ZUSAMMENARBEIT

Elternräte können mehr als Kuchen backen

Das Mitwirken der Eltern an Schulen ist nicht in allen Kantonen selbstverständlich. Im Kanton Bern hat sie eine 30-jährige Tradition. Jan Holler erklärt, wie sie funktioniert und erzählt, warum er sich im Elternrat engagiert.

Man leading discussion group of adults and teens
Ist ein Elternrat gut organisiert, können die Erziehungsberechtigten auf die Entwicklung eines Schulstandorts Einfluss nehmen. Foto: iStock/SDI Productions

Ein gängiges Szenario: Mütter und Väter begleiten ihre Kinder im Spätsommer an den ersten Elternabend in der neuen Klasse. So geschehen auch bei Jan Holler (57), Vater zweier Jugendlicher im Berner Breitenrainquartier. «Als ich vor zwölf Jahren erstmals an einem Elternabend meiner Tochter Philine teilgenommen habe, fragte die Lehrerin am Ende des Abends, wer sich gerne im Elternrat vom Schulstandort Spitalacker/Breitenrain engagieren möchte. Nach langem unbehaglichem Schweigen habe ich mich überwunden und mich quasi freiwillig gemeldet.» Holler erinnert sich gut daran, wie er nach der ersten Sitzung mit dem Elternrat ernüchtert nach Hause spaziert ist. «Mir wurde klar, dass die Schulleitung die Eltern primär zum Kuchenbacken oder Räbeliechtlischnitzen verdonnern wollte. Das war aber nicht in meinem Sinn», so der selbstständige Informatiker. «Ich habe realisiert, dass der Sinn und Zweck des Elternrats darin besteht, seinen Sinn und Zweck erst selbst zu finden.» Wenn sich niemand engagiere, passiere auch nichts.

Elternräte kennen per se weder Rechte noch Pflichten, sind niemandem Rechenschaft schuldig – wobei sowohl die Schulleitung als auch die Schulkommission gegenüber den Räten durchaus Auskunft geben müssen. Als Jan Holler vor zwölf Jahren eingestiegen ist, bestand die Aufgabe des Elternrats gemäss seiner Schilderung darin, «für ein besseres Schulklima zu sorgen. Was auch immer das heisst.» Holler war sich sodann nicht zu schade, sich selbst aktiv einzubringen. Er tat dies erst im Elternrat und dann im Kreis-Elternrat. Heute ist er Co-Präsident des Vereins Schule & Elternhaus im Kanton Bern.

«Den Kreis-Elternrat erlebe ich als ideales Gefäss für gemeinsamen Erfahrungs- und Kontaktaustausch.»

Mitwirkung auf mehreren Ebenen

In der Bundeshauptstadt sind die Elternräte nach dem «Bottom-up»-Prinzip organisiert: Die Basis bildet der Elternrat eines Schulstandorts, etwa des Standorts Spitalacker/Breitenrain. Dort nehmen zwei Eltern pro Klasse Einsitz. Gleichzeitig bestimmt jeder Standort ein oder zwei Präsidentinnen oder Präsidenten, die sich im Kreis-Elternrat des entsprechenden Schulkreises einbringen. Dort würden Themen besprochen, die von der Organisation eines Schulhausfestes über die lokale Verkehrssicherheit bis hin zum schulischen Bibliothekswesen gehen könnten. «Den Kreis-Elternrat erlebe ich als ideales Gefäss für gemeinsamen Erfahrungs- und Kontaktaustausch», sagt Jan Holler. Als oberste Ebene der Elternmitwirkung ist pro Semester eine Sitzung angesetzt, an der sich die Präsidentinnen und Präsidenten der Elternräte von den über 20 Schulstandorten der Stadt Bern treffen. An diesen Sitzungen sind laut Holler auch das städtische Schulamt und die Bildungsdirektorin vertreten. «Das sind überaus wertvolle Sitzungen, weil hier standortübergreifende Themen wie die Schulraumplanung diskutiert werden.» Dies erweitere die Perspektive beispielsweise auf die Finanzen, die Anzahl Schülerinnen und Schüler oder auf Fragen der freien Wahl der Schule. Das Problem dieses an sich gut funktionierenden Systems besteht gemäss Holler darin, dass die Eltern aus den Gremien austreten würden, sobald ihre Kinder die Schule verliessen. Da gehe viel Erfahrung und Know-how verloren, das sich die neu eintretenden Eltern erst wieder erarbeiten müssten. Dies lasse sich aber kaum ändern. Schulen und Elternräte müssten sich wohl oder übel damit abfinden.

