Bereit für die Zukunft
Brauchen wir Future Skills?
Es geistert ein neuer Begriff umher: Future Skills. Ein Hype oder die Zukunft des Lernens? Eine Expertin und ein Experte ordnen ein.

Alle sprechen von Future Skills. Gemeint sind Fähigkeiten, die einem helfen, sich in der immer komplexeren Welt zurechtzufinden. Je nachdem, wen man fragt, gelten soziale Fähigkeiten, nachhaltiges und systematisches Denken, aber auch Resilienz und Kreativität als Future Skills. Der Trend wirft viele Fragen auf: Ist es einfach ein neudeutsches Wort für Kompetenzen, die auch der Lehrplan in der Schule schon abdeckt? Was bedeuten diese sogenannten Zukunftskompetenzen für Lehrpersonen und ihren Unterricht?
Die Zukunft beginnt schon früh
Anruf bei Catherine Lieger. Sie leitet das neue CAS Future Skills an der pädagogischen Hochschule Zürich und hat kürzlich das Buch «Future Skills Plus» herausgegeben. Bei dem Thema geht es ihr um zukunftsorientierte Kompetenzen, die ein Bewusstsein schaffen für Nachhaltigkeit und Zusammenleben sowie die Fähigkeit, gesellschaftliche Veränderungen aktiv zu gestalten. «Damit kann man schon im Zyklus 1 beginnen», ist sie überzeugt und hat das Konzept für die Arbeit mit vier- bis achtjährigen Kindern adaptiert.

Eine Frage stellt sich grundsätzlich: War die Vorbereitung auf die Zukunft nicht schon immer Kernaufgabe der Schule? Ja, aber die Kinder der Generation Alpha, also jene, die nach 2010 geboren wurden, seien einer viel grösseren Komplexität ausgesetzt als frühere Generationen. Sie erlebten mehr Unsicherheit, andere Dynamiken und sie bekämen die Digitalisierung von klein auf mit. «Daraus ergibt sich eine stärkere Dringlichkeit. Die Schule kann den Kindern hier eine gute Grundlage mitgeben», sagt Lieger, die für ihren Realitätscheck selbst regelmässig an Primarschulen unterrichtet. Gerade im Zyklus 1 sei die Entwicklungsdynamik besonders anspruchsvoll. «In dieser hochsensiblen Phase lernen Kinder grundlegende Muster für die Selbststeuerung, soziale Interaktion und Resilienz. Deshalb ist eine angemessene Verankerung im Unterricht notwendig», sagt sie.
«Future Skills schliessen andere Inhalte nicht aus.»
Die Future Skills kollidieren mit anderen Forderungen an die Schule, die man als Backlash bezeichnen könnte. Im Fokus stehen alte Werte wie Autorität der Lehrperson, Fokus auf Lesen, Schreiben, Rechnen, Repetieren – kurz: ein Zurück zur vermeintlich guten alten Zeit. Diese Forderungen kennt Lieger, sie sagt: «Future Skills schliessen andere Inhalte nicht aus. Wir wollen den Schülerinnen und Schülern das Rüstzeug mitgeben, um gut zu lernen.» Darunter seien auch Werte wie Selbstkompetenz, Selbstregulation, Selbstwahrnehmung, Empathie oder Kommunikationsfähigkeit. «Allesamt Themen, die früher schon wichtig waren, jetzt aber mehr Aufmerksamkeit erfordern.»
Kinder mit Defiziten
Eigentlich müssten Kinder einige Fähigkeiten bereits von daheim mitbringen. Es gebe heutzutage jedoch einen Mangel an eigenen, grundlegenden Erfahrungen, wie Kinder ihre Sinne brauchen oder über Handeln lernen, sagt Lieger. Auch in der Kommunikation sieht sie Defizite: «Der Umgang mit Konflikten, die Zusammenarbeit, kollektives Problemlösen oder die Offenheit gegenüber Vielfalt. Hier ist die Schule gefordert.» Lieger beobachtet, dass Eltern ihre Kinder vermehrt stark ins Zentrum ihres Lebens stellen. «Kindern wird heute viel abgenommen, im Bestreben, ihnen alles zu ermöglichen. Aber so lernen sie nicht mehr, selbst die nötigen Schritte zu gehen.» Eine Folge sei, dass Modelle wie Schule draussen, also der Unterricht ausserhalb des Schulhauses, an Bedeutung gewinnen. «Früher hat es in der Freizeit mehr Mutproben gegeben, heute sind die digitalen Medien sehr präsent. Wir sollten Kinder mehr machen lassen, ob in der Natur oder zu Hause», fordert Lieger.
In der Schule gilt es für Lieger stärker zu berücksichtigen, wie junge Kinder lernen. Zu Beginn der Schulzeit seien diese noch stark intrinsisch motiviert. «Wir wollen diese Verspieltheit in der Schule weiterentwickeln und dafür Angebote schaffen, um stärker über das Spiel und offene Settings zu lernen.» Dazu gehöre auch der Umgang mit Frustration und Misserfolg. «Kinder erfahren: Wenn ich dranbleibe, dann schaffe ich es. Das ist mit Anstrengung und Ausdauer verbunden – aber es macht stolz.»
Was heisst das alles nun für Lehrpersonen? Was braucht es, um Future Skills zu vermitteln? «Wir haben gute Erfahrungen mit Spiel- und Lernlandschaften gemacht, die Lehrpersonen mit den Kindern erstellen, aufbauen und nutzen», sagt Lieger. Das bedinge eine veränderte Grundhaltung: Die Lehrperson werde zur Gestalterin, die Räume öffnet und Beziehungen stärkt. «Im Zentrum steht das fächerübergreifende und vernetzte Lernen. Das bedeutet für die Lehrperson eine veränderte Rolle.» Dazu gehöre auch, Unterrichtsräume neu zu strukturieren. Kurz: Future Skills bedeuten eine Transformation des Unterrichts. Die Kinder gestalten diese aktiv mit. Beziehungen und Erfahrungen stehen im Zentrum. Lernen wird zu einem ganzheitlichen Prozess.
Bereit für das Unvorhersehbare
Einen anderen Blick auf das Thema hat Friso Laan. Er ist Lehrbeauftragter für Medien und Informatik an der pädagogischen Hochschule Thurgau. Er setzt am anderen Ende der Schulzeit an: kurz vor dem Übertritt in die Arbeitswelt. Dafür führt er Workshops mit Firmen und Jugendlichen durch, den Future Skills Hub.
«Junge Menschen müssen mit der Zukunft klarkommen, egal ob sie Mississippi richtig schreiben.»
Auch Laan beobachtet wachsende Anforderungen an die Schule, die über fachliche Kompetenzen hinausgehen. «Das heutige Umfeld ist veränderlicher und weniger vorhersehbar. Wir wollen darum Wissensvermittlung mit Emotionen verbinden und Jugendliche befähigen, die Zukunft anzugehen», sagt Laan. Kulturtechniken wie Rechnen, Lesen und Schreiben würden wichtig bleiben, aber diese seien nicht der Gradmesser. «Junge Menschen müssen mit der Zukunft klarkommen, egal ob sie Mississippi richtig schreiben.»

