Jobsharing

«Wir haben stets ein Vier-Augen-Prinzip»

Wie ist es, die Klassenverantwortung zu teilen? Primarlehrerin Manuela Lendi spricht im Interview über die Vor- und Nachteile von Jobsharing.

Blonde Frau im Gespräch.
Manuela Lendi findet, dass auch die Kinder vom Jobsharing profitieren. Fotos: Gion Pfander

70 Prozent arbeiten aus familiären Gründen Teilzeit, ergab eine Umfrage unter Berner Lehrpersonen. Wie ist das bei Ihnen?

MANUELA LENDI: Ich habe nach der Ausbildung zur Unterstufenlehrerin Vollzeit gearbeitet. Als ich vor mehr als einem Jahr Mutter geworden bin, war das für mich aber keine Option mehr. Hätte ich nicht im Jobsharing tätig sein können, wäre ich nach dem Mutterschaftsurlaub wohl nicht zurückgekommen.

Wie teilen Sie sich Ihre Arbeit nun ein?

Aktuell arbeite ich rund 50 Prozent. Die Klassenverantwortung teile ich mit meiner Stellenpartnerin. Ich hätte auch die Option gehabt, nach dem Mutterschaftsurlaub lektionenweise in verschiedenen Klassen auszuhelfen, aber das wollte ich nicht.

Wieso?

Als Lehrerin ist man dann zwar irgendwie Teil dieser Klassen. Mitreden kann man aber kaum. Und weil man in verschiedenen Klassen unterrichtet, kennt man auch die Kinder weniger gut.

Jobsharing verspricht Arbeitsentlastung und geteilte Verantwortung. Wie sieht dies im Schulalltag aus?

Wir teilen uns die Klassenverantwortung zu gleichen Teilen und nehmen dadurch auch immer beide an Schulkonferenzen, Sitzungen oder Elterngesprächen teil. Einerseits ist das entlastend, weil man viele Entscheidungen gemeinsam fällen und sich austauschen kann. Andererseits sind die ständigen Absprachen zeitintensiv.

Wie halten Sie sich gegenseitig auf dem Laufenden?

Ich arbeite jeweils Montag und Dienstag. Danach mache ich meiner Stellenpartnerin eine Sprachnachricht und bringe sie auf den aktuellen Stand – etwa, was mir im Unterricht oder in Bezug auf eines der Kinder aufgefallen ist. So weiss sie, worauf sie an ihren Arbeitstagen achten muss.

Wie gehen die Kinder damit um, dass sie zwei Lehrpersonen haben?

Unsere aktuelle Klasse macht das gut. Es war von Anfang an klar, dass an zwei Tagen ich da bin, dass wir am Dienstagmorgen zu zweit unterrichten und dass an den restlichen Tagen meine Kollegin hier ist. Wie gut es funktioniert, ist aber sicher auch von den Kindern abhängig. Als es durch meine Schwangerschaft damals einen Lehrerinnenwechsel gab, haben einzelne Kinder sehr darunter gelitten. Wir planen den Unterricht gemeinsam. So kann man den Betreuungswechsel ein Stück weit auffangen.

«Die ständigen Absprachen sind zeitintensiv.»

Wie denn?

Indem man der Struktur im Unterricht noch mehr Bedeutung beimisst. Wir achten beispielsweise darauf, dass sich durch unsere Fächer ein thematischer roter Faden zieht. So sorgen wir für Kontinuität im Unterricht. Wenn wir in Natur, Mensch und Gesellschaft das Thema Igel behandeln, basteln wir im Werken zum Beispiel etwas Passendes dazu oder lesen im Deutsch Geschichten über das Tier.

Zur Person

Manuela Lendi unterrichtet an der Primarschule Lenggis in Jona (SG) eine erste Klasse im Jobsharing. Ihr Pensum beträgt rund 50 Prozent. Sie teilt sich die Klassenverantwortung mit ihrer Stellenpartnerin, die sie aus ihrer Vikariatszeit her kennt. Die beiden haben sich gemeinsam auf die Stelle beworben.

Wie einigen Sie sich in Bezug auf den Unterrichtsstil?

Wir harmonieren fachlich sehr gut. Wenn wir in den Ferien die Planung für das kommende Quartal machen, besprechen wir jeweils, wie wir den Stoff mit den Kindern erarbeiten wollen. Wir machen dies so genau, dass jede Lektion geplant ist. Dabei klären wir auch, welche Unterrichtsmethoden wir verwenden wollen. Für die Kinder ist das sehr wichtig. Denn wenn eine Lehrperson findet, die Kinder sollen möglichst frei lernen und die andere möchte lieber eng geführt arbeiten, weiss die Klasse kaum noch, was gilt.

Kinder loten gerne Grenzen aus. Haben sie auch schon mal versucht, Sie gegeneinander auszuspielen?

Kaum. Einmal wollten die Kinder in der Pause Puppen aus dem Klassenzimmer nach draussen nehmen. Als ich Nein gesagt habe, hiess es, bei meiner Kollegin dürften sie aber.