Zu Partnern der Schule avanciert

In Bern sind Elternräte mittlerweile institutionell verankert. «Das Image des Kuchenback-Vereins haben wir längst abgestreift», sagt Jan Holler. Die Gremien hätten sich professionalisiert und seien dank gegenseitigem Wohlwollen zu einem tragenden Partner der Schulen avanciert. Das sei allerdings nur dort passiert, wo die Schulleitungen auch Interesse an einer Zusammenarbeit zeigten. In Bern sei nicht zuletzt auch die kantonale Bildungs- und Kulturdirektion aufgeschlossen für die Anliegen und das Engagement der Eltern. «Wenn alle involvierten Kreise – Lehrpersonen, Eltern und Kinder, aber auch Schulleitungen, Kommissionen und Inspektorate sowie die Politik – gemeinsam an einem Strang ziehen, lassen sich Schulversuche realisieren.» Einer, den Holler selbst miterlebt hat, war der Versuch mit einem Stundenplan ohne Frühstunden, mit mehr Raum für ausserschulische Tätigkeiten und mit dem sich Schule, Familie und Beruf besser vereinbaren lassen sollen. Dialog zwischen den Anspruchsgruppen sei dabei entscheidend, ist Holler überzeugt. In den Elternräten werde dieser vorangetrieben.

Eltern-Apéros und Graffiti-Raum

In den Elternräten der einzelnen Schulstandorte wird wertvolle Basisarbeit geleistet, wie Holler feststellt. Ein Beispiel: «Im Frühling organisieren wir an unserer Schule jeweils einen Eltern-Lehrpersonen-Apéro, um einen unkomplizierten Austausch zwischen Eltern und Lehrpersonen zu fördern. Den Event setzen wir direkt im Anschluss an die Lehrpersonenkonferenz an. So läuft uns das Kollegium nach der Sitzung quasi direkt in die Arme», sagt Holler schmunzelnd. Weiter kennt der Standort Spitalacker/Breitenrain den sogenannten Elternrat-Franken. Dabei steuerten die Eltern pro Schulkind einen Franken bei. Bei 800 Schülerinnen und Schülern ergebe das ein Budget von rund 800 Franken, womit sich Projekte finanzieren liessen, welche die Schule alleine nicht stemmen könne. Beim Neubau des Schulhauses Spitalacker hätten beispielsweise Slacklines auf dem Pausenplatz und eine Spritzkabine realisiert werden können. Bei Letzterer handelt es sich um eine Art Kunstraum, in dem Graffitis gesprayt würden. Der Elternrat habe sich mit rund 2500 Franken daran beteiligt.

«In den Kantonen Zürich und Freiburg ist es sogar per Schulgesetz vorgegeben, dass es Elternräte geben muss.»

Verein treibt Elternmitwirkung voran

Das Beispiel Bern zeigt: Die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern ist nicht nur dann hilfreich, wenn es Probleme zu lösen gilt. Sie hat grundlegend positive Auswirkungen auf das Miteinander von Politik, Schulleitung, Lehrpersonal und Familie. Allerdings wird die Mitwirkung der Eltern in den Kantonen unterschiedlich gehandhabt. Gabriela Heimgartner, Co-Präsidentin von Schule und Elternhaus Schweiz, weiss mehr darüber: «Der Kanton Bern hat bezüglich Elternräte eine über 30-jährige Tradition. Hier haben die Elternräte an Schulen Mittagstische initiiert, sie organisieren Veranstaltungen zur Elternbildung und sind Teil der Schulkommission. In den Kantonen Zürich und Freiburg ist es sogar per Schulgesetz vorgegeben, dass es Elternräte geben muss.» Ein Grossteil der Kantone habe solche Formen der Elternmitwirkungen aber nicht gesetzlich festgeschrieben. Entsprechend divers werde die Mitwirkung gehandhabt. In den meisten Kantonen seien Elterngremien nicht kantonal organisiert und somit auch keine politischen Vernehmlassungspartner.

Schule und Elternhaus Schweiz setzt sich laut Heimgartner dafür ein, Elterngremien auch dort aufzubauen, miteinander zu vernetzen und zu institutionalisieren, wo bisher noch keine Grundlagen vorhanden sind – «oder aber schlicht die Ressourcen fehlen, dem Beispiel der Hauptstadt Bern zu folgen». An eigens organisierten Onlineveranstaltungen mit Referaten, gegenseitigem Austausch und Fragerunden informiert Schule und Elternhaus hierbei über die Möglichkeiten und Aufgaben von Elternräten sowie über die Faktoren, die wichtig sind, damit die Zusammenarbeit gelingt.

Autor
Lukas Tschopp

Datum

31.01.2023

Themen