaterin Anita Gauer begleitet wurde. Die Schülerin war knapp drei Jahre zuvor mit ihrer Familie aus der Mongolei in die Schweiz gezogen und interessierte sich für den Beruf der Dentalassistentin. Ihr Deutsch sei aber noch nicht gut genug gewesen, sagt Gauer. Darum habe sie gemeinsam mit Samija erarbeitet, welche Aspekte des Berufs ihr besonders zusagten. Aufgrund ihrer sozialen Kompetenzen rückte so eine Lehre als Assistentin Gesundheit und Soziales in den Fokus. Nach einer Schnupperlehre erhielt Samija derart positive Rückmeldungen, dass sie sich für diesen Weg entschied. Nun absolviert sie eine zweijährige Lehre. So bleibt die Option auf einen Lehrabschluss als Fachfrau Gesundheit mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis und auf eine Weiterqualifikation offen.

Heute oft auf digitalem Weg

Wer heute eine Lehrstelle sucht, muss nicht mehr zwingend zum Telefon greifen. In manchen Betrieben läuft der Bewerbungsprozess, auch für Schnupperlehren, inzwischen vollständig digital ab – teilweise sogar ohne Motivationsschreiben. Beim Ausbildungsverbund Login etwa bewerben sich Jugendliche über ein Online-Formular, das je nach Lehrberuf unterschiedliche Fragen stellt. «Diese Form der Bewerbung ist für viele Jugendliche niederschwelliger», sagt Doris Kubli, die für Login Auszubildende rekrutiert. Auch in der Berufsfindung und in der Anwerbung von Lernenden gewinnen digitale Kanäle an Bedeutung. In kurzen Videos auf Tiktok oder Instagram geben Lernende Einblick in ihren Arbeitsalltag. Bild und Video wirkten oft stärker als Text, erklärt Kubli, und machten Berufe greifbarer als klassische Stelleninserate.

Unabhängig von den Neuerungen bleibt für Klassenlehrer Egli im Berufsfindungs- und Bewerbungsprozess die Beziehung im Zentrum: Jugendliche sollen selbstständig werden, sich im Prozess aber nicht allein fühlen. «Wichtig ist, dass sie den Mut haben, anzurufen, eine Mail zu schreiben, ein Kennenlerngespräch zu vereinbaren – und dass sie sich Hilfe holen können, wenn es nicht auf Anhieb klappt.»

Autor
Salomé Meier

Datum

23.02.2026

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