Nach der Schreibaufgabe dürfen die Kinder eine Pause machen. Der französischsprachige Francisco geht mit dem deutschsprachigen Johan nach draussen. Nach der langen, konzentrierten Lernsequenz brauchen die beiden Bewegung. Francisco spricht während des Spielens Französisch, Johan Deutsch. Das gelingt problemlos.
Auffallend ist: Trotz unterschiedlicher Muttersprachen finden die Kinder dieser Klasse Wörter und Wege, sich zu verständigen und zu verstehen. Als ein dritter, französischsprachiger Junge die beiden Buben unabsichtlich stört, weist ihn Johan dann doch in akzentfreiem Französisch in die Schranken: «Arrête!», ruft er. Er spreche gerne Französisch, sagt Johan, der bereits eine zweisprachige Kita besucht hat. Für ihn ist die Zweisprachigkeit normal.
Mehr Interessierte als Schulplätze
Der Besuch der Filière Bilingue ist freiwillig. In der Regel hat es aber mehr interessierte Familien, als Schulplätze zu vergeben sind. Im Durchschnitt werden ungefähr 140 Kinder für die zweisprachige Schule angemeldet, 42 können jeweils aufgenommen werden. Es gibt deshalb klare Kriterien, wie die Klassen zusammengesetzt sein müssen: Auf die vier Klassen werden für das erste Kindergartenjahr zwölf deutschsprachige und zwölf französischsprachige sowie 18 fremdsprachige Kinder verteilt. Aus jeder Gruppe werden die Kinder ausgewählt, die am nächsten bei der Schule wohnen.
Die soziale und sprachliche Durchmischung ist gross. «Wir sind keine elitäre Schule», stellt Schulleiterin Carole Strähl klar. Und offenbar auch keine, in der einzelne Sprachblasen entstehen. «Wir haben keine Kindergruppen, die untereinander nur in ihrer Muttersprache sprechen, das ist ein Vorteil», sagt Strähl. Insgesamt werden 38 verschiedene Sprachen an der Schule gesprochen.
Doch wie wirkt sich der Zweitspracherwerb in Deutsch oder Französisch auf die schulische Leistung aus? Das Unterrichtskonzept der Filière Bilingue wird wissenschaftlich begleitet. Vergleiche zeigten, dass die Schülerinnen und Schüler hier dasselbe Niveau erreichen wie ihre Altersgenossinnen und -genossen an anderen Schulen, erläutert Strähl.
Zwischen Sprache und Kultur
Das Schulleitungsteam ist gleich zusammengesetzt wie die Klassenteams: zweisprachig. Sowohl das Schulleitungsteam als auch der Lehrkörper bewegen sich aber nicht nur zwischen zwei verschiedenen Sprachen, sondern auch zwischen kulturellen Unterschieden. «Deutschsprachige Praktikantinnen und Praktikanten beispielsweise duzen die Schulleitung. Französischsprachige sind sich das nicht gewohnt», sagt Strähl. Auch die Ausbildung der Lehrpersonen verlaufe anders. Dies zeige sich bei der didaktischen Umsetzung – die Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie arbeiteten früher vermehrt mit klassischen Methoden: mehr Arbeitsblätter, mehr Frontalunterricht. Allerdings haben sich diese didaktischen Unterschiede in den letzten Jahren grösstenteils aufgehoben. Zudem haben viele Lehrpersonen, die an der Filière Bilingue unterrichten, den zweisprachigen Lehrgang Cursus Bilingue an den pädagogischen Hochschulen Bern und Bejune absolviert.
Kein Problem bereitet dem Schulleitungsteam das Rekrutieren französischsprachiger Lehrpersonen und Heilpädagoginnen und -pädagogen. Hingegen ist es schwieriger, deutschsprachige Lehrpersonen zu finden, aufgrund des ausgetrockneten Stellenmarktes.
Nach der grossen Pause steht in der ersten Klasse bildnerisches Gestalten an. Die Schülerinnen und Schüler kleben Herbstlaub auf ein Blatt Papier. Adriana und Yasemin sitzen zusammen am Pult. Adriana spricht zu Hause Portugiesisch, Yasemin Arabisch. Beide sagen, sie sprächen «ein bisschen Französisch und ein bisschen Deutsch». Auf die Frage, welche der beiden Sprachen sie denn lieber hätten, meinen sie fast gleichzeitig: «Wir mögen beide Sprachen!»