Das kreative Schreiben könne aber problematisch sein, sagt Lindauer. Wenn die Schreibaufträge nämlich zu viel Freiheit liessen und zu offen formuliert seien, könne das überfordern, vor allem die schwächeren Lernenden. Lindauer verweist auf die konkrete Aufgabe, die der Schreibunterricht zu erfüllen hat: «Die Schule muss Kinder und Jugendliche primär für alltägliche Schreibsituationen ausrüsten.» Im Vordergrund stünden dabei Texte mit sozialer sowie kognitiver Funktion – in letzterem Fall für das Verarbeiten von Informationen. Dafür brauche es das entsprechende Wissen über Textsorten, deren strukturelle und sprachliche Merkmale und Schreibstrategien zu deren Anfertigung.
Im Lehrplan 21 scheint der Auftrag für die Schule klar. Doch vielen Schülerinnen und Schülern fällt das Schreiben schwer. Die Schwierigkeiten beim Schreiben seien vielfältig, sagt Lindauer. Beispielsweise hätten Schülerinnen und Schüler oft Mühe, einen Einstieg zu finden. Kurz: «Sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen.» Lindauer plädiert dafür, den Schreibprozess in kleine Schritte zu unterteilen. Die Lehrperson müsse den Prozess genau anleiten und eng begleiten.
Eine im Unterricht beobachtete Schwierigkeit sei etwa der Schritt von der Ideenfindung, zum Beispiel mit einem Mindmap, zur Umsetzung in Text. «Wenn Kinder mit dem Schreiben loslegen, beachten sie das zuvor erstellte Mindmap oft gar nicht mehr», erzählt sie aus einem Forschungsprojekt. Gefundene und schriftlich festgehaltene Ideen müssten darum strukturiert werden.
Ausserdem sei darauf zu achten, dass die Schülerinnen und Schüler die Ideen nur in Stichworten notierten. Das Ausformulieren geschehe idealerweise erst beim eigentlichen Schreiben. Dabei sollen sich die Schülerinnen und Schüler dann bewusst an ihren Notizen orientieren.
Schreiben als sozialer Anlass
Kreativen Ansätzen gegenüber ist Lindauer nicht grundsätzlich abgeneigt. Aber sie betont, dass auch bei entsprechenden Schreibaufgaben Begleitung und Strategien nötig seien. «In kleinen Schritten werden so Erfolgserlebnisse möglich», sagt sie. «Die Schülerinnen und Schüler sollen sich kompetent fühlen können.»
«Die Jugendlichen sollten eine neue Beziehung zum Schreiben gewinnen. Eine, wo es nicht um Bewertung geht»
Für die Motivation im Schreibunterricht empfiehlt Lindauer unter anderem Schreibaufgaben mit sozialer Funktion, welche die Lesenden aktiv miteinbeziehen. Die Schülerinnen und Schüler könnten zum Beispiel Anleitungen für eine Zeichnung verfassen. Diese soll nicht nur geschrieben werden.
Zur Übung gehöre dann ebenfalls, dass die Anleitung von einem Gegenüber gelesen und umgesetzt werde. «Die Schülerinnen und Schüler erhalten dann eine Rückmeldung zu ihrem Text und erkennen, wo die Anleitung nicht klar genug war», erzählt Lindauer. «So erleben sie, wozu ihr Text dient und was er auslöst. Das finden sie toll.»
Kreatives Schreiben in der Schule als Ergänzung
Lina Wilms legt in ihren Kursen ebenfalls Wert auf das Erfolgserlebnis. Diese, betont sie, seien eine Ergänzung zum regulären Schreibunterricht: «Die Jugendlichen sollten eine neue Beziehung zum Schreiben gewinnen. Eine, wo es nicht um Bewertung geht», erzählt sie. Als Schreibtrainerin stehe sie den Jugendlichen zur Seite, ermutige sie zum Ausprobieren und zeige Optionen auf, um Blockaden zu überwinden. «Wenn die Lernenden dann beim Schreiben ihre Kreativität aktivieren können, motiviert dies, mehr zu schreiben.»
Durch diese regelmässigen Übungen trainierten sich die Jugendlichen auch Ausdauer und Konzentration für andere schriftliche Aufgaben an. Die Regelmässigkeit stärke auch ohne formale Erwartungen den sprachlichen Ausdruck und die Orthografie. Da habe sie schon grosse Fortschritte bei Jugendlichen mit Legasthenie erlebt, sagt sie.
Am regelmässigen Schreiben im Unterricht führt indes kein Weg vorbei, wenn Schülerinnen und Schüler den Erwartungen des Lehrplans gerecht werden sollen. Nur so können künftige Generationen Maschinen wie ChatGPT einen Schritt voraus bleiben. Denn: Deren Sprachmodelle schreiben nicht im menschlichen Sinn. Sie rechnen. Also durch das Aneinanderreihen von Spracