Forderten Sie als LSO-Präsident Dinge, die sich aus Ihrer heutigen Perspektive als Wunschdenken herausstellen?
Manche Forderungen waren wohl ambitioniert. Oft schwangen dabei aber taktische Überlegungen mit. Ich denke da etwa an die Verhandlungen zum Teuerungsausgleich, wo wir jeweils mit einer hohen Forderung in die Verhandlungen mit dem Regierungsrat eingestiegen sind. Eher selten erzielten wir ein Ergebnis, das für beide Seiten stimmte. Bei meinen Vorstössen im Kantonsparlament war dies anders. Diese waren allesamt umsetzbar und oftmals sogar im Vorfeld mit verschiedenen Beteiligten hinsichtlich Stossrichtung und gewisser Formulierungen abgesprochen. Unrealistische oder illusorische Forderungen gefallen mir nicht.
Als Regierungsrat mussten Sie aber jüngst eigene Vorstösse versenken. Wie war das?
Das war ein interessantes Gefühl, zumal ich einige Geschäfte entweder mitunterzeichnet oder gar selbst ausformuliert und eingereicht hatte. Im Kantonsrat sorgte dies für Heiterkeit unter den Kolleginnen und Kollegen. Aber es gehört zum Rollenwechsel.
Sie sagten noch als LSO-Präsident, der Verband müsse politischer werden. Wie meinten Sie das?
Der Verband muss aktiv auf die Politik zugehen und seine Positionen bekannt machen. Dies kann etwa in Form von Stellungnahmen zu bildungspolitischen Traktanden geschehen. Ein- bis zweimal jährlich veranstaltet der LSO zudem das Bildungsforum. Daran nehmen Politikerinnen und Politiker aus dem Kanton teil. Neben dieser klassischen Lobbyarbeit ist es wichtig, dass Kantonalverbände auch in Gremien einsitzen, die Entscheidungen treffen. Damit das möglich ist, müssen sich Leute aus dem Verband für solche Ämter zur Verfügung stellen.
Damit meinen Sie auch einfache Verbandsmitglieder?
Absolut. In Sachen Bildung werden viele Entscheidungen auch auf Gemeindeebene gefällt. Der Einsatz in Gemeindebehörden ist ebenso wichtig. Jedes Verbandsmitglied kann in seinem eigenen Wohnort dazu beitragen, dass es der Bildung gut geht.
Muss auch der LCH politischer werden?
Bildungspolitisch entscheidet sich das meiste in den Kantonen. Die Aufgabe des LCH ist es, das grosse Ganze im Blick zu haben – insbesondere auch das Politische in der Schweiz. Das ist eine andere Rolle als jene der Kantonalsektionen. Zentral ist, dass die ganze Schweiz die Stimme der Lehrerinnen und Lehrer über den LCH wahrnimmt.
Früher galten Lehrpersonen als Menschen, die gerne nörgeln, oft Ferien haben und gut verdienen. Wie nimmt die Politik den Berufsstand heute wahr?
In den vergangenen 20 Jahren, aber spätestens seit der Coronapandemie, hat sich das Bild gewandelt. Zwar gibt es hie und da noch unnötige Kommentare, aber den meisten ist bewusst, welchen gesellschaftlichen Beitrag und welchen Einsatz Lehrpersonen leisten.
«Kantone sollten sich nicht gegenseitig Lehrpersonen abjagen.»
Jüngst entschied im Kanton Schwyz erstmals das Volk über eine Lohnerhöhung von Lehrpersonen und nahm sie an. Begründet wurde die Forderung mit konkurrenzfähigen Löhnen gegenüber anderen Kantonen. Ist dieser Wettbewerb unter den Kantonen sinnvoll?
Kantone sollten sich nicht gegenseitig Lehrpersonen abjagen. Die Sache ist aber komplex, da wir in einem föderalistischen System leben. Ziel der Kantone ist es, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen. Der Lohn ist dabei nur einer von vielen Aspekten. Bei anderen Faktoren besteht grösserer Handlungsbedarf.
Wo zum Beispiel?
Etwa bei den Klassengrössen. Die heutige Heterogenität ist in grossen Klassen oft schwierig zu bewältigen.
Aber ist es sinnvoll, dass die Löhne von Kanton zu Kanton variieren?
Ich kann nachvollziehen, dass die Löhne in den Kantonen unterschiedlich sind, da die Lebenshaltungskosten in Genf und Appenzell Innerrhoden ganz andere sind. Auch hängen die Löhne immer von den finanziellen Möglichkeiten des Kantons ab. Wir in Solothurn haben lange davon profitiert, dass Lehrpersonen aus dem Kanton Bern zu uns gekommen sind. Erhöhen unsere Nachbarkantone die Löhne, droht auch uns eine Abwanderung.
In welchen Bereichen der Bildungspolitik sollte der Bund eine grössere Rolle übernehmen?
Ich bin ein pragmatischer Politiker und weiss, dass der Föderalismus vielen Schweizerinnen und Schweizern fast schon heilig ist. Ein Systemwechsel wäre schwierig zu bewerkstelligen. Zudem fahren wir heute mit unserem System, wonach die Kantone für die Bildung verantwortlich sind, nicht schlecht. Aber der Föderalismus stösst auch an seine Grenzen, das war während der Pandemie stark spürbar. Mit dem Konkordat zur Harmonisierung der obligatorischen Schule, kurz Harmos-Konkordat, wurden richtigerweise viele Bereiche der Bildung vereinheitlicht. Das ist wichtig. Dass es heute noch Kantone gibt, die dort nicht mitmachen, finde ich schwierig. Bei der Debatte zum Fremdsprachenunterricht zeigt sich jedoch auch, dass sich die Kantone mit Teilen der Harmonisierung schwertun.
Was soll der Bundesrat tun?
Schaffen es die Kantone nicht, eine gemeinsame Lösung zu finden, wird der Bund wohl beim Fremdsprachenunterricht eingreifen und eine Vereinheitlichung herbeiführen. Für den Regierungsrat des Kantons Solothurn ist klar: Die Landessprache Französisch muss in der Primarschule unterrichtet werden.