Wie haben Sie da reagiert?

Ich habe gesagt, dass heute ich da sei und bei mir gehe das nicht. Das haben sie akzeptiert. Wir sind zwei verschiedene Personen, es kann nicht alles gleich laufen. Grundsätzlich haben wir aber die gleichen Regeln.

Welche Vorteile hat das Jobsharing-Modell für Sie persönlich?

Ich schätze es sehr, dass wir uns gerade bei heiklen Angelegenheiten austauschen können. Vorher musste ich alles alleine managen. Etwa, wenn mit einem Kind oder den Eltern etwas vorgefallen war. Jetzt haben wir stets ein Vier-Augen-Prinzip. Das ist auch in der Beurteilung der Kinder von grossem Vorteil.

Inwiefern?

Es kann vorkommen, dass einem vielleicht etwas nicht auffällt, aber der Kollegin schon. Wir ergänzen uns diesbezüglich ganz gut, auch weil wir verschiedene Weiterbildungen absolviert haben.

Zum Beispiel?

Meine Stellenpartnerin hat sich im Coachingbereich fortgebildet. Das merkt man gerade in heiklen Gesprächssituationen. Ich kann hier von ihr lernen. Handkehrum habe ich im Puppenspiel Kurse belegt und kann diese Kenntnisse wiederum in die Unterrichtsgestaltung einfliessen lassen.

Wo profitieren die Kinder sonst noch von Ihrem Jobsharing?

Sie haben zwei Ansprechpersonen, denen sie sich anvertrauen können – gerade in der Unterstufe, in der die Klassenlehrkräfte seltener wechseln, kann das ein Vorteil sein. Ich sehe aber auch viel Positives, was das Teamteaching angeht.

Warum?

In anderen Klassen kommt dafür jeweils eine externe Person für zwei, drei Lektionen hinzu, welche die Kinder nur oberflächlich kennt. Das ist bei uns in der Klasse ganz anders. Wir können während dieser gemeinsamen Schulstunden Kinder gezielt individuell fördern.

Haben Sie die Fächer untereinander aufgeteilt?

Zum Teil. Ich unterrichte unter anderem Deutsch, Mathematik, Natur, Mensch und Gesellschaft – zu meiner grossen Freude! Das ist ein weiterer Pluspunkt am Jobsharing, von dem auch die Kinder profitieren: Wenn eine Lehrperson Fächer unterrichtet, für die sie wirklich brennt, wirkt die Leidenschaft ansteckend. Eine strikte Aufteilung ist jedoch aufgrund unserer Präsenztage nicht möglich.

Hat Jobsharing auch negative Seiten?

Ja, die gibt es auch. Der Lehrberuf ist halt wirklich kein Job mit Bürozeiten. In einer Teilzeitanstellung merkt man noch stärker, wie viel man noch an arbeitsfreien Tagen erledigt. Da sind zum einen ausserschulische Termine wie Sitzungen oder Ausflüge, aber auch viele Abklärungen, die nebenher laufen.

Welche zum Beispiel?

Das sind oft ganz banale Dinge. Wir waren zum Beispiel kürzlich auf dem Eisfeld mit der Schule. Eine Mutter hatte sich dann gemeldet, weil sie keine passenden Schlittschuhe für ihr Kind hatte. Ich organisierte diese dann.

Wie viel Zeit kosten solche Anfragen?

Das ist schwierig zu quantifizieren. Oft sind es Nachrichten von Eltern, die per Mail oder Chat eintreffen – auch abends. Man fühlt sich dann zu einer Antwort verpflichtet, auch wenn man nicht arbeitet.

Was könnte die Schule tun, um Teilzeitarbeitende zu unterstützen?

Der administrative Aufwand ist gross und wird, wenn ich älteren Kolleginnen und Kollegen zuhöre, verglichen mit früher auch immer grösser. Es würde helfen, wenn einem die Schule organisatorische Dinge oder Kommunikationsaufgaben wie ein Rundschreiben für eine Schulreise abnehmen würde.

Wie funktioniert das denn heute?

Klassenlehrpersonen auf Primarstufe erhalten im Kanton St. Gallen eine Zulage von rund 170 Franken für administrative Arbeiten.

Welchen Tipp haben Sie für Lehrpersonen, die Jobsharing in Erwägung ziehen?

Es lohnt sich, die Stelle mit jemandem zu teilen, den man bereits etwas kennt. So kann man besser einschätzen, wie die Person arbeitet, wie sie denkt und was ihr beim Unterrichten wichtig ist. Es hilft zudem sehr, wenn man versucht, offen zu sein gegenüber neuen Ideen – ob dies nun die Einrichtung des Klassenzimmers oder den Unterrichtsstil betrifft. Und ganz wichtig ist die Kompromissbereitschaft. Sie ist für mich die Basis einer guten Zusammenarbeit.

Autor
Mirja Keller

Datum

03.02.2026

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