Inwiefern kann ein Computer überhaupt ethisch sein?
Die reine Technologie selbst kann nicht ethisch sein. Aber ich verstehe KI nicht als ein technologisches System, sondern als ein sozio-technologisches System. Es beinhaltet sowohl Technologie als auch gesellschaftliche Normen und Vereinbarungen. Beispielsweise sind darin auch diskriminierende Vorurteile verarbeitet, und zwar in Form von historischen Daten. KI und Gesellschaft prägen sich gegenseitig – bei der Entwicklung sowie in der Anwendung.
Wo sehen Sie besonders an Schulen Handlungsbedarf?
Beim Datenschutz. Dafür braucht es insgesamt ein ausgeprägteres Bewusstsein. Das Problem entstand nicht erst durch die Digitalisierung. Aber es wird dadurch verstärkt.
«Schule sollte ein Mix aus Alt und Neu sein.»
Wie meinen Sie das?
Datenschutz beginnt zum Beispiel schon im Teamzimmer, wo in der Pause über Ereignisse mit Schülerinnen und Schülern gesprochen wird. Dabei werden schnell auch schützenswerte Informationen preisgegeben, die das Gegenüber nicht unbedingt wissen muss. Da bräuchte es genauso die Einwilligung des Kindes, wie wenn man seine handgeschriebenen Texte in ein Korrektur-Tool einliest. Wichtig ist: Lehrperson sowie Lernende müssen immer erst verstehen, was mit den Informationen geschieht.
Wie erleben Sie den Umgang der Schülerinnen und Schüler mit digitalen Medien?
Ich staune immer wieder, wie viel Kinder und Jugendliche schon wissen. Beispielsweise können sie im Umgang mit Social Media oft besser einschätzen, was heikel ist, als Erwachsene. Viele Jugendliche verstehen sehr wohl die Mechanismen der Plattformen und wie man diese ausnutzen kann, um mit bestimmten Bildern oder Hashtags die Reichweite zu vergrössern. Da können Erwachsene von ihnen lernen. Die Chance, aber auch die Schwierigkeit bestehen darin, digitale Entwicklungen gemeinsam anzugehen.
Wo braucht es dennoch die Unterstützung von Lehrpersonen?
Besonders jüngere Kinder brauchen Begleitung. Ihnen muss man zum Beispiel erst vermitteln, dass Chatbots keine Menschen sind. Sie wurden geschaffen, um so zu wirken. Schülerinnen und Schüler benötigen gerade bei der Anwendung von KI-Tools ein Bewusstsein für diesen Kontext. Da kommt die Erfahrung der Lehrpersonen ins Spiel. Sie können aufzeigen, wo der Einsatz der Tools sinnvoll ist und wo nicht.
Wie erreicht man, dass das Denken nicht an KI ausgelagert wird?
Man muss klar vermitteln, dass ein KI-Tool die Arbeit zwar beschleunigen, aber nicht vollständig übernehmen kann. Sie müssen selbst noch schreiben, rechnen und kritisch denken können. Wir Erwachsenen müssen ihnen bewusst machen, wie unerlässlich ihr eigenes Können auf diesen Gebieten ist.
Da ist die Schule in der Pflicht, Grundkompetenzen nicht zu vernachlässigen.
Schule sollte ein Mix aus Neu und Alt sein. Traditioneller Schulstoff wie Lesen, Schreiben und Rechnen ist zwar zentral, Schulen sollten aber auch einen möglichst unkomplizierten Umgang mit Technologie leben. Ich sehe da schon die Tendenz in diese Richtung. Statistik und das Lesen von Diagrammen erhalten unterdessen im Matheunterricht mehr Platz. Das hilft, um zu verstehen, wie KI aufgrund von statistischen Wahrscheinlichkeiten Entscheidungen trifft.
Der Druck, bestimmte Apps und Plattformen zu nutzen, ist gross. Wie können Lehrpersonen da einen guten Mix pflegen?
Als Einzelpersonen können sie nicht alles beeinflussen. Aber als Fachpersonen können sie ihren Unterricht bewusst gestalten. Sie wissen am besten, wann und wie Tools einen didaktischen Mehrwert bieten. Dieses pädagogische Grundprinzip bleibt bestehen. Selbst, wenn der übrige Rahmen von Schule und Kanton vorgegeben wird.
Auch Lehrpersonen gestalten zunehmend Inhalte mit KI-Tools. Sollten sie als Vorbilder eher darauf verzichten?
Also ich verstehe gut, wenn man sich gerade für Übungen nicht zum hundertsten Mal neue Aufgaben für indirekte Rede aus den Fingern saugen will. Lehrpersonen sollten aber ihren Umgang mit KI bewusst und transparent vorleben.
Wie zum Beispiel?
Indem sie manchmal erklären, wann sie KI verwenden und wann nicht. Da reicht es vielleicht schon, zwischendurch offen zu sagen, wenn ein Aufgabenblatt mit KI erstellt wurde. Zur Aufgabe kann es dann auch gehören, dass die Schülerinnen und Schüler darauf noch einen Fehler der KI entdecken sollen.
Technologie kann hilfreich sein. Wo müsste man dennoch Grenzen ziehen?
Eine Grenze ist sicher der altersgerechte Einsatz. Kinder sollte man mit Technologie nur so weit konfrontieren, wie sie das Prinzip dahinter verstehen. Der Chatbot ist eben kein Lebewesen, sondern ein rechnendes Computerprogramm. Es bleibt kontextabhängig. Wenn Jugendliche mit so einem Tool die Grundlagen des Programmierens lernen, ist das toll. Es ist jedoch heikel, wenn sie wegen psychischer Probleme Trost beim Chatbot suchen.
«Es ist heikel, wenn Jugendliche bei einem Chatbot Trost suchen.»
Viele KI-Plattformen versprechen Erfolg durch individualisiertes Lernen. Soll die Schule mehr darauf setzen?
Nur weil etwas im Moment ein Hype ist, muss man diese Versprechen nicht unhinterfragt glauben. Die KI-Euphorie ist oft übertrieben. Das heisst nicht, dass diese Tools per se Quatsch sind. Je nach Situation kann der Einsatz sinnvoll sein.
Der Glaube, dass KI für alles eine Lösung hat, ist verbreitet. Wie lehrt man, den Marketing-Hype zu hinterfragen, ohne die Technologie zu verteufeln?
Am besten erleben Lernende selbst, wo die Schwierigkeiten und Grenzen der Tools sind. Programmieren mithilfe von Chat-GPT ist dafür ein praktisches Beispiel. Da merkt man schnell, ob die erstellte Anwendung funktioniert, und lernt, dass die Versprechen nicht unbedingt der Realität entsprechen. Lustig ist auch, wenn man einem Chatbot den Auftrag gibt, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zu schreiben. Das kann etwas Einfaches sein, wie das Zubereiten eines Marmeladenbrots. Beim Ausführen der Anleitung finden die Kinder die logischen Fehler – und lernen, wie wichtig präzise Sprache ist.
Ist präzise Sprache also das Rüstzeug für das KI-Zeitalter?
Bestimmt. Sprachkompetenz ist wichtig. Es braucht aber grundsätzlich eine breite Allgemeinbildung. Das ist heute nicht anders als vor 50 oder vor 100 Jahren. Je mehr man über die Welt weiss, desto besser kann man mit Informationen kritisch umgehen. Probleme mit überhöhten Werbeversprechen oder Falschinformationen bestehen ja nicht erst seit KI.
Das Tempo der technologischen Innovation kann überfordern. Was raten Sie, um da noch mitzuhalten?
Nicht alle müssen techaffin sein und jedem Trend hinterherrennen, aber man sollte neugierig bleiben und sich weiterbilden. Es gibt immer jene, die sich noch etwas besser auskennen. Da hilft eine gute Teamkultur, in der man sich austauscht und gegenseitig unterstützt.