Der Ruf nach Future Skills könnte als Kritik am Lehrplan 21 verstanden werden. Darum geht es Laan jedoch nicht. Future Skills sind für ihn eine Weiterentwicklung der überfachlichen Kompetenzen. Ein Beispiel sei die nachhaltige Entwicklung: «Wie wollen wir junge Menschen befähigen, kritisch über das eigene Umweltverhalten nachzudenken?», fragt Laan. Die Jugendlichen würden lernen, selbstständig zu denken, Werte zu entwickeln und Zusammenhänge zu erkennen. «Wir wollen ihnen nicht sagen, was richtig ist.»
Workshops und Projekte stärken Selbstwert
Den Schulunterricht stellt Laan nicht grundsätzlich infrage. Der funktioniere oft gut. Er empfiehlt Lehrkräften jedoch, mehr Ergebnisoffenheit zu wagen – innerhalb der vermittelten Lernziele. «Im Zyklus 3 sollten wir Schülerinnen und Schüler bei Projekten früher dazu ermutigen und trainieren, eigenständige Lösungen zu suchen und auszuprobieren.» Da setzt Laan an: In dieser Beziehung können Jugendliche viel in den Workshops mit den Firmen lernen. Für den Future Skills Hub sei die pädagogische Hochschule aktiv auf diese zugegangen – nicht umgekehrt. «Die Jugendlichen werden von den Firmen nicht vereinnahmt.» Die PH interessierte sich für die Anforderungen an zukünftige Lehrlinge.
Für die Workshops entwerfen die Firmen Aufgaben aus dem Arbeitsalltag. «Sie formulieren reale Probleme schülergerecht», sagt Laan. Die Jugendlichen sollen daraufhin Lösungen erarbeiten und diese dann vorstellen. Was bringen die Workshops in dieser Beziehung letztlich? «Sie stärken die Selbstwahrnehmung. Für den Selbstwert der Jugendlichen ist das enorm aufbauend.»
Für Laan sind Zukunftskompetenzen mehr als ein Hype. «Es geht um grundlegende Dinge, die wir in Zukunft brauchen: Etwa die Kommunikationsfähigkeit oder das konstruktive und kritische Denken, das Emotionen zulässt.» Der Wert des ausserschulischen Lernens sei bekannt und es gebe schon lange entsprechende Projekte. Sein Beitrag: «Wir wollen nun zeigen, dass Schule nicht isoliert funktioniert, sondern Brücken schafft und in die Arbeitswelt übergreift.»
Autor
Jonas Wydler
Datum
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