MÄNNLICHE VORBILDER

«Es gab nur Rambo und Gottschalk»

Männerexperte Markus Theunert will Buben einen Weg zur gesunden Männlichkeit aufzeigen und sie von der Manosphere fernhalten. Welche Rolle soll die Schule übernehmen, wenn es um die Mannwerdung geht?

Mann vor einem Bild eines rauchenden Mannes
Das Bild im Hintergrund erwarb Theunert auf einer Amerikareise. Es zeigt den Typus Mann, der er nie werden wollte. Fotos: Gion Pfander

Ist es heute schwieriger, ein Knabe zu sein als früher?

MARKUS THEUNERT: Es kommt darauf an, auf welches Früher man sich bezieht. Vor den 1960er-Jahren deckten sich die Ansprüche vonseiten der Schulkollegen und jene der Erwachsenenwelt an Jungen weitgehend. Buben sollten zu Männern werden, die keine Emotionen zeigen, Leader sind und sich nehmen, was sie wollen. Mit dem Aufkommen des Feminismus wurde die Sache komplexer. Im Berufsleben waren zunehmend Qualitäten wie Team- und Kompromissfähigkeit gefragt. Gleichberechtigung gewann auch bei den Liebesbeziehungen an Bedeutung. Während viele junge Männer unter sich noch immer die veralteten Formen von Wettbewerb und Stärke idealisieren, sind im Beruf und in der Liebe andere Qualitäten gefragt. Diese Widersprüche unter einen Hut zu bringen, ist für Heranwachsende eine grosse Herausforderung.

Wer hat Ihre Idee von Männlichkeit geprägt?

Mein Vater war beruflich stark eingebunden und im Familienalltag wenig präsent, was zu dieser Zeit der Normalfall war. In meiner Jugend gab es zwei Typen von männlichen Vorbildern: Rambo und Thomas Gottschalk. Man musste sich quasi entscheiden zwischen kernigem Haudegen und heiterem Chauvinist. Schon in meiner Pubertät war ich irritiert, dass es keinen dritten Weg jenseits von Macho und Softie gab. So machte ich mich in den vergangenen 30 Jahren auf die Suche danach und suche noch immer.

Vertreter der Manosphere wie Andrew Tate leben Knaben eine Rambo-Männlichkeit vor. Warum ist diese genau ein Problem?

Weil sie schadet und nicht hält, was sie verspricht. Diese Imperative von männlichem Verhalten sind ja nicht alltagstauglich. Männer, die dominant sind, sich nicht spüren und keine Schwäche zeigen, sind auf dem Arbeits- und Beziehungsmarkt Auslaufmodelle. Noch problematischer ist, dass die abwertende Haltung gegenüber Frauen und queeren Menschen Gewalt rechtfertigt. Zumal Frauen und Feminismus dafür verantwortlich gemacht werden, dass heutzutage Männer die eigentlichen Diskriminierungsopfer seien. Diese Annahme ist subjektiv verständlich, aber objektiv Unfug. Denn unsere Gesellschaft ist noch immer stark auf heterosexuelle Männer ausgerichtet und bevorzugt sie.

Wie kann die Schweiz auf die Verbreitung von Männlichkeitsideologien reagieren? So lautet die zentrale Frage eines Postulats an den Bundesrat, an dem Sie mitgearbeitet haben. Was erwarten Sie von der Regierung?

Dass sich der Bundesrat mit dieser Entwicklung auseinandersetzt und politische Massnahmen definiert. Wenn patriarchale Männlichkeitsnormen zunehmen und Gewalt begünstigen, Gesundheit gefährden und Gleichstellung behindern, muss der Staat gegensteuern. Natürlich darf das Problem nicht an die Schulen delegiert werden. Aber sie können einen Beitrag leisten. Angehende Lehrpersonen sollten bereits in den pädagogischen Hochschulen mehr Genderkompetenz erwerben, um später im Klassenzimmer bewusster und trittsicherer mit problematischen Männlichkeitsvorstellungen und ihren Folgen umzugehen.

Zur Person

Markus Theunert (53) studierte Psychologie und Soziologie und gründete 2005 den Dachverband Schweizer Männer- und Väterorganisationen männer.ch mit. Heute ist er dessen Co-Geschäftsführer. Theunert publizierte mehrere Bücher zum Thema Männlichkeit, zuletzt «Jungs, wir schaffen das» im Jahr 2023. Im April ging die Plattform manosphere.ch online, die über das Phänomen aufklärt. Eltern und Lehrpersonen aus dem Kanton Zürich können dort kostenlose Eins-zu-eins-Beratungen buchen. Eine Ausweitung auf die ganze Schweiz ist geplant. Theunert ist Vater einer Tochter im Teenageralter und lebt in Zürich.

Für den Vorstoss arbeiteten Sie mit sechs Männern aus sechs Parteien von SVP bis SP zusammen. Welche Unterschiede in Sachen Männlichkeit fielen Ihnen auf?

Die Zusammenarbeit war sehr konstruktiv und respektvoll. Man hat aber durchaus gemerkt, dass sich Vertreter der linken Parteien den Dialog über Themen wie Feminismus und Gendertheorien stärker gewohnt sind als jene der rechten Parteien. Auch wurde deutlich, dass man im politisch konservativen Lager den Ursprung der toxischen Männlichkeit lieber bei der Einwanderung und bei anderen Religionen sucht.

