Welches sind die grössten Herausforderungen für Lehrpersonen bei der Pensionierung?
PETER BURRI FOLLATH: Lehrpersonen identifizieren sich sehr stark mit ihrem Beruf. Sie üben nicht bloss einen Job aus, sondern leben diesen. Der Übergang in die Pension hat auf mehreren Ebenen einen Einfluss auf die Identität: Mit dem Wegfall der beruflichen Rolle verlieren Lehrpersonen oft eine zentrale Quelle von Sinn, Anerkennung und sozialer Zugehörigkeit. Insbesondere bei einem abrupten Pensionseintritt kann dies als Bruch im Selbstverständnis erlebt werden. Darum ist es wichtig, dass sie sich für den Ruhestand ein Stück weit neu erfinden und neue Prioritäten setzen. Besonders wichtig ist, dass man sein Leben neu strukturiert. Während des Berufslebens ist der Arbeitstag üblicherweise in 45-minütige Einheiten unterteilt, im Ruhestand fehlen solche äusseren Richtwerte. Der Stundenplan muss folglich mit einem Lebensplan ersetzt werden.
Wozu raten Sie konkret?
Man sollte nicht unterschätzen, wie emotional der Eintritt in den Ruhestand werden kann. Lehrpersonen tragen während des Berufslebens viel Verantwortung und sind Führungspersonen im Klassenzimmer. Wer bin ich, wenn ich diese Aufgaben nicht mehr habe? Mit dieser Frage sollten sich Lehrpersonen schon früh auseinandersetzen. Wichtig ist auch der finanzielle Aspekt. Man kann davon ausgehen, dass einem im Ruhestand noch 60 bis 70 Prozent des im Berufsleben verfügbaren Einkommens bleiben. Auch hier muss man sich fragen, welche Auswirkungen dies hat. Wichtig ist, dass man sich einerseits bewusst ist, dass dieser Betrag bis ans Lebensende so bleibt. Anderseits muss man sich im Klaren sein, dass in der Regel keine neuen Einkommensmöglichkeiten mehr hinzukommen.
Es gibt Lehrpersonen, die weit über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Wie schätzt Pro Senectute dies ein?
Jene, die nach 65 weiterarbeiten wollen, sollen dies unbedingt tun können. Wichtig ist aber auch zu betonen, dass jene, die nicht mehr arbeiten wollen, auch den Ruhestand geniessen dürfen. Erhebungen zeigen, dass nach der Pensionierung durchschnittlich noch 14 gesunde Lebensjahre auf einen warten. Das heisst, dass viele Menschen noch bis zum 80. Geburtstag bei guter Gesundheit sind. Menschen im Ruhestand sind also eine Ressource für die Berufswelt und die Freiwilligenarbeit. In Sachen Beschäftigung nach der Pensionierung haben Lehrpersonen wohl die grössten Möglichkeiten aller Berufsgruppen.
Wie meinen Sie das?
Die Lehrtätigkeit mit allen notwendigen Kompetenzen gibt das Rüstzeug für viele andere Tätigkeiten, die man im Alter ausführen kann. Von handwerklichen Berufen bis hin zu Freiwilligenarbeit.
