Museumspädagogik

Ein Gegenentwurf zum Klassenzimmer

In der Kulturvermittlung in Museen überlegt man sich genau, wie und was Kinder empfinden und lernen. Hier dürfen sie sich anders verhalten als im Klassenzimmer.

Ausstellungen werden im Stapferhaus Lenzburg von Beginn weg so geplant, dass sie an die Lebenswelt von Kindern anknüpfen. Foto: Stapferhaus Lenzburg

Das überdimensionierte, rote Sofa im Kunstmuseum St. Gallen hat eine hohe Anziehungskraft – vor allem bei den jüngsten Besucherinnen und Besuchern, den Kindern. Auf diesem roten Sofa lässt sich leicht die Welt vergessen und gleichzeitig in die Welt der Kunst eintauchen: Entworfen hat das Sofa nämlich einst die bekannte Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist. 

Es steht symbolisch dafür, wie die Verantwortlichen des Kunstmuseums St. Gallen mit den Kindern im Museum umgehen: «Eigentlich wollten wir das rote Sofa entfernen, weil wir den Platz anderweitig nutzen wollten», sagt Daniela Mittelholzer, Leiterin der Kunstvermittlung im Kunstmuseum St. Gallen. Doch die Beliebtheit des Möbelstücks hat die Verantwortlichen zögern lassen. Am Ende ist das Sofa im Museum geblieben und steht nun einfach in einem anderen Raum als bisher.

Kinder ernst nehmen

«Wir versuchen, in der Vermittlung zu beobachten, auf was Kinder im Kunstmuseum ansprechen, und handeln dann nach diesen Beobachtungen», erläutert Daniela Mittelholzer. 

Dies dürfte ein Grund dafür sein, weshalb das Kunstmuseum St. Gallen bei Familien und Schulen als ausserschulischer Lernort beliebt ist: Kinder werden hier als Besucherinnen und Besucher so ernst genommen wie Erwachsene, nämlich als Persönlichkeiten, denen man einen Zugang zu Kunstobjekten sowie die Auseinandersetzung damit zutraut. «Es gibt verschiedene Blicke auf ein Objekt und der Blick eines Kindes ist genauso viel wert wie der Blick einer Kunsthistorikerin», fasst Mittelholzer diese Haltung zusammen. 

«Kinder und Jugendliche zeigen ehrlich, wenn sie etwas nicht interessiert.»

Sie selbst hat Kunstgeschichte studiert, aber: «Erst durch die Arbeit mit Kindern habe ich begonnen, auch einmal ganz anders hinzuschauen», sagt sie. «Kinder sind einfach wahnsinnig genaue Beobachter, sie wollen so vieles wissen.»

Ähnlich erlebt Celia Bachmann, Co-Leiterin des Stapferhaus Lenzburg, die jüngsten Besucherinnen und Besucher des Museums. Das Stapferhaus bezeichnet sich explizit nicht nur als Museum, sondern auch als Bildungsstätte – und steht Erwachsenen wie Kindern gleichermassen offen: «Kinder und Jugendliche sind kritische Besucherinnen und Besucher – im positiven Sinne. Sie zeigen ehrlich, wenn sie etwas nicht interessiert», sagt Bachmann.

Um das Interesse jüngerer Besuchender zu gewinnen, überlegen sich die Verantwortlichen deshalb schon bei der Konzeption einer Ausstellung, wie sie diese abholen können: «Was davon hat mit ihrer Lebenswelt zu tun? Was beschäftigt sie wirklich? Wie kann man sie überraschen? Anhand dieser Fragen lassen sich auch partizipative Elemente entwickeln, die jungen Menschen helfen, spielerisch in die Ausstellung einzutauchen», erläutert Celia Bachmann. «Wenn diese spielerische Herangehensweise mit vertiefenden Angeboten einhergeht, vertrauen auch Lehrpersonen und Eltern dem Museum als ausserschulischem Lernort.» So werden beispielsweise lehrplankonforme Unterlagen für die Nachbereitung des Museumsbesuchs im Unterricht angeboten.

