Schulzeit als Zeit der Freundschaft

Sarah ist immer noch ihre beste Freundin

Eine Lehrerin und eine Erziehungswissenschaftlerin sprechen darüber, wie Freundinnen und Freunde das Leben prägen und welche Rolle die Schule dabei spielt.

Eine lachende Frau im Grünen.
Marianna Caccese hat ihr Freundschaftsbüchlein aus der Schulzeit aufbewahrt. Fotos: Philipp Baer

In der Schweiz lernen 40 Prozent der Kinder und Jugendlichen ihre besten Freundinnen und Freunde in der Schule kennen. Bei Teenagern sind es sogar über 60 Prozent. Dies ergab eine Umfrage des Gottlieb Duttweiler Instituts, die 2025 publiziert wurde. Für die Freundschaftsstudie wurden über 3000 Kinder und Erwachsene befragt.

«Wir kennen uns aus der Schule», steht mehrfach im Freundschaftsbuch von Marianna Caccese (34), die auch ihre beste Freundin Sarah in der Primarschule kennengelernt hat. Das Freundschaftsbuch von damals hat Caccese aufbewahrt. Heute unterrichtet sie an der Primarschule in Oberägeri im Kanton Zug technisches und textiles Gestalten. «Sarah und ich hatten schon als Kinder viele Gemeinsamkeiten», erinnert sie sich. 

Die beiden Freundinnen besuchten die gleiche Klasse, sangen gemeinsam im Chor und waren bis in die späten Jugendjahre im Blauring aktiv. Es ist die typische Biografie einer Kinderfreundschaft. Besonders in der Schulzeit sind diese von gemeinsamen Interessen geprägt. Davor entwickeln sich Freundschaften eher über gemeinsames Spielen. Im Verlauf der Schulzeit gewinnen Vertrauen und Loyalität in einer Freundschaft an Bedeutung.

Die Quintessenz von Freundschaft

Die Freundschaft hat also mehr als ein Gesicht. Die Erziehungswissenschaftlerin Marion Scherzinger fasst es als Quintessenz so zusammen: «Freundschaft ist die Form einer positiven Beziehung. Man ist sich sympathisch und verbringt gerne Zeit miteinander.» Eine Sammlung wie das Freundschaftsbüchlein und Poesiealben spiegeln vielleicht nicht immer enge Beziehungen, aber immerhin freundliche Bekanntschaften wider. 

Als Lehrerin verfasst Caccese heute noch hie und da Einträge für ihre Schülerinnen und Schüler. Sie freut sich, dass die Büchlein weiterhin eine Rolle im Schulleben spielen. Sie spricht ihnen eine positive Kraft zu: «Vielleicht ist es für viele einfach eine Bestätigung, dass man gemocht wird.» Und natürlich macht es Spass, die Steckbriefe auszufüllen oder sie zu lesen. Dies schrieben Cacceses Freundinnen ins Freundschaftsbuch:

  • Mach ich gerne: «Mit Kolleginnen abmachen.»
  • Was ich nicht mag: «Streit, Krieg.»
  • Das wünsch ich mir: «Dass ich in die Sekundarschule komme.» oder «Dir wünsche ich, dass du nie ins Krankenhaus musst.»
  • Das esse ich am liebsten: «Alles.»

Poesieklassiker wie «Lebe glücklich, lebe froh, wie die Maus in Mexiko» durften natürlich auch nicht fehlen.

Freundschaften seien wie der Mensch einer Entwicklung unterworfen, betont Erziehungswissenschaftlerin Scherzinger. Jüngere Kinder pflegten noch nicht sehr enge Freundschaften. «Freundschaft entwickelt sich mit der sozialen und kognitiven Entwicklung weiter», sagt sie. Familienferne Kontakte unterstützten die Identitätsfindung. «Jugendliche erkennen im Umgang mit anderen, was sie als Person ausmacht.» Mit Gleichaltrigen sprechen Jugendliche zudem anders über ihre Gefühle als mit der Familie. «Emotionale Nähe und Vertrauen werden so mit den Jahren für Freundschaften immer wichtiger.»

Gemeinsam durch dick und dünn

Menschen spüren schnell, dass Freundschaften einem im Leben Halt geben können. In der Freundschaftsstudie gaben denn auch über 80 Prozent der Befragten an, mit ihren Freundinnen und Freunden über Ängste, Schwächen und Gefühle zu sprechen. Caccese schätzt diese Art der Unterstützung. «Eine starke Verbindung zeichnet sich dadurch aus, dass man sich gegenseitig hilft – auch in schwierigen Lebenssituationen.»

Die freundschaftliche Unterstützung wünscht sich die Lehrerin auch für ihre Schülerinnen und Schüler. Besonders auf der Oberstufe beobachte sie jedoch, dass Freundschaften schnelllebiger geworden seien. «Vielleicht ist es mit den digitalen Möglichkeiten heute einfacher, schnell neue Kontakte zu knüpfen», vermutet sie.

