Barrieren

So vielfältig kann der Ruhestand sein

Eigentlich wäre Rosemarie Fischlin längst pensioniert. Sie unterrichtet aber mit bald 72 Jahren noch. Brigitte Werder wählte einen anderen Weg.

Frau mit grauen Haaren unterrichtet ein Kind.
Rosemarie Fischlin ist Lehrerin in einer Integrationsklasse in Altstätten. Foto: Urs Bucher

Noch ein Jahr. So lange wolle sie noch arbeiten und sich dann aus dem Schulbetrieb zurückziehen, sagte sich Rosemarie Fischlin mit 69 Jahren. Heute ist sie 71 und arbeitet noch immer zehn Lektionen pro Woche in der Integrationsklasse im sankt-gallischen Altstätten. «Der Fokus auf den Spracherwerb und auf die Kinder an sich gefällt mir wunderbar und gibt mir sehr viel», sagt die ehemalige Kindergartenlehrerin.

Brigitte Werder aus Lenzburg arbeitete ebenfalls lange als Lehrerin, übernahm in den letzten acht Jahren ihres Berufslebens die Leitung einer Schule. Mit 60 Jahren liess sie sich dann pensionieren. Das war vor über 11 Jahren. Nach der Pensionierung übernahm sie drei weitere Jahre die heilpädagogische Förderung eines Schülers. Danach war für sie Schluss mit dem Berufsleben. «Mir fiel die Pensionierung leicht, weil ich mich darauf gefreut habe, Verantwortung abgeben zu können», sagt sie.

«Manchmal merke ich, dass ich empfindlicher auf Lärm bin als früher.»

Während Rosemarie Fischlin es vorzieht, noch eine Weile zu bleiben, war für Brigitte Werder der vorgezogene Ruhestand der richtige Weg. Nun berichten sie über ihre Beweggründe und Erfahrungen.

Entschieden wird von Jahr zu Jahr

Auch Fischlin liess sich pensionieren, und zwar regulär im Jahr 2019. Auf eine Ausschreibung des Kantons, wonach pensionierte Lehrpersonen für einen Wiedereinstieg gesucht wurden, meldete sie sich. Kurz darauf kam eine Anfrage der Schulleitung Altstätten für eine Stelle als Lehrperson für Deutsch als Zweitsprache in der Integrationsklasse. Seither unterrichtet sie wieder. Den Arbeitsvertrag unterzeichnet sie von Jahr zu Jahr. «Die Arbeit mit den Jugendlichen gibt mir viel Energie und inspiriert mich. Merke ich dereinst, dass mein Körper nicht mehr mitmacht, würde ich aufhören», sagt sie. Sie ist aber fit wie ein Turnschuh, möchte man meinen. Denn nebenbei betreibt sie noch ein Yogastudio. Alles in allem kommt Fischlin auf ein Arbeitspensum von rund 70 Prozent. Hat Fischlin keine Ermüdungserscheinungen? «Manchmal merke ich, dass ich lärmempfindlicher bin als früher.» Da aktuell lediglich 13 Schülerinnen und Schüler die Integrationsklasse besuchten, könne man den Lärmpegel aber auf einem tiefen Niveau halten.

Für Werder war die Pensionierung dagegen eine Erlösung, zumal sie ursprünglich nicht die Absicht hatte, Schulleiterin zu werden. Sie sprang als Rektorin ein, weil es sonst niemand machen wollte. «Unglücklich war ich aber nicht, denn ich konnte vieles lernen und zahlreiche Weiterbildungen besuchen. Das hat mir stets viel Spass gemacht.» Diesen Ratschlag würde sie auch an jüngere Berufskolleginnen und -kollegen weitergeben: «Immer neugierig bleiben.» Zudem rät Werder, das Berufsleben so zu gestalten, dass es einem wohl ist. Sie schwärmt etwa vom Jobsharing, das habe ihre Arbeit bereichert. «Meine Jobsharing-Partnerinnen und -Partner und ich ergänzten uns wunderbar. Wir konnten unsere Lieblingsfächer unterrichten und fingen die Schwächen der jeweils anderen Person ab – das war sehr gut.» Mathematik, Deutsch und Musik habe sie leidenschaftlich gern unterrichtet, während sie sich nie gross für Geschichte begeistern konnte.

