Neu- oder Umbauten

Schulbauten auf dem Prüfstand der Zeit

Vor zehn Jahren porträtierte BILDUNG SCHWEIZ fünf Schulen, die neu oder umgebaut wurden. Erfüllen die Gebäude noch immer alle Bedürfnisse?

Ein modernes Schulhaus mit Vorplatz.
Bei der Entwicklung der Primarschule Hasel in Spreitenbach (ZH) wurde auf die Wünsche von Schülerinnen und Schülern eingegangen.

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein: denkmalgeschützt, aus Glas, mit Dorfcharakter oder ganz modern mit Schulgarten. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Die Platzverhältnisse sind knapp und die Bedürfnisse, die im vorhandenen Raumprogramm berücksichtigt werden müssten, zahlreich.

BILDUNG SCHWEIZ hat 2015 anlässlich einer Serie Schulen in der ganzen Schweiz porträtiert. Die Serie «Bildungsräume» sollte aufzeigen, wie sich pädagogische und architektonische Ansprüche vereinbaren lassen und welche Faktoren eine lernfreundliche Umgebung begünstigen. Heuer, gut zehn Jahre später, hat das Magazin bei fünf Schulen noch einmal angeklopft. Wie geht es den Schülerinnen, Lehrkräften und Schulleitungen darin heute? Entsprechen die sanierten oder neu gebauten Räumlichkeiten noch den aktuellen Bedürfnissen? Und: Was macht für die Nutzerinnen und Nutzer gute Schularchitektur aus?

Die Schule aus Glas

Am Zürcher Albisriederplatz steht eine sogenannte Turmschule. Der Glasbau, bestehend aus drei Türmen, ist dem Konzept der Freiluftschule nachempfunden. 2009 erbaut, wurde er ursprünglich für zwölf Klassen ausgelegt. Mittlerweile werden hier 13 Klassen unterrichtet und es könnten noch mehr werden. Schulleiterin Sandra Balli arbeitet trotz der beengten Platzverhältnisse gerne hier: «Wir haben sehr viel Licht und das gefällt mir sehr.» Die Kehrseite der Transparenz: Rückzugsmöglichkeiten gibt es so gut wie keine. Selbst zwischen den Klassenzimmern erlauben Glaswände den vollen Durchblick. «Da es kaum Privatsphäre gibt, nutzen die Jugendlichen die Toiletten als Rückzugsort», weiss Balli.

Mehr Rückzugsmöglichkeiten würde sich auch Schulleiterin Andrea Boller wünschen. Sie steht der Schulanlage Chriesiweg in Zürich Altstetten vor. Die pavillonartigen Bauten aus Backstein wurden 2010 sanft renoviert. Dabei blieb das ursprüngliche architektonische Konzept von 1957 unangetastet. Laubengänge und naturnahe Innenhöfe schaffen einen divers nutzbaren Aussenbereich. Der Backstein kreiere eine warme Atmosphäre, hiess es im Bericht von 2015 schon. Boller bestätigt dies: «Wir haben hier sicher eine spezielle Architektur, die uns auch abhebt.» 

Doch in den Innenräumen stosse das Lehrpersonal an räumliche Grenzen. «Wir haben Kinder, die verschieden betreut werden und dadurch von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends hier sind», sagt Boller. Für diese Kinder, aber auch für die Klassen, würde sie sich mehr räumliche Optionen wünschen – «zur Umsetzung eines vielfältigen Unterrichts- und Betreuungsalltags», wie sie sagt. Zudem verfüge die Schule im Allgemeinen über keine Gruppenräume.

Serie «Lebensraum Schule»

In seiner Jahresserie beleuchtet BILDUNG SCHWEIZ verschiedene Aspekte zum «Lebensraum Schule» – von der Architektur bis zur Zukunft des Lernens. Alle bisher zum Thema erschienenen Beiträge sind hier publiziert.

Im 2015 gebauten Primarschulhaus Hasel in Spreitenbach (AG) sind Gruppenräume vorhanden. Diese würden auch rege genutzt, sagt Schulleiterin Bettina Stade. Auch sonst habe sich der Grundriss des holzverkleideten, zweistöckigen Baus bislang bewährt. Das Architektenteam hat ihn unter Berücksichtigung der Wünsche von Schülerinnen und Schülern entworfen. «Dass wir nun einen Schulgarten und sogar einen Weiher haben, ist den Kindern zu verdanken», sagt Stade.

Dennoch bringen auch hier die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schulkinder das Raumangebot an seine Grenzen. «Die Diagnosebreite von Kindern mit Beeinträchtigungen hat sich verstärkt», sagt Stade. Würde sie heute einen Neubau planen, müsste auch an reizarme Erholungsräume gedacht werden.