Eine ganze Palette an Ideen

Das Kunstmuseum St. Gallen und das Stapferhaus Lenzburg verfügen über eine ganze Palette an Möglichkeiten, Kinder und Jugendliche für Kunst und Kultur zu begeistern und ihren Wissensdurst zu stillen: kindergerechte Einführungen und Führungen durch die Ausstellungen, interaktive Elemente, Workshops, didaktisch aufbereitete Materialien oder Projekte mit Künstlerinnen und Künstlern. 

Die Beschäftigung mit Kunst soll Kinder und Jugendliche vor allem eines: bereichern. Und: «Durch unsere vielfältigen Zugänge möchten wir vor allem auch Brücken zwischen Kunst und Alltag schlagen», sagt Daniela Mittelholzer vom Kunstmuseum St. Gallen. Dass Kindern und Jugendlichen Kunst heutzutage verständlicher und lebensnah vermittelt wird, hat auch mit der Entwicklung der Museumspädagogik zu tun. Dieser wird vermehrt grosses Gewicht beigemessen. So sind Kunstmuseen zu wichtigen ausserschulischen Lernorten geworden.

«Kinder sind willkommen, auch wenn mal etwas schmutzig wird.»

Franziska Dürr ist Gestaltungslehrerin und gilt als eine der Pionierinnen der Museumspädagogik in der Schweiz. Sie ist die Geschäftsführerin von Kuverum, einem Ausbildungsangebot für angehende Kulturvermittlerinnen und Kulturvermittler. «Vor 30 Jahren war die Kulturvermittlung eine Ausnahmeerscheinung. Dass ein Museum auch ein Lernort für Kindergartenkinder oder noch Kleinere sein kann, war damals undenkbar. Heute hat sich das zum Glück geändert», sagt sie. 

Nur ein Programm für Kinder anzubieten, zeichne ein Museum als ausserschulischen Lernort noch lange nicht aus. «Die Museumspädagogik soll etwas durchbrechen, sodass sich Kinder anders verhalten können, als sie dies in der Schule tun müssen», so Franziska Dürr. 

Das handwerkliche Tun und die Erlebnisorientierung stünden im Mittelpunkt und nicht die abstrakte Vermittlung. «Zuhören müssen sie in der Schule mehr als genug.» Ein Museum ermögliche zudem die Begegnung mit Objekten, die im Klassenzimmer nicht möglich sei. «Deshalb finde ich es wichtig, dass Kinder im Museum auch eine gewisse Ehrfurcht empfinden und ins Staunen kommen.»

Es darf auch schmutzig werden

Zentral ist gemäss Dürr zudem die Haltung, mit welcher die Angestellten eines Museums Kindern und Familien oder Schulklassen begegnen. «Sie müssen Kinder wirklich im Museum als Besucherinnen und Besucher wollen.» Diese Haltung bilde die Grundlage qualitativ hochwertiger, museumspädagogischer Angebote. 

Und sie betrifft längstens nicht nur die Angestellten der Kulturvermittlung, wie Kunstvermittlerin Daniela Mittelholzer erläutert: «Vom Empfangs- bis zum Reinigungsteam sollte allen bewusst sein, dass Kinder in diesem Museum willkommen sind – auch wenn dabei einmal etwas schmutzig wird. Wir haben zu diesem Thema auch schon entsprechende Weiterbildungskurse für unsere Mitarbeitenden im Kunstmuseum St. Gallen durchgeführt.»

Im Stapferhaus Lenzburg haben die Verantwortlichen eine ähnliche Einstellung: «Zugewandtes, offen auftretendes Empfangs- und Vermittlungspersonal kann viel bewirken. Wird das Personal nicht als restriktiv wahrgenommen, sondern als Gesprächspartner mit echtem Interesse am Gegenüber, öffnen sich die jungen Menschen ebenfalls», sagt Celia Bachmann. 

So beobachtet es auch Mittelholzer im Kunstmuseum: «Viele Kinder und Jugendliche zeigen während des Museumsbesuchs Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die ihre Lehrpersonen zuvor noch nie wahrgenommen haben. Diese Rückmeldung erhalten wir immer wieder.» Oder anders ausgedrückt: Museumsbesuche lösen bei Kindern und Jugendlichen etwas aus. Allein das ist ein Grund, diesen ausserschulischen Lernort öfters aufzusuchen.

Autor
Mireille Guggenbühler

Datum

26.10.2026

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