Wie einigen Sie sich in Bezug auf den Unterrichtsstil?
Wir harmonieren fachlich sehr gut. Wenn wir in den Ferien die Planung für das kommende Quartal machen, besprechen wir jeweils, wie wir den Stoff mit den Kindern erarbeiten wollen. Wir machen dies so genau, dass jede Lektion geplant ist. Dabei klären wir auch, welche Unterrichtsmethoden wir verwenden wollen. Für die Kinder ist das sehr wichtig. Denn wenn eine Lehrperson findet, die Kinder sollen möglichst frei lernen und die andere möchte lieber eng geführt arbeiten, weiss die Klasse kaum noch, was gilt.
Kinder loten gerne Grenzen aus. Haben sie auch schon mal versucht, Sie gegeneinander auszuspielen?
Kaum. Einmal wollten die Kinder in der Pause Puppen aus dem Klassenzimmer nach draussen nehmen. Als ich Nein gesagt habe, hiess es, bei meiner Kollegin dürften sie aber.
Wie haben Sie da reagiert?
Ich habe gesagt, dass heute ich da sei und bei mir gehe das nicht. Das haben sie akzeptiert. Wir sind zwei verschiedene Personen, es kann nicht alles gleich laufen. Grundsätzlich haben wir aber die gleichen Regeln.
Welche Vorteile hat das Jobsharing-Modell für Sie persönlich?
Ich schätze es sehr, dass wir uns gerade bei heiklen Angelegenheiten austauschen können. Vorher musste ich alles alleine managen. Etwa, wenn mit einem Kind oder den Eltern etwas vorgefallen war. Jetzt haben wir stets ein Vier-Augen-Prinzip. Das ist auch in der Beurteilung der Kinder von grossem Vorteil.
Inwiefern?
Es kann vorkommen, dass einem vielleicht etwas nicht auffällt, aber der Kollegin schon. Wir ergänzen uns diesbezüglich ganz gut, auch weil wir verschiedene Weiterbildungen absolviert haben.
Zum Beispiel?
Meine Stellenpartnerin hat sich im Coachingbereich fortgebildet. Das merkt man gerade in heiklen Gesprächssituationen. Ich kann hier von ihr lernen. Handkehrum habe ich im Puppenspiel Kurse belegt und kann diese Kenntnisse wiederum in die Unterrichtsgestaltung einfliessen lassen.
Wo profitieren die Kinder sonst noch von Ihrem Jobsharing?
Sie haben zwei Ansprechpersonen, denen sie sich anvertrauen können – gerade in der Unterstufe, in der die Klassenlehrkräfte seltener wechseln, kann das ein Vorteil sein. Ich sehe aber auch viel Positives, was das Teamteaching angeht.
Warum?
In anderen Klassen kommt dafür jeweils eine externe Person für zwei, drei Lektionen hinzu, welche die Kinder nur oberflächlich kennt. Das ist bei uns in der Klasse ganz anders. Wir können während dieser gemeinsamen Schulstunden Kinder gezielt individuell fördern.
Wenn eine Lehrperson Fächer unterrichtet, für die sie wirklich brennt, wirkt die Leidenschaft ansteckend.
Haben Sie die Fächer untereinander aufgeteilt?
Zum Teil. Ich unterrichte unter anderem Deutsch, Mathematik, Natur, Mensch und Gesellschaft – zu meiner grossen Freude! Das ist ein weiterer Pluspunkt am Jobsharing, von dem auch die Kinder profitieren: Wenn eine Lehrperson Fächer unterrichtet, für die sie wirklich brennt, wirkt die Leidenschaft ansteckend. Eine strikte Aufteilung ist jedoch aufgrund unserer Präsenztage nicht möglich.
Hat Jobsharing auch negative Seiten?
Ja, die gibt es auch. Der Lehrberuf ist halt wirklich kein Job mit Bürozeiten. In einer Teilzeitanstellung merkt man noch stärker, wie viel man noch an arbeitsfreien Tagen erledigt. Da sind zum einen ausserschulische Termine wie Sitzungen oder Ausflüge, aber auch viele Abklärungen, die nebenher laufen.
Welche zum Beispiel?
Das sind oft ganz banale Dinge. Wir waren zum Beispiel kürzlich auf dem Eisfeld mit der Schule. Eine Mutter hatte sich dann gemeldet, weil sie keine passenden Schlittschuhe für ihr Kind hatte. Ich organisierte diese dann.
Wie viel Zeit kosten solche Anfragen?
Das ist schwierig zu quantifizieren. Oft sind es Nachrichten von Eltern, die per Mail oder Chat eintreffen – auch abends. Man fühlt sich dann zu einer Antwort verpflichtet, auch wenn man nicht arbeitet.
Was könnte die Schule tun, um Teilzeitarbeitende zu unterstützen?
Der administrative Aufwand ist gross und wird, wenn ich älteren Kolleginnen und Kollegen zuhöre, verglichen mit früher auch immer grösser. Es würde helfen, wenn einem die Schule organisatorische Dinge oder Kommunikationsaufgaben wie ein Rundschreiben für eine Schulreise abnehmen würde.
Wie funktioniert das denn heute?
Klassenlehrpersonen auf Primarstufe erhalten im Kanton St. Gallen eine Zulage von rund 170 Franken für administrative Arbeiten.
Welchen Tipp haben Sie für Lehrpersonen, die Jobsharing in Erwägung ziehen?
Es lohnt sich, die Stelle mit jemandem zu teilen, den man bereits etwas kennt. So kann man besser einschätzen, wie die Person arbeitet, wie sie denkt und was ihr beim Unterrichten wichtig ist. Es hilft zudem sehr, wenn man versucht, offen zu sein gegenüber neuen Ideen – ob dies nun die Einrichtung des Klassenzimmers oder den Unterrichtsstil betrifft. Und ganz wichtig ist die Kompromissbereitschaft. Sie ist für mich die Basis einer guten Zusammenarbeit.