Bildungspolitik

«Lehrpersonen sind nicht neutral»

Politbeobachter Marc Bühlmann ermuntert Lehrerinnen und Lehrer, aktiv zu streiten. Sie sollen sich für ihre Interessen einsetzen. So funktioniere Politik. Um Frust vorzubeugen, rät er dazu, ausgehandelte Lösungen stets als vorläufig zu betrachten.

Marc Bühlmann sieht im Föderalismus der Schweiz kein Problem, sondern eine Chance. Fotos: Marc Renard

Bildung interessiert, Bildung ist politisch. Letzteres hinterlässt bei Lehrpersonen oft Frust. Können Sie uns als ehemaliger Lehrer und heutiger Politikanalyst erklären, was schiefläuft?

MARC BÜHLMANN: Als ich noch Lehrer war – das war im Kanton St. Gallen –, hatten wir einen Bildungsdirektor, der das Feindbild aller Lehrpersonen war. Er war CVPler und vertrat sehr konservative Ansichten. Er wollte die Schule wie ein Unternehmen führen, wir aber stellten das Kind ins Zentrum. Heute als Politikwissenschaftler sehe ich, dass sie die Schule aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachteten: der Politiker sah das grosse Ganze, Lehrpersonen fokussierten auf den konkreten Schulbetrieb.

Und nun?

Beide Seiten stehen auf ihre Weise ein wenig auf verlorenem Posten: Lehrpersonen fühlen sich ausgeliefert, und ein Regierungsrat kann zwar Vorgaben machen, aber er mag den Eindruck gewinnen, dass niemand sich darum kümmert – denn Lehrpersonen reizen ihre Spielräume aus.

Jene mit politischer Macht sind wirkungslos? Ist es nicht eher so, dass man sich als Lehrperson unverstanden fühlt?

Sehr häufig fühlen sich beide Seiten unverstanden. Der Regierungsrat muss als Vertreter eines Gremiums und einer Partei auf mancherlei Interessen Rücksicht nehmen. Er kann weder sagen noch machen, was er will. Die Schule findet aber in den Schulhäusern draussen in den Gemeinden statt. Dort ändern sich die Bedürfnisse rasch. Da kann die Politik nur schwer mithalten.

Genau deshalb ist die Ansicht verbreitet, man solle doch gescheiter Fachleute, die etwas verstehen von der Sache, machen lassen. Was spricht dagegen?

Eine Gesellschaft braucht Regeln. Politik sorgt in einer Demokratie hoffentlich dafür, dass eine Mehrheit hinter den verhandelten Regeln steht.

Schön und gut. Aber Regeln müssen vor allem dort passen, wo sie angewandt werden. Zuweilen werden Reformen beschlossen, aber nicht ausreichend finanziert. Ein aktuelles Beispiel ist die integrative Schule. Warum ist das so?

Es gibt verschiedene Strömungen in der Politik. Die eine Seite, konkret die soziale, will mehr Gleichheit ermöglichen, die konservativ-bürgerliche hingegen hat den Staatshaushalt im Blick und möchte Mehrausgaben vermeiden. Sie will mit einer Reform sparen. Diese unheilige Allianz kann wie bei der integrativen Schule zu einer unterfinanzierten Reform führen.

«Politikerinnen und Politiker lösen eigentlich keine Probleme.»

Dann können wir von der Politik also gar keine guten Lösungen erwarten?

Politikerinnen und Politiker lösen eigentlich keine Probleme. Sie definieren viel mehr, was ein Problem ist und was als solches gelten darf. Wenn dies ausgehandelt ist, geht es darum, die meist vielen Lösungsansätze so zu verknüpfen, dass alle einigermassen zufrieden sind. Dank den unterschiedlichen Strömungen in der Politik wird das Problem von verschiedenen Seiten her beleuchtet. Das öffnet den Blick und ist auch die Chance der Politik gegenüber Fachleuten. Bis eine politische Lösung allerdings steht, vergehen manchmal Jahre, und das ursprüngliche Problem stellt sich bis dann womöglich anders.

Zur Person

Marc Bühlmann (54) ist Direktor von Année politique Suisse am Institut für Politikwissenschaften der Universität Bern. Zusammen mit seinem Team macht er ein Monitoring des Schweizer Politikbetriebs. Beruflich startete er als Lehrer im Kanton St. Gallen. Er wohnt mit seiner Familie in Corgément im Berner Jura.

Es trifft also zu, dass die Politik Probleme eher bewirtschaftet?

Das ist etwas böse gesagt. Ich würde es so formulieren: Sie liefert vorläufige Entscheide, die man immer wieder hinterfragen kann und soll. In unserer Demokratie ist das mit Referendum und Volksinitiative sogar institutionalisiert.

Wie sollen denn Lehrpersonen mit diesem Politbetrieb umgehen?

Die Aufgabe der Politik ist es, wie gesagt, Rahmenbedingungen zu definieren, welche die Mehrheit der Gesellschaft gut findet. Idealerweise sind sie so ausgestaltet, dass sie nicht zu einengend sind. In der Schweiz ist das zum Glück so. Als Lehrperson muss man für sich einen Weg innerhalb dieser Leitplanken finden, der aber zu einem passt.

Man soll also nach dem Grundsatz leben, dass die Suppe nicht so heiss gegessen wird, wie sie gekocht wird?