«Man muss kein Mann sein, um Männlichkeit zu verstehen.»

Wie sehen Sie das?

Die Annahme, dass toxische Männlichkeit oder patriarchale Strukturen nur aus dem Ausland importiert sind, ist unhaltbar. Männlichkeit wird zwar kulturell vermittelt, aber auch unsere Kultur gibt patriarchale Prägungen weiter. Wer sich übersteigert männlich darstellt, dem mangelt es üblicherweise an Ressourcen. Das kann fehlende Bildung, wenig Geld oder geringe Vernetzung sein. Umgekehrt besteht für Männer mit vielen Ressourcen weniger eine Notwendigkeit, sich durch männliches Gehabe zu profilieren, weil sie auch ohne dieses vom Patriarchat profitieren.

Auf Primarstufe sind über 80 Prozent der Lehrpersonen weiblich. Ist das ein Problem?

Natürlich wäre es wünschenswert, wenn Buben bereits in der Primarschule eine grössere Auswahl an männlichen Vorbildern hätten. Aber man muss kein Mann sein, um Männlichkeit zu verstehen und Jungen qualifiziert zu unterrichten. Problematisch finde ich an der Diskussion über die Feminisierung der Schule, dass sie ablenkt von der Flucht der Männer aus den pädagogischen Berufen.

Wie können Lehrerinnen übersteigerter Männlichkeit begegnen?

Indem sie das Spannungsfeld zwischen Empathie und Konfrontation professionell gestalten. Wichtig ist für alle pädagogischen Fachkräfte, dass sie auf die Buben eingehen und eine Beziehung zu ihnen aufbauen, ohne sie für ihre Erkundungen auf der Suche nach männlicher Identität zu beschämen. Lehrpersonen sollten sich zeigen und sagen, was solche toxischen Ansichten in ihnen selbst auslösen. Letztlich erleben Jungen und Mädchen ähnliche Herausforderungen. Auch Mädchen nehmen auf dem Weg zur Frau viele gesellschaftliche Ansprüche und Anforderungen wahr, die sie nur teilweise erfüllen. Die Mechanismen sind also die gleichen.

Im April haben Sie manosphere.ch lanciert. Eltern oder Fachpersonen, die Verdacht schöpfen, dass ein Junge abdriftet, können sich melden. Welches sind die typischen Anzeichen?

Es braucht keinen Verdacht – Interesse reicht. Erste Anzeichen sind ein unkritischer Konsum digitaler Medien, die Nutzung bestimmter Codes aus der Manosphere wie Chad und Stacy für begehrenswerte Männer und Frauen, aber auch die Abwertung von allem, was als vermeintlich unmännlich gilt, oder die Haltung, dass Männer Opfer sind. Als Faustregel gilt: Nicht verurteilen, sondern nachfragen. Empfänglichkeit für Männlichkeitsideologien ist pädagogisch in erster Linie als Appell zu deuten: Jungen rufen nach Orientierung und Unterstützung auf dem widersprüchlichen Weg, ein Mann zu werden. Hilfe holen sollte man, wenn gewisse Warnsignale gegeben sind.

Welche?

Wenn der Junge ein geschlossen patriarchal-antifeministisches Weltbild entwickelt, die Überlegenheit des Mannes gegenüber der Frau als naturgegeben ansieht und jeden Widerspruch verhöhnt. Übermässig viel Bildschirmzeit, Wutausbrüche und toxisches Verhalten in Paarbeziehungen sind ebenfalls Indikatoren dafür, dass es Engagement braucht. Gegenüber dem Jungen sollte man dann seine Besorgnis ausdrücken, sich gegenüber inakzeptablen Äusserungen abgrenzen und Fachpersonen einbeziehen.

Für Lehrpersonen ist es teils herausfordernd, auf sämtliche Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler einzugehen.

Dafür habe ich grosses Verständnis. Daher plädieren wir auch dafür, dass das Thema Männlichkeit von einer externen Fachperson – oder noch besser in gemischtgeschlechtlichen Tandems – mit der Klasse erarbeitet wird. Vergleichbar mit der Sexualpädagogik ist es für viele Schülerinnen und Schüler einfacher, wenn solche persönlichen Themen nicht von der Lehrperson vermittelt werden, die sie auch in Mathematik und Deutsch bewertet. Solche Inputs sollen eine Grundlage vermitteln, auf der die Lehrperson aufbauen kann. Aber am besten nicht erst dann, wenn es akut ist.

Sie bieten Fortbildungen für Lehrpersonen zum Thema Manosphere an. Was treibt Lehrerinnen und Lehrer um?

Die Thematik brennt zunehmend unter den Nägeln. Je nach Stufe, Schule und Kontext sind die problematischen Dynamiken schon im Klassenzimmer oder noch auf dem Pausenplatz. Wir unterstützen mit Wissen und Methoden, um Lehrpersonen Sicherheit im Alltagshandeln zu vermitteln. Derzeit arbeiten wir an einem Leitfaden, dessen Veröffentlichung für 2027 geplant ist. Darin beantworten wir die drängendsten Fragen und zeigen Handlungsmöglichkeiten auf.

Autor
Alex Rudolf

Datum

30.09.2026

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