Schularchitektur

«Braucht der Raum Hinten und Vorne?»

Als ehemaliger Lehrer hinterfragt Mathias Schreier gerne, wie ein Schulzimmer auszusehen hat. Der Präsident des Netzwerkes Bildung und Architektur weiss, was gute Schularchitektur ausmacht.

Mann steht vor Klassenzimmer mit grossen Fenstern.
Die Schule Tannegg in Baden (AG) überzeugt Mathias Schreier mit grosszügigen Vorzonen, die unterschiedlich genutzt werden können. Fotos: Roger Wehrli

Sie haben als Treffpunkt für dieses Interview das Schulhaus Tannegg im aargauischen Baden vorgeschlagen. Wieso?

MATHIAS SCHREIER: Das Schulhaus wurde in den 1970er-Jahren als Sekundarschulhaus gebaut und 2024 nach einer umfassenden Sanierung der Primarschule übergeben. Die Innenräume wurden neu eingeteilt. Heute stehen weniger Klassenzimmer zur Verfügung, dafür grosszügige Vorzonen, die man als Gang, Aufenthaltsraum oder Leseecke nutzen kann. Es ist für mich ein gelungenes Beispiel für einen Schulhausumbau.

Sie sind Geograf, Soziologe und haben lange als Sekundarlehrer gearbeitet. Welches Schulhaus ist Ihnen aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben?

Als Lehrer war ich lange an der Schule Milchbuck in Zürich tätig. Das Schulhaus wurde zuvor umfassend renoviert, die zu kleinen Klassenzimmer zusammengelegt und dazwischen Verbindungen geschaffen. Dies hat neue Formen der Zusammenarbeit ermöglicht, die mein Unterrichtsverständnis geprägt haben.

Zur Person

Mathias Schreier hat Geografie und Sozialwissenschaften studiert und mehrere Jahre als Sekundarlehrer unterrichtet. Mittlerweile arbeitet er als Schulraumplaner und Lernraumentwickler beim Planungsbüro Metron Raumentwicklung AG. Er präsidiert zudem den Verein Netzwerk Bildung und Architektur. Dessen Ziel ist es, den Austausch zwischen den am Schulbau beteiligten Akteurinnen und Akteuren aus Schule, Politik, Verwaltung und Architektur zu stärken.

Was zeichnet zeitgemässe Bildungsbauten aus?

Vielfältige räumliche Atmosphären: ruhige und bewegte Zonen, offene Bereiche und Nischen, Orte, an denen die verschiedenen Formen des Unterrichts nebeneinander stattfinden können. Die Schule soll gemäss Bildungsziel ein Ort sein, wo Kinder und Jugendliche vielfältige Lern- und Lebenserfahrungen machen.

Wie können Schulen respektive Schulgemeinden sicherstellen, dass Architekturbüros ihre Bedürfnisse verstehen und umsetzen?

Zuerst einmal gilt es, den Schulverantwortlichen und Lehrpersonen die richtigen Fragen zu stellen: Wie soll die Schule funktionieren? Wie wollen Lehrpersonen sowie Schülerinnen und Schüler zusammenarbeiten? Geht es weiterhin um Fachunterricht und Klassenlogik oder entwickelt sich die Schule in eine andere Richtung? Erst dann kann man beginnen, pädagogische Konzepte räumlich zu übersetzen. Dabei können Lernraumentwickler wie ich helfen, die Sprache der Pädagogik und der Architektur zusammenzubringen. Dieser Austausch hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren in eine positive Richtung entwickelt.

Schulhäuser werden heute oft teurer. Wieso?

Die heutigen Anforderungen mit den vielfältigen, räumlichen Atmosphären brauchen etwas mehr Platz. Mit pädagogisch nutzbaren Gangzonen kann jedoch auch viel Platz geschaffen werden, ohne insgesamt mehr Gebäudevolumen bauen zu müssen. Das wird in vielen Neu- oder Umbauten umgesetzt. Wenn Schulbauten heute teurer sind, hat dies mit einer Vielzahl an Faktoren zu tun, etwa mit der Teuerung oder dem Raumprogramm.

«Ein Um- oder Neubau ist eine Riesenchance, Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozesse anzustossen, die sonst schnell an bestehenden räumlichen Strukturen scheitern.»

Damit eine Schule für alle entsteht, ist Mitsprache zentral. Wie sollen sich Lehrkräfte und Schulbehörden einbringen?

Von Anfang an. Die Montag-Stiftung hat im deutschsprachigen Raum den Begriff der Phase Null geprägt. Das heisst, die Schule muss sich Gedanken machen, wie sie künftig funktionieren will, bevor überhaupt der bauliche Planungsprozess beginnt. Ein Um- oder Neubau ist eine Riesenchance, Schul- und Unterrichtsentwicklungsprozesse anzustossen, die sonst schnell an bestehenden räumlichen Strukturen scheitern. Die Schule ist in jeder Phase gefragt, ihre Vorstellungen einzubringen und diese im Austausch mit den Beteiligten weiterzuentwickeln und zu konkretisieren.