Die Kunst besteht eben darin, dass die Regeln so formuliert sind, dass sich eine Mehrheit innerhalb dieser Regeln bewegen kann. Wenn sie für jemanden gar nicht stimmen, bleiben zwei Wege: Entweder man kehrt dem Job den Rücken oder man wehrt sich.

«Streiten Sie!», rieten Sie kürzlich an einer Tagung Bildungsfachpersonen. Wie tun das Lehrpersonen am sinnvollsten?

Politik heisst Streiten, Meinungen und Argumente austauschen. Wenn man mit etwas nicht einverstanden ist, muss man das ansprechen. Schon nur seinem Ärger Luft zu machen, hilft manchmal. Dabei stellt man meist fest, dass es andere Leute gibt, die ebenfalls Mühe haben. Dann muss man sich organisieren.

Also gemeinsam vorgehen, Lobbying betreiben. Die Bauern können das, die Bergkantone und die Krankenkassen ebenfalls. Wie sieht es bei den Lehrerinnen und Lehrern aus?

Eine Rückfrage: Wieso haben Lehrpersonen keine so starke Lobby?

Sagen Sie es uns!

In der Politikwissenschaft wird von Organisations- und Konfliktfähigkeit gesprochen. Konfliktfähig ist, wer wirkungsvoll drohen kann. Das ist der Fall, wenn beispielsweise ein Streik das Funktionieren der Gesellschaft beeinträchtigt. Theoretisch hätten Lehrpersonen eine extrem hohe Konfliktfähigkeit. Deutlich wurde das etwa in der Waadt, wo sich das Staatspersonal vor Weihnachten gegen die Sparpläne der Regierung zur Wehr setzte. Meist ist dieses Potenzial aber nur theoretisch vorhanden, weil die Interessen der Lehrpersonen im konkreten Fall oft auseinanderklaffen. Das schmälert die Organisationsfähigkeit.

Können Sie ein Beispiel geben?

Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) startet dieser Tage eine Umfrage zur inklusionsorientierten Schule. Wahrscheinlich werden da sehr unterschiedliche Meinungen zusammenkommen. Es wird nicht einfach sein, daraus eine konzise Haltung abzuleiten.

Liegt die fehlende Durchschlagskraft der Lehrpersonenlobby auch daran, dass die Musik in der Bildung nicht national, sondern wegen der kantonalen Bildungshoheit kantonal spielt?

Föderalismus kann für die Organisationsfähigkeit tatsächlich ein Problem sein.

In bester Erinnerung ist der Flickenteppich während der Coronapandemie. Ist eine kohärente Bildungspolitik so überhaupt möglich?

Rückfrage: Ist dies nötig? Geht es nicht eher um passende Lösungen? Letztlich müssen keine für die Allgemeinheit, sondern solche für Individuen gefunden werden. Die Aufgabe der Politik ist es, Rahmenbedingungen auszuarbeiten, die individuelle Arrangements zulassen. Und dabei wiederum hilft der Föderalismus.

«Politische Bildung soll zum Dialog befähigen.»

Also müssen Lehrpersonenverbände den Hebel in den Kantonen ansetzen und wie jüngst in Schwyz zum Beispiel an der Urne höhere Einstiegslöhne erkämpfen?

Das lässt sich durchaus als schöner Erfolg für die Sektion betrachten.

Aktiv wurde sie, weil die Löhne im benachbarten Zürich höher sind und grenznahe Gemeinden Mühe hatten, Lehrpersonen zu halten. Nun befürchten Innerschweizer Kantone, dass Lehrpersonen nach Schwyz abwandern …

Das Thema ist nicht neu. Ich unterrichtete in den 1990er-Jahren in Uznach im Kanton St. Gallen. In einer benachbarten Zürcher Gemeinde hätte ich 1000 Franken mehr erhalten. Unter jungen Lehrpersonen diskutierten wir das damals rege. Die Alternative zu kantonalen Regelungen wäre eine zentralistische Lösung wie zum Beispiel in Frankreich. Eine einheitliche Lösung mag auf den ersten Blick gerechter erscheinen. Genauer betrachtet schafft sie neue Ungleichheiten: Die Lebenskosten in Zürich sind höher. Zudem wandelt sich eine Gesellschaft. Föderalismus erleichtert die Anpassung an neue Verhältnisse. So gesehen lässt sich dank dem Wettbewerb unter den Kantonen auch etwas bewegen.

Die Schule muss gemäss Verfassung neutral sein. Was heisst das für Lehrpersonen?

Lehrpersonen sind nicht neutral und können auch nicht objektiv sein. Wichtig ist aber, dass sie ihre Haltung transparent und damit nachvollziehbar machen. Sie sollen ihre Schülerinnen und Schüler dazu ermutigen, andere Standpunkte einzunehmen. Das verlange ich auch von meinen Studierenden. Ich «zwinge» sie beispielsweise dazu, ein Thema auch aus einer konservativen Perspektive anzuschauen, die ihnen eher fremd ist. Das kann auch dabei helfen, die Argumente der anderen besser zu verstehen.

Eigentlich ist das politische Bildung?

Stimmt. Aus meiner Sicht geht es in der politischen Bildung im Kern um die Befähigung zum Dialog. Dialog heisst nicht einfach, miteinander zu reden. Dialog bedeutet, die Argumente des anderen wahrnehmen und darauf eingehen zu können. Das ist in unserer Zeit, in der das Schwarz-Weiss-Denken zunimmt, wo jene, die nicht gleicher Meinung sind «gecancelt» werden, wichtiger denn je.

Autor
Christoph Aebischer

Datum

03.03.2026

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