Administration auf einem Minimum

Seit der Pensionierung gestaltet auch Fischlin ihr Berufsleben so, wie es ihr gefällt. «Die Arbeit mit den Kindern steht für mich im Zentrum, das heisst dass sich administrative und koordinative Aufgaben auf ein Minimum beschränken», sagt sie. Doch eingespannt bleibt sie trotzdem, Ruhestand stellt man sich anders vor. Wie reagieren Fischlins Familie und Freunde darauf, dass sie so weit über das Pensionsalter hinaus arbeitet? Unterschiedlich. «Die Jüngeren sind beeindruckt und wünschen, dass sie das Feuer für ihren Beruf ebenfalls über das Pensionsalter hinaus behalten können.» Gleichaltrige Freunde und Bekannte hätten manchmal Mühe, Fischlins Motivation nachzuvollziehen.

Welchen Ratschlag erteilt Fischlin Lehrpersonen, die vor dem Ruhestand stehen? «Auf keinen Fall würde ich von einem 100-Prozent-Pensum von einem Tag auf den anderen in den Ruhestand treten», sagt sie. Dies sei viel zu abrupt. Sinnvoller sei es, wenn man sich nach und nach mit der neuen Lebensphase arrangieren könne.

Die meisten sind noch aktiv

Das sieht Werder genau gleich wie Fischlin: «Weil Teilzeitpensen bei Lehrpersonen so verbreitet und akzeptiert sind, lädt der Beruf quasi dazu ein, langsam runterzufahren», sagt sie. Heute geniesst sie es, ihre Zeit so zu gestalten, wie es ihr gefällt. Sie singt in einem Chor, spielt Blockflöte und organisiert mit einer Kulturgruppe in ihrer Wohngemeinde Konzerte. Als Co-Präsidentin eines Vereins pensionierter Lehrpersonen im Aargau pflegt Werder zudem den Kontakt zu ehemaligen Berufskolleginnen und -kollegen. «Die Jahrestagung ist wie eine grosse Klassenzusammenkunft, an der man Anekdoten von früher teilt.» Sie kenne eigentlich niemanden, der mit dem Ruhestand hadere. Die meisten ihrer Bekannten seien aktiv und neugierig unterwegs. Sie selbst vermisse jedenfalls nichts. 

«Ich würde nicht von einem 100-Prozent-Pensum direkt in den Ruhestand treten.»

Denn der Lehrberuf sei komplizierter geworden, findet sie. Fachpersonen müssten koordiniert werden, die Ansprüche der Eltern seien gestiegen und auch das Unterrichten sei komplexer geworden, ist ihr Eindruck. Als Junglehrerin habe sie Aufsätze korrigiert, verglichen, benotet und mit den Schülerinnen und Schülern besprochen. Heute brauche es detaillierte Kriterien-Tabellen, um die Noten begründen zu können. Dass dies so gehandhabt werde, schaffe zwar Transparenz, bedeute für Lehrpersonen aber enormen Aufwand.

Fischlin hingegen könnte wohl nicht ohne das Unterrichten. Oder doch? «Letztlich hängt der Zeitpunkt, an dem ich damit aufhöre, davon ab, wie gesund und fit ich mich fühle», sagt sie schmunzelnd und fügt hinzu: «Wohl noch ein Jahr.» Dies im Wissen darum, dass sie dies seit Jahren sagt.

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Im Interview «Lehrpersonen haben im Ruhestand die grössten Möglichkeiten» berichtet Peter Burri Follath von Pro Senectute, wie sich Lehrpersonen am besten auf den Ruhestand vorbereiten.

Autor
Alex Rudolf

Datum

19.02.2026

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