Mathias Stricker im Interview

«Ich bin gerne Chef»

Mathias Stricker präsidierte sechs Jahre lang den Solothurner Lehrpersonenverband. Im Sommer 2025 schaffte er den Sprung in die Kantonsregierung. Nun spricht er über seinen Rollenwechsel, den Föderalismus und seinen Austritt aus dem Kantonalverband.

Als Regierungsrat musste Mathias Stricker Vorstösse in der Bildungspolitik ablehnen, die er selbst zuvor eingereicht hatte. Fotos: Eleni Kougionis

An den Ledersessel seines Vorgängers konnte sich Mathias Stricker nicht gewöhnen. An dessen Stelle steht nun ein funktionaler, schlichter Bürostuhl am Pult des 57-Jährigen. Dieser entspreche mehr seinem Stil, sagt er im Gespräch mit BILDUNG SCHWEIZ. Bis vor Kurzem schob er seinen Stuhl abends noch unter sein Lehrerpult in Bellach. Oder unter jenes im Solothurner Kantonsparlament, wo er seit 2012 für die SP politisierte. Seit rund einem halben Jahr sitzt der ehemalige Präsident des kantonalen Lehrpersonenverbands nun als Bildungsdirektor in der Solothurner Kantonsregierung.

Herr Stricker, Wie fühlt es sich an, der Chef zu sein?

MATHIAS STRICKER: Obwohl ich schon zuvor Leitungsfunktionen innehatte, etwa als LSO-Verbandspräsident oder als Lehrer, ist die Rolle als Regierungsrat ein ganz neues Gefühl. Aber ich kann sagen: Ich bin gerne Chef und zwar einer, dem die Zusammenarbeit wichtig ist, der gerne zuhört und der aber am Schluss auch gerne entscheidet.

ZUR PERSON

Mathias Stricker (57) ist ausgebildeter Primarlehrer und arbeitete über 30 Jahre im Beruf. Ab 2011 sass er in der Geschäftsleitung des Solothurner Lehrpersonenverbands und präsidierte diesen zwischen 2019 und 2025. Zudem sass er ab 2012 bis zu seiner Wahl in die Solothurner Regierung vergangenen Sommer für die SP im Kantonsrat. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Was haben Sie in den ersten Monaten als Solothurner Bildungsdirektor gelernt?

In der Politik bin ich schon lange und kenne die Abläufe daher gut. Im vergangenen halben Jahr lernte ich aber die Prozesse der Verwaltung besser kennen. Zuvor war mir weniger bewusst, was alles notwendig ist, bis ein konkreter Entscheid oder eine Stellungnahme veröffentlicht werden kann. Die Komplexität und den Umfang der Abklärungen und Prozesse habe ich unterschätzt.

Aufgrund Ihres neuen Amtes mussten Sie aus dem LSO austreten. Blutet Ihnen das Herz?

Nein, es blutet nicht. Noch immer setze ich mich mit ganzem Herzen für die Bildung ein, nun einfach in einer anderen Rolle. Bei einem Verband wie dem LSO kämpft man Seite an Seite mit engagierten Menschen für ein gemeinsames Ziel. Viel eher schmerzt es, dass ich nicht mehr so eng mit diesen Menschen zusammenarbeiten kann. Der private, freundschaftliche Kontakt bleibt zwar bestehen, aber meine Funktion ist jetzt eine andere.

Ging dies gut?

Ja, als Regierungsrat habe ich die Vertretung des LSO eingeladen und mit ihr über die Zusammenarbeit gesprochen. Genau so, wie mein Vorgänger das mit mir gemacht hat. Dasselbe Gespräch habe ich auch mit Vertretungen des Verbands der Schulleitungen und des Einwohnergemeindeverbands – den anderen Bildungsplayern im Kanton – geführt.

«Unrealistische oder illusorische Forderungen gefallen mir nicht.»

Forderten Sie als LSO-Präsident Dinge, die sich aus Ihrer heutigen Perspektive als Wunschdenken herausstellen?

Manche Forderungen waren wohl ambitioniert. Oft schwangen dabei aber taktische Überlegungen mit. Ich denke da etwa an die Verhandlungen zum Teuerungsausgleich, wo wir jeweils mit einer hohen Forderung in die Verhandlungen mit dem Regierungsrat eingestiegen sind. Eher selten erzielten wir ein Ergebnis, das für beide Seiten stimmte. Bei meinen Vorstössen im Kantonsparlament war dies anders. Diese waren allesamt umsetzbar und oftmals sogar im Vorfeld mit verschiedenen Beteiligten hinsichtlich Stossrichtung und gewisser Formulierungen abgesprochen. Unrealistische oder illusorische Forderungen gefallen mir nicht.

Als Regierungsrat mussten Sie aber jüngst eigene Vorstösse versenken. Wie war das?

Das war ein interessantes Gefühl, zumal ich einige Geschäfte entweder mitunterzeichnet oder gar selbst ausformuliert und eingereicht hatte. Im Kantonsrat sorgte dies für Heiterkeit unter den Kolleginnen und Kollegen. Aber es gehört zum Rollenwechsel.