Knarrende Treppen

Unabhängig davon, ob in einem renovierten Altbau oder einem modernen Neubau unterrichtet wird, um die Mehrfachnutzung von Räumen kommt keine der porträtierten Schulen herum. Auch in Niederwangen, zugehörig zur Berner Gemeinde Köniz, hat sich die flexible Raumnutzung als Ausweg aus dem Platzdilemma etabliert. Der Musikraum im alten Schulhaus, das 2014 saniert wurde, wird fürs Mittagessen der Tagesschule oder auch gelegentlich für Schulleitungssitzungen verwendet. 

Co-Schulleiterin Ruth von Känel zeigt sich mit der Sanierung des Altbaus von 1892 grundsätzlich zufrieden. «Heimelig» sei es hier. «Die Treppen knarren so schön, da bekommt jedes Kind mit, dass es in einem alten Schulhaus ist.» Verbesserungspotenzial gab es gemäss von Känel insbesondere in der Schallisolation einzelner Zimmer. «Ohne hörte man sich einfach zu gut.» Dies habe man aber bereits im ersten Nutzungsjahr behoben.

Auch die Renovation der Zürcher Schulhäuser Ilgen A und B, zwei spätklassizistische Bauten von 1877 und 1889, hat sich für Schulleiter Raffael Müller übers Ganze gesehen bewährt. Besonders im Schulhaus A sei die Grösse der Räume komfortabel. Im Schulhaus B, wo die Mittelstufenklassen untergebracht sind, könne es aber mit bis zu 25 Schülerinnen und Schülern pro Klasse ziemlich eng werden. 

Zudem würden neue Projekte wie die Begabungs- und Begabtenförderung oder die Weiterentwicklung der schulergänzenden Betreuung zusätzlichen Schulraum erfordern. Schulleiter Müller sagt: «Hier sind oft kreative und unkonventionelle Ideen gefragt, um eine Verdichtung der vorhandenen Raumstruktur zu erreichen.» So habe man etwa ehemalige Materiallagerräume umnutzen können für den DaZ-Unterricht oder die Schulsozialarbeit.

Fazit: Licht, Akustik, flexible Räume

Während die einen sich mit der ganzen Bandbreite pädagogischer Bedürfnisse konfrontiert sehen, wissen andere, dass ihre Schulgemeinde in naher Zukunft kräftig weiterwachsen wird. In Niederwangen wird eine geplante Grossüberbauung bis 2034 wohl für eine Verdoppelung der Bevölkerungszahl sorgen. Deshalb werden auf das Schuljahr 2027/28 Modulbauten für zehn Klassen erstellt.

Auch Spreitenbach wächst und wächst. Aktuell gibt es in der Schulgemeinde zwei grosse Primarschulhäuser, ein drittes soll im September bezugsbereit sein. Für Schulleiterin Stade ist derweil klar, welche Faktoren diese Gebäude zu Beispielen guter schulischer Architektur machen: «Licht ist enorm wichtig für das Wohlbefinden. Das andere ist die Akustik. Vor allem in den Gängen braucht es eine gute Schallisolation und genügend Platz. Sonst kommt es zu Konflikten, die den ganzen Schultag prägen können. Das braucht niemand.»

«Die Architektur ist ein wichtiger und wertvoller Bestandteil, der zu qualitativem Unterricht beiträgt – aber sie ist in der Beziehungsarbeit zu den Kindern nicht alles.»

Balli vom Schulhaus Albisriederplatz betont, wie wichtig der Raum als dritter Pädagoge ist: «Deshalb ist die flexible Nutzung von Zimmern das A und O – besonders im Hinblick auf die stark geänderten Bedürfnisse in den letzten zehn Jahren.»

Auch für Andrea Boller vom Chriesiweg ist Flexibilität ausschlaggebend, aber nicht nur: «Dazu gehört unbedingt auch ein anregend und kinderfreundlich gestaltetes Schulareal.» Und Müller vom Ilgen-Schulhaus ergänzt: «Ein gutes Design, ansprechende Farben und die Qualität der verbauten Materialien sind meiner Ansicht nach wichtige Aspekte für das Wohlbefinden und die Motivation.» Aber auch die Beleuchtung und Belüftung spielten eine Rolle.

«Die Architektur ist ein wichtiger und wertvoller Bestandteil, der zu qualitativem Unterricht beiträgt – aber sie ist in der Beziehungsarbeit zu den Kindern nicht alles. Wir unterrichten in Niederwangen in ganz unterschiedlichen Räumen, nicht alle sind modern ausgestattet und doch sind die Nutzenden glücklich», bilanziert von Känel von der Schule Niederwangen.

Die Standpunkte und Erfahrungen der Schulleitenden zeigen: Das klassische Schulhaus, das aus Flur und Klassenzimmern besteht, hat längst ausgedient. Schulische Architektur sieht sich heutzutage mit zahlreichen Bedürfnissen konfrontiert. Gefragt sind modulare Lösungen, die den Zeitgeist überdauern. Die Herausforderung dabei: All diese Ansprüche und Begebenheiten im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten und baulichen Ausgangslage einer Gemeinde zu verwirklichen. 

Autor
Mirja Keller

Datum

03.08.2026

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