Entschieden wird von Jahr zu Jahr
Auch Fischlin liess sich pensionieren, und zwar regulär im Jahr 2019. Auf eine Ausschreibung des Kantons, wonach pensionierte Lehrpersonen für einen Wiedereinstieg gesucht wurden, meldete sie sich. Kurz darauf kam eine Anfrage der Schulleitung Altstätten für eine Stelle als Lehrperson für Deutsch als Zweitsprache in der Integrationsklasse. Seither unterrichtet sie wieder. Den Arbeitsvertrag unterzeichnet sie von Jahr zu Jahr. «Die Arbeit mit den Jugendlichen gibt mir viel Energie und inspiriert mich. Merke ich dereinst, dass mein Körper nicht mehr mitmacht, würde ich aufhören», sagt sie. Sie ist aber fit wie ein Turnschuh, möchte man meinen. Denn nebenbei betreibt sie noch ein Yogastudio. Alles in allem kommt Fischlin auf ein Arbeitspensum von rund 70 Prozent. Hat Fischlin keine Ermüdungserscheinungen? «Manchmal merke ich, dass ich lärmempfindlicher bin als früher.» Da aktuell lediglich 13 Schülerinnen und Schüler die Integrationsklasse besuchten, könne man den Lärmpegel aber auf einem tiefen Niveau halten.
Für Werder war die Pensionierung dagegen eine Erlösung, zumal sie ursprünglich nicht die Absicht hatte, Schulleiterin zu werden. Sie sprang als Rektorin ein, weil es sonst niemand machen wollte. «Unglücklich war ich aber nicht, denn ich konnte vieles lernen und zahlreiche Weiterbildungen besuchen. Das hat mir stets viel Spass gemacht.» Diesen Ratschlag würde sie auch an jüngere Berufskolleginnen und -kollegen weitergeben: «Immer neugierig bleiben.» Zudem rät Werder, das Berufsleben so zu gestalten, dass es einem wohl ist. Sie schwärmt etwa vom Jobsharing, das habe ihre Arbeit bereichert. «Meine Jobsharing-Partnerinnen und -Partner und ich ergänzten uns wunderbar. Wir konnten unsere Lieblingsfächer unterrichten und fingen die Schwächen der jeweils anderen Person ab – das war sehr gut.» Mathematik, Deutsch und Musik habe sie leidenschaftlich gern unterrichtet, während sie sich nie gross für Geschichte begeistern konnte.
Administration auf einem Minimum
Seit der Pensionierung gestaltet auch Fischlin ihr Berufsleben so, wie es ihr gefällt. «Die Arbeit mit den Kindern steht für mich im Zentrum, das heisst dass sich administrative und koordinative Aufgaben auf ein Minimum beschränken», sagt sie. Doch eingespannt bleibt sie trotzdem, Ruhestand stellt man sich anders vor. Wie reagieren Fischlins Familie und Freunde darauf, dass sie so weit über das Pensionsalter hinaus arbeitet? Unterschiedlich. «Die Jüngeren sind beeindruckt und wünschen, dass sie das Feuer für ihren Beruf ebenfalls über das Pensionsalter hinaus behalten können.» Gleichaltrige Freunde und Bekannte hätten manchmal Mühe, Fischlins Motivation nachzuvollziehen.
Welchen Ratschlag erteilt Fischlin Lehrpersonen, die vor dem Ruhestand stehen? «Auf keinen Fall würde ich von einem 100-Prozent-Pensum von einem Tag auf den anderen in den Ruhestand treten», sagt sie. Dies sei viel zu abrupt. Sinnvoller sei es, wenn man sich nach und nach mit der neuen Lebensphase arrangieren könne.
Die meisten sind noch aktiv
Das sieht Werder genau gleich wie Fischlin: «Weil Teilzeitpensen bei Lehrpersonen so verbreitet und akzeptiert sind, lädt der Beruf quasi dazu ein, langsam runterzufahren», sagt sie. Heute geniesst sie es, ihre Zeit so zu gestalten, wie es ihr gefällt. Sie singt in einem Chor, spielt Blockflöte und organisiert mit einer Kulturgruppe in ihrer Wohngemeinde Konzerte. Als Co-Präsidentin eines Vereins pensionierter Lehrpersonen im Aargau pflegt Werder zudem den Kontakt zu ehemaligen Berufskolleginnen und -kollegen. «Die Jahrestagung ist wie eine grosse Klassenzusammenkunft, an der man Anekdoten von früher teilt.» Sie kenne eigentlich niemanden, der mit dem Ruhestand hadere. Die meisten ihrer Bekannten seien aktiv und neugierig unterwegs. Sie selbst vermisse jedenfalls nichts.
«Ich würde nicht von einem 100-Prozent-Pensum direkt in den Ruhestand treten.»
Denn der Lehrberuf sei komplizierter geworden, findet sie. Fachpersonen müssten koordiniert werden, die Ansprüche der Eltern seien gestiegen und auch das Unterrichten sei komplexer geworden, ist ihr Eindruck. Als Junglehrerin habe sie Aufsätze korrigiert, verglichen, benotet und mit den Schülerinnen und Schülern besprochen. Heute brauche es detaillierte Kriterien-Tabellen, um die Noten begründen zu können. Dass dies so gehandhabt werde, schaffe zwar Transparenz, bedeute für Lehrpersonen aber enormen Aufwand.
Fischlin hingegen könnte wohl nicht ohne das Unterrichten. Oder doch? «Letztlich hängt der Zeitpunkt, an dem ich damit aufhöre, davon ab, wie gesund und fit ich mich fühle», sagt sie schmunzelnd und fügt hinzu: «Wohl noch ein Jahr.» Dies im Wissen darum, dass sie dies seit Jahren sagt.