Sie sagten noch als LSO-Präsident, der Verband müsse politischer werden. Wie meinten Sie das?

Der Verband muss aktiv auf die Politik zugehen und seine Positionen bekannt machen. Dies kann etwa in Form von Stellungnahmen zu bildungspolitischen Traktanden geschehen. Ein- bis zweimal jährlich veranstaltet der LSO zudem das Bildungsforum. Daran nehmen Politikerinnen und Politiker aus dem Kanton teil. Neben dieser klassischen Lobbyarbeit ist es wichtig, dass Kantonalverbände auch in Gremien einsitzen, die Entscheidungen treffen. Damit das möglich ist, müssen sich Leute aus dem Verband für solche Ämter zur Verfügung stellen.

Damit meinen Sie auch einfache Verbandsmitglieder?

Absolut. In Sachen Bildung werden viele Entscheidungen auch auf Gemeindeebene gefällt. Der Einsatz in Gemeindebehörden ist ebenso wichtig. Jedes Verbandsmitglied kann in seinem eigenen Wohnort dazu beitragen, dass es der Bildung gut geht.

Muss auch der LCH politischer werden?

Bildungspolitisch entscheidet sich das meiste in den Kantonen. Die Aufgabe des LCH ist es, das grosse Ganze im Blick zu haben – insbesondere auch das Politische in der Schweiz. Das ist eine andere Rolle als jene der Kantonalsektionen. Zentral ist, dass die ganze Schweiz die Stimme der Lehrerinnen und Lehrer über den LCH wahrnimmt.

Früher galten Lehrpersonen als Menschen, die gerne nörgeln, oft Ferien haben und gut verdienen. Wie nimmt die Politik den Berufsstand heute wahr?

In den vergangenen 20 Jahren, aber spätestens seit der Coronapandemie, hat sich das Bild gewandelt. Zwar gibt es hie und da noch unnötige Kommentare, aber den meisten ist bewusst, welchen gesellschaftlichen Beitrag und welchen Einsatz Lehrpersonen leisten.

«Kantone sollten sich nicht gegenseitig Lehrpersonen abjagen.»

Jüngst entschied im Kanton Schwyz erstmals das Volk über eine Lohnerhöhung von Lehrpersonen und nahm sie an. Begründet wurde die Forderung mit konkurrenzfähigen Löhnen gegenüber anderen Kantonen. Ist dieser Wettbewerb unter den Kantonen sinnvoll?

Kantone sollten sich nicht gegenseitig Lehrpersonen abjagen. Die Sache ist aber komplex, da wir in einem föderalistischen System leben. Ziel der Kantone ist es, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Der Lohn ist dabei nur einer von vielen Aspekten. Bei anderen Faktoren besteht grösserer Handlungsbedarf.

Wo zum Beispiel?

Etwa bei den Klassengrössen. Die heutige Heterogenität ist in grossen Klassen oft schwierig zu bewältigen.

Aber ist es sinnvoll, dass die Löhne von Kanton zu Kanton variieren?

Ich kann nachvollziehen, dass die Löhne in den Kantonen unterschiedlich sind, da die Lebenshaltungskosten in Genf und Appenzell Innerrhoden ganz andere sind. Auch hängen die Löhne immer von den finanziellen Möglichkeiten des Kantons ab. Wir in Solothurn haben lange davon profitiert, dass Lehrpersonen aus dem Kanton Bern zu uns gekommen sind. Erhöhen unsere Nachbarkantone die Löhne, droht auch uns eine Abwanderung.

In welchen Bereichen der Bildungspolitik sollte der Bund eine grössere Rolle übernehmen?

Ich bin ein pragmatischer Politiker und weiss, dass der Föderalismus vielen Schweizerinnen und Schweizern fast schon heilig ist. Ein Systemwechsel wäre schwierig zu bewerkstelligen. Zudem fahren wir heute mit unserem System, wonach die Kantone für die Bildung verantwortlich sind, nicht schlecht. Aber der Föderalismus stösst auch an seine Grenzen, das war während der Pandemie stark spürbar. Mit dem Konkordat zur Harmonisierung der obligatorischen Schule, kurz Harmos-Konkordat, wurden richtigerweise viele Bereiche der Bildung vereinheitlicht. Das ist wichtig. Dass es heute noch Kantone gibt, die dort nicht mitmachen, finde ich schwierig. Bei der Debatte zum Fremdsprachenunterricht zeigt sich jedoch auch, dass sich die Kantone mit Teilen der Harmonisierung schwertun.

Was soll der Bundesrat tun?

Schaffen es die Kantone nicht, eine gemeinsame Lösung zu finden, wird der Bund wohl beim Fremdsprachenunterricht eingreifen und eine Vereinheitlichung herbeiführen. Für den Regierungsrat des Kantons Solothurn ist klar: Die Landessprache Französisch muss in der Primarschule unterrichtet werden. 

Autor
Alex Rudolf

Datum

14.01.2026

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