Bieler Schule

Zwei Sprachen sind selbstverständlich

An der Schule Filière Bilingue in Biel navigieren Lehrpersonen wie auch Schülerinnen und Schüler geschickt zwischen deutscher und französischer Sprache und Kultur.

In der Filière Bilingue werden 42 Kinder auf vier Klassen aufgeteilt: Davon haben jeweils zwölf die Muttersprachen Deutsch beziehungsweise Französisch. Die restlichen 18 Kinder haben eine andere Muttersprache. Fotos: Marc Renaud

In der ersten Klasse der Schule Filière Bilingue in Biel ist die Unterrichtssprache an diesem Vormittag Deutsch. Klassenlehrerin Stefanie Oesch sitzt mit den Kindern im Kreis. «Welcher Tag ist heute?», fragt sie. Den deutschsprachigen Kindern fällt es leicht, den Tag zu nennen. Etwas länger überlegen die französischsprachigen Kinder.

Oesch unterrichtet die Klasse gemeinsam mit Stellenpartner Adrian Vulic. Neben deutsch- und französischsprachigen Kindern hat es auch einen grösseren Anteil an fremdsprachigen Schülerinnen und Schülern. Das Konzept der Zweisprachigkeit an der Schule Filière Bilingue besteht seit 2010. Hier werden die meisten Fächer – einschliesslich Mathematik – immersiv unterrichtet. Der Unterricht erfolgt je hälftig in Deutsch und Französisch.

Kolumne von Sandra Locher-Benguerel, Mitglied der LCH-Geschäftsleitung, über den Fremdsprachenunterricht: «Fundierte Lösungen brauchen Zeit»

Dieser Vision entsprechend sind auch die Klassenteams zusammengesetzt. Deutschsprachige und französischsprachige Lehrpersonen führen diese gemeinsam. Elterngespräche erfolgen ebenfalls auf Deutsch oder Französisch. Im Fall der eingangs erwähnten 1. Klasse führt Oesch diese in ihrer Muttersprache Deutsch, Stellenpartner Vulic auf Französisch. Untereinander sprechen die beiden Lehrpersonen ebenfalls in ihrer jeweiligen Muttersprache.

Bilinguismus soll gelebt werden

Die Zweisprachigkeit ist in der Stadt Biel ein zentrales Thema. Menschen aus beiden Sprachgruppen leben oft als Nachbarn und sind über das ganze Stadtgebiet verteilt. Die Förderung der Zweisprachigkeit an den Bieler Schulen ist Teil der städtischen Bildungsstrategie. Die Schule Filière Bilingue ist Teil dieses Projekts. Auch zweisprachige, ausserschulische Aktivitäten werden unterstützt.

Veränderungen auf allen Ebenen

Zurück im Kreis führt Oesch nun die bevorstehende Aufgabe ein. Die Schülerinnen und Schüler müssen eine Bildreihe mit den passenden Wörtern ergänzen. Dabei arbeiten sie in Zweiergruppen, bestehend aus je einem deutschsprachigen und einem französischsprachigen Kind. Alle Namen wurden geändert.

Die Kinder finden Wege, sich zu verständigen.

Ilja und Francisco bilden eines dieser Zweierteams. Iljas Muttersprache ist Kurdisch, er spricht aber auch Deutsch. Francisco spricht Französisch. «Das ist ein Wolf», sagt Ilja und schreibt das Wort hin. Francisco schaut ihm zu. Die Suche nach den deutschen Wörtern gelingt am Anfang gut, doch bei einigen Tieren fehlt dann auch Ilja das deutsche Wort. Er und Francisco orientieren sich deshalb an der Gruppe vis-à-vis. Dort ist ein Kind, dessen Muttersprache Deutsch ist.

Streit um Sprachunterricht in der Schweiz

Die 2004 beschlossene Strategie zum Fremdsprachunterricht auf Primarstufe befindet sich nach der Präsentation der Resultate aus der Überprüfung der Grundkompetenzen im Sprachunterricht im Mai 2025 auf dem Prüfstand. In zwölf Deutschschweizer Kantonen sind politische Vorstösse hängig oder bereits beschlossen, die Änderungen verlangen. Insbesondere dem Frühfranzösisch weht eine steife Brise entgegen. In Zürich hat beispielsweise das Kantonsparlament die Regierung mit einer Verlegung auf die Oberstufe beauftragt. Der Bundesrat hat bereits eine Intervention angedroht, falls sich ein Kanton aus dem Kompromiss verabschieden und nur noch eine zweite Sprache – und zwar Englisch – auf Primarstufe vorsieht. Auch im Bundesparlament werden in diesem Frühjahr entsprechende Vorstösse behandelt. Das Nischenangebot der zweisprachigen Klassen ist nicht Teil dieser Debatte. In Bern wird zwar ein Stadtberner Angebot aus finanziellen Gründen beendet, dafür wird neu die École Cantonale de Langue Française zweisprachige Klassen anbieten. Zweisprachige Klassen gibt es auch in anderen Kantonen. (ca)

Nach der Schreibaufgabe dürfen die Kinder eine Pause machen. Der französischsprachige Francisco geht mit dem deutschsprachigen Johan nach draussen. Nach der langen, konzentrierten Lernsequenz brauchen die beiden Bewegung. Francisco spricht während des Spielens Französisch, Johan Deutsch. Das gelingt problemlos.

