Medienkompetenz

«Ich sass vor dem Kassettenrekorder»

Jugendliche wissen, wie man Digitale Medien handhabt, hinterfragen die Inhalte aber zu wenig. Medienmanager Markus Spillmann hat darum einen Workshop zur Medienbildung für Schulklassen entwickelt.

Porträt von Medienmanager Markus Spillmann.
Markus Spillmann. Foto: zVg

BILDUNG SCHWEIZ: Wie erleben Sie als ehemaliger Journalist und Medienmanager heutige Jugendliche?

MARKUS SPILLMANN: Nicht anders, als man mich als Erwachsener zu meiner Jugendzeit wohl wahrgenommen hat: manchmal etwas sonderbar, neugierig, dann wieder rotzfrech, verpennt und aufgeweckt. Vor allem aber unvoreingenommen, weil noch nicht so viel Erfahrung da ist.

Was die Anwendungskompetenzen bei digitalen Medien betrifft, sind die Jugendlichen heute in der Regel sehr fit. Das ist natürlich nicht gleichbedeutend mit der Kompetenz, Inhalte auch kritisch zu würdigen. Wobei Jugendliche wissen, dass Tiktok, Youtube oder Insta viel Unsinn und Kunstwelten abbilden. Das ändert aber nichts daran, dass sich Jugendliche gerne auf diesen Kanälen bewegen. Das irritiert uns Erwachsene. Aber Hand aufs Herz: Wer der heute Über-45-Jährigen hat vor 30 Jahren eine seriöse Tageszeitung gelesen oder sich für «wichtige» Themen interessiert? Ich jedenfalls sass vor dem Kassettenrecorder und habe Hitparade aufgenommen, weil ich «Flipper» nicht schauen durfte im Schwarzweissfernsehen.

Jugendliche informieren sich anders als Erwachsene. Ist das ein Problem?

Nein. Doch bin ich mir ohnehin nicht sicher, ob diese Aussage so pauschal überhaupt noch stimmt. Das Nutzungsverhalten hat sich generell stark verändert in den sogenannt «reifen» Informations- und Kommunikationsmärkten. Es ist kein Privileg der Jugend, sich überall und jederzeit individuell zu informieren. Richtig ist, dass im Gegensatz zur vordigitalen Ära eine mediale Tradierung zwischen den Generationen nicht mehr im gleichen Umfang stattfindet.

Das Rundfunk-Empfangsgerät existiert nicht mehr, um das sich die Familie jeden Abend wie um ein Lagerfeuer schart. Ich musste in meiner Jugend mehr oder weniger das gleiche Radioprogramm hören wie meine Eltern – und die gleichen TV-Sendungen anschauen. Heute schaut, hört und liest jeder selbst, was er oder sie will. Das gilt aber für uns alle, altersunabhängig.

Die Welt brennt, liest man zurzeit oft. Welche Rolle spielen dabei Phänomene wie Fake News oder Bubbles?

Eine zunehmend ungute; zumal mit künstlicher Intelligenz in den kommenden Jahren dramatisch mehr Inhalte ohne Realitätsbezug oder zur Manipulation der öffentlichen Meinung kreiert werden. Wir müssen deutlich mehr dafür tun, dass Mediennutzende, allen voran Jugendliche, in der Lage sind, nicht nur Inhalte, die sie konsumieren, kritisch zu würdigen. Sie sollen auch das eigene Informationsverhalten hinterfragen. Dazu gehören Transparenz, wie und warum Inhalte hergestellt werden, oder eine Kennzeichnung, was menschlich und was künstlich erzeugt ist.

Zuvorderst aber müssen wir in Medienbildung investieren. Nicht etwa, um die Handhabung eines Smartphones zu erlernen, sondern «media literacy». Diese muss wie Lesen, Schreiben, und Rechnen als Grundfertigkeit vermittelt werden. Und zwar sehr früh, am besten gleich schon im Kindergartenalter. Was wir hier investieren, zahlt sich später doppelt und dreifach aus – auch mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Partizipation in einer freiheitlich verfassten Demokratie.

Solange Lehrlinge im sogenannten Informatikunterricht der Berufsschule angeleitet werden, wie sie das Word-Programm öffnen und schliessen müssen, haben wir noch sehr viel Luft nach oben.

Autor
(red)

Datum

17.01.2024

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