Ein Ding der Vielfalt

Was in der frühen Kindheit als Spielfreundschaft beginnt, gewinnt in den Jahren an Komplexität. Soll eine Freundschaft halten, muss sie auch gepflegt werden. Scherzinger betont: «Freundschaften geht man freiwillig ein, aber es gehört ein Geben und Nehmen dazu.» Kinder gäben sich eher gleiche Dinge wie gemeinsame Aktivitäten. Bei Erwachsenen wiederum kann diese Gegenseitigkeit verschiedene Formen annehmen. So unterstützt jemand sein Gegenüber vielleicht mehr durch Zuhören, während die andere Person im Gegenzug aktiv ermutigt. Bedingungslos müsse Freundschaft aber nicht sein, sagt Scherzinger. 

«Viele wollten Meeresbiologin werden.»

«Gegenseitigkeit bedeutet nicht komplette Selbstaufgabe. Es muss für beide stimmen.» Freundschaften sind denn auch nicht bloss ein Zeitvertreib. Zwar steht die gute gemeinsame Zeit im Vordergrund, aber das schliesst Streitereien nicht aus, wie Scherzinger betont: «In Freundschaften lernen Kinder, Konflikte besser auszuhandeln, zu kooperieren und die Perspektiven anderer einzunehmen.» Dies helfe, eine Beziehung trotz unterschiedlicher Interessen aufrechtzuerhalten.»

Schule für soziale Wesen

Nicht alle Menschen finden leicht Freunde. Manche haben mehr, manche weniger. In der Freundschaftsstudie gaben 13 Prozent der Befragten an, mehr als sechs enge Freundinnen und Freunde zu haben. Knapp 10 Prozent wiederum gaben an, keine zu haben. Durchschnittlich haben die Befragten vier Menschen, mit denen sie engen Kontakt pflegen.

Und was ist, wenn man Schwierigkeiten hat, neue Menschen kennenzulernen? Die Schule könne vieles dazu beitragen, soziale Kompetenzen und das Knüpfen von Freundschaften zu fördern, sagt Scherzinger. Sie betont aber ebenfalls: «Man kann Freundschaften nicht erzwingen.» In der Schule müssten nicht zwangsläufig Freundschaften entstehen. Ein guter Klassenzusammenhalt und ein kollegialer Umgang unter den Kindern seien auch schon wertvoll. «Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir brauchen Eingebundenheit und Zugehörigkeit.»

«Kinder müssen lernen, Interesse am Gegenüber zu zeigen.»

Von der sozialen Seite des Menschseins zeugen auch die Freundschaftsbüchlein, die seit Generationen in Klassenzimmern kursieren. Sie sind Teil des Austauschs untereinander. Da braucht es auch manchmal etwas Mut, andere um einen Eintrag zu bitten. Scherzinger sieht jedoch auch einen gewissen Druck, der entstehen kann, wenn so ein Büchlein zum Messinstrument für Beliebtheit wird. Umso wichtiger sind ein gutes Klassenklima und die Fähigkeit, Konflikte gemeinsam zu überwinden.

Lehrpersonen können günstige Bedingungen für den Umgang untereinander fördern. Die Erziehungswissenschaftlerin verweist darauf, wie gemeinsame Aktivitäten und Erfolgserlebnisse ein gutes Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen. Sie empfiehlt, von Anfang an Raum für sozialen Austausch zu geben. «Kinder müssen lernen, andere anzusprechen und das Interesse am Gegenüber zu zeigen.» Dazu gehöre auch, sich in andere hineinzuversetzen. Schon kleine Kinder könnten dies mit Geschichten und Bilderbüchern über Freundschaft lernen.

Gute Freundschaft wirkt nachhaltig

In ihrem Unterricht beobachtet Marianna Caccese, dass Freundschaften auch das Lernen positiv beeinflussen. Bei Gruppenarbeiten überlasse sie oft die Wahl den Schülerinnen und Schülern und greife nur ein, wo kein produktives Lernen stattfindet. «Freundinnen und Freunde unterstützen sich eher im Positiven. So produzieren sie gemeinsam auch bessere Arbeiten.»

Das Freundschaftsbuch aus ihrer Schulzeit ist ihr ein liebes Erinnerungsstück. «Es ist spannend zu sehen, was sich meine Mitschülerinnen und Mitschüler für ihre Zukunft gewünscht haben. Viele wollten Meeresbiologin werden.» Heute sei Influencer ein Berufswunsch, den Kinder häufig angeben. Bei einigen ihrer ehemaligen Schulkameradinnen und -kameraden weiss Caccese sogar, was aus ihnen geworden ist. Sie lebt noch in der Umgebung, wo sie zur Schule ging. Niemand wurde Meeresbiologe. Aber Schulfreundin Sarah ist heute noch ihre beste Freundin und unterdessen auch Patin ihres Sohnes. 

Autor
Patricia Dickson

Datum

14.10.2026

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