Auffallend ist: Trotz unterschiedlicher Muttersprachen finden die Kinder dieser Klasse Wörter und Wege, sich zu verständigen und zu verstehen. Als ein dritter, französischsprachiger Junge die beiden Buben unabsichtlich stört, weist ihn Johan dann doch in akzentfreiem Französisch in die Schranken: «Arrête!», ruft er. Er spreche gerne Französisch, sagt Johan, der bereits eine zweisprachige Kita besucht hat. Für ihn ist die Zweisprachigkeit normal.

Mehr Interessierte als Schulplätze

Der Besuch der Filière Bilingue ist freiwillig. In der Regel hat es aber mehr interessierte Familien, als Schulplätze zu vergeben sind. Im Durchschnitt werden ungefähr 140 Kinder für die zweisprachige Schule angemeldet, 42 können jeweils aufgenommen werden. Es gibt deshalb klare Kriterien, wie die Klassen zusammengesetzt sein müssen: Auf die vier Klassen werden für das erste Kindergartenjahr zwölf deutschsprachige und zwölf französischsprachige sowie 18 fremdsprachige Kinder verteilt. Aus jeder Gruppe werden die Kinder ausgewählt, die am nächsten bei der Schule wohnen.

Die soziale und sprachliche Durchmischung ist gross. «Wir sind keine elitäre Schule», stellt Schulleiterin Carole Strähl klar. Und offenbar auch keine, in der einzelne Sprachblasen entstehen. «Wir haben keine Kindergruppen, die untereinander nur in ihrer Muttersprache sprechen, das ist ein Vorteil», sagt Strähl. Insgesamt werden 38 verschiedene Sprachen an der Schule gesprochen.

Doch wie wirkt sich der Zweitspracherwerb in Deutsch oder Französisch auf die schulische Leistung aus? Das Unterrichtskonzept der Filière Bilingue wird wissenschaftlich begleitet. Vergleiche zeigten, dass die Schülerinnen und Schüler hier dasselbe Niveau erreichen wie ihre Altersgenossinnen und -genossen an anderen Schulen, erläutert Strähl.

Zwischen Sprache und Kultur

Das Schulleitungsteam ist gleich zusammengesetzt wie die Klassenteams: zweisprachig. Sowohl das Schulleitungsteam als auch der Lehrkörper bewegen sich aber nicht nur zwischen zwei verschiedenen Sprachen, sondern auch zwischen kulturellen Unterschieden. «Deutschsprachige Praktikantinnen und Praktikanten beispielsweise duzen die Schulleitung. Französischsprachige sind sich das nicht gewohnt», sagt Strähl. Auch die Ausbildung der Lehrpersonen verlaufe anders. Dies zeige sich bei der didaktischen Umsetzung – die Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie arbeiteten früher vermehrt mit klassischen Methoden: mehr Arbeitsblätter, mehr Frontalunterricht. Allerdings haben sich diese didaktischen Unterschiede in den letzten Jahren grösstenteils aufgehoben. Zudem haben viele Lehrpersonen, die an der Filière Bilingue unterrichten, den zweisprachigen Lehrgang Cursus Bilingue an den pädagogischen Hochschulen Bern und Bejune absolviert.

Kein Problem bereitet dem Schulleitungsteam das Rekrutieren französischsprachiger Lehrpersonen und Heilpädagoginnen und -pädagogen. Hingegen ist es schwieriger, deutschsprachige Lehrpersonen zu finden, aufgrund des ausgetrockneten Stellenmarktes.

Nach der grossen Pause steht in der ersten Klasse bildnerisches Gestalten an. Die Schülerinnen und Schüler kleben Herbstlaub auf ein Blatt Papier. Adriana und Yasemin sitzen zusammen am Pult. Adriana spricht zu Hause Portugiesisch, Yasemin Arabisch. Beide sagen, sie sprächen «ein bisschen Französisch und ein bisschen Deutsch». Auf die Frage, welche der beiden Sprachen sie denn lieber hätten, meinen sie fast gleichzeitig: «Wir mögen beide Sprachen!» 

Autor
Mireille Guggenbühler

Datum

09.02.2026

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