Bildung interessiert, Bildung ist politisch. Letzteres hinterlässt bei Lehrpersonen oft Frust. Können Sie uns als ehemaliger Lehrer und heutiger Politikanalyst erklären, was schiefläuft?
MARC BÜHLMANN: Als ich noch Lehrer war – das war im Kanton St. Gallen –, hatten wir einen Bildungsdirektor, der das Feindbild aller Lehrpersonen war. Er war CVPler und vertrat sehr konservative Ansichten. Er wollte die Schule wie ein Unternehmen führen, wir aber stellten das Kind ins Zentrum. Heute als Politikwissenschaftler sehe ich, dass sie die Schule aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachteten: der Politiker sah das grosse Ganze, Lehrpersonen fokussierten auf den konkreten Schulbetrieb.
Und nun?
Beide Seiten stehen auf ihre Weise ein wenig auf verlorenem Posten: Lehrpersonen fühlen sich ausgeliefert, und ein Regierungsrat kann zwar Vorgaben machen, aber er mag den Eindruck gewinnen, dass niemand sich darum kümmert – denn Lehrpersonen reizen ihre Spielräume aus.
Jene mit politischer Macht sind wirkungslos? Ist es nicht eher so, dass man sich als Lehrperson unverstanden fühlt?
Sehr häufig fühlen sich beide Seiten unverstanden. Der Regierungsrat muss als Vertreter eines Gremiums und einer Partei auf mancherlei Interessen Rücksicht nehmen. Er kann weder sagen noch machen, was er will. Die Schule findet aber in den Schulhäusern draussen in den Gemeinden statt. Dort ändern sich die Bedürfnisse rasch. Da kann die Politik nur schwer mithalten.
Genau deshalb ist die Ansicht verbreitet, man solle doch gescheiter Fachleute, die etwas verstehen von der Sache, machen lassen. Was spricht dagegen?
Eine Gesellschaft braucht Regeln. Politik sorgt in einer Demokratie hoffentlich dafür, dass eine Mehrheit hinter den verhandelten Regeln steht.
Schön und gut. Aber Regeln müssen vor allem dort passen, wo sie angewandt werden. Zuweilen werden Reformen beschlossen, aber nicht ausreichend finanziert. Ein aktuelles Beispiel ist die integrative Schule. Warum ist das so?
Es gibt verschiedene Strömungen in der Politik. Die eine Seite, konkret die soziale, will mehr Gleichheit ermöglichen, die konservativ-bürgerliche hingegen hat den Staatshaushalt im Blick und möchte Mehrausgaben vermeiden. Sie will mit einer Reform sparen. Diese unheilige Allianz kann wie bei der integrativen Schule zu einer unterfinanzierten Reform führen.
«Politikerinnen und Politiker lösen eigentlich keine Probleme.»
Dann können wir von der Politik also gar keine guten Lösungen erwarten?
Politikerinnen und Politiker lösen eigentlich keine Probleme. Sie definieren viel mehr, was ein Problem ist und was als solches gelten darf. Wenn dies ausgehandelt ist, geht es darum, die meist vielen Lösungsansätze so zu verknüpfen, dass alle einigermassen zufrieden sind. Dank den unterschiedlichen Strömungen in der Politik wird das Problem von verschiedenen Seiten her beleuchtet. Das öffnet den Blick und ist auch die Chance der Politik gegenüber Fachleuten. Bis eine politische Lösung allerdings steht, vergehen manchmal Jahre, und das ursprüngliche Problem stellt sich bis dann womöglich anders.