Lassen sich auch Schülerinnen und Schüler in ein Bauprojekt einbeziehen?

Es gibt Bereiche, wo dies gut möglich ist und auch gut funktioniert. Der Aussenraum ist so ein Ort. Dieser wird häufig erst am Schluss oder sogar nach Bezug der Gebäude fertiggestellt. In diesem Moment können die Kinder ihn mitgestalten. Aber auch die Gestaltung des Klassenzimmers ist eine gute Möglichkeit, die Kinder miteinzubeziehen. Man kann als Lehrperson mit den Kindern herausfinden, in welchem Umfeld sie am besten arbeiten. Und dann gemeinsam die Pulte anders platzieren oder Lernorte einrichten.

Das ideale Schulhaus von früher passt heute nicht mehr so richtig. Wie verhindert man, dass heutige Neubauten dasselbe Schicksal ereilt?

Die Zyklen der pädagogischen Entwicklung sind kürzer als die der baulichen Erneuerung. Diese miteinander in Einklang zu bringen, ist die grosse Herausforderung. Heute versucht man bei Neubauten ein Grundraster zu bilden, in dem sich die Raumgliederung in Zukunft mit relativ geringem Aufwand anpassen lässt. Daneben gibt es Elemente wie Schiebetüren, Vorhänge und so weiter, die eine flexible Raumeinteilung ermöglichen. Allerdings haben solch flexible Lösungen den Nachteil, dass sie den Raum akustisch nicht so gut trennen.

Auch die Hitze ist heute vermehrt ein Thema. Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz fordert einen passiven Hitzeschutz für Schulen. Welche Massnahmen sind am wirksamsten?

Mit passivem Hitzeschutz soll verhindert werden, dass sich die Schulräume überhaupt erst aufheizen. Dabei kann ein aussen liegender Sonnenschutz oder eine Wärmeschutzverglasung genauso wirksam sein wie die Entsiegelung des Pausenplatzes, der sonst als Hitzeinsel die Nachtauskühlung verlangsamt.

Schulhäuser sind meist Schulen vorbehalten. Was halten Sie vom Vorschlag der deutschen Montag-Stiftung, sie breiter zu nutzen?

Unbedingt! Schulgebäude sind öffentliche Infrastrukturen, häufig das Zentrum einer Gemeinde oder eines Quartiers. Hierzulande ist klar, dass der Pausenplatz von der Bevölkerung genutzt wird. Daneben nutzen Sportvereine die Turnhalle oder die Gemeinde hält ihre Versammlung in der Aula ab. Über das ganze Jahr gesehen hat eine Schule mit dem Unterricht alleine eine relativ geringe Auslastung. Deshalb finde ich es auch sinnvoll, dass Unterricht und Tagesschule gewisse Räumlichkeiten gemeinsam nutzen.

«Unabhängig davon, wie sie aussieht, ist es wichtig, dass die Einrichtung des Zimmers zum Unterrichtsverständnis passt.»

Expertinnen und Experten der Schulhausarchitektur schauen gerne nach Dänemark. Zu Recht?

Beispiele aus Dänemark haben dazu inspiriert, Schule als Ort und Institution anders zu denken. In der Zwischenzeit gibt es dafür auch in der Schweiz und im deutschsprachigen Raum viele gute Beispiele.

An welche Schule denken Sie?

Zum Beispiel an die Schule Surbaum in Reinach im Kanton Basel-Landschaft, die ich mit dem Netzwerk Bildung und Architektur besichtigen durfte. Die Schulleitung war in allen Phasen eng in die Entwicklung des Projekts einbezogen. Schule und Neubau sind so zu einer Einheit geworden.

Vielfach wird im Zusammenhang mit Schulbauten vom dritten Pädagogen gesprochen. Ist da etwas dran?

Natürlich hat die gebaute Umwelt eine Wirkung. Es kann sich ihr auch niemand entziehen. Sie ermöglicht oder verunmöglicht gewisse Formen der sozialen Interaktionen. Letztlich ist der räumliche Aspekt nur einer von vielen und für die Qualität des Unterrichts nicht von derart zentraler Bedeutung wie die Beziehung zwischen Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen oder die Art der Aufgabenstellung. Man kann auch in ungeeigneten Räumen guten Unterricht machen.

Was können Lehrpersonen selbst tun, um ihre Lernräume zu verbessern?

Wenn sich eine Lehrperson regelmässig mit der Einrichtung des Klassenzimmers auseinandersetzt, ist das ein sinnvoller erster Schritt. Braucht der Raum ein Hinten und ein Vorne? Wo platziere ich meinen Arbeitsplatz, wenn ich mich als Lernbegleitung verstehe? Unabhängig davon, wie sie aussieht, ist es wichtig, dass die Einrichtung des Zimmers zum Unterrichtsverständnis passt. 

Autor
Mirja Keller

Datum

16.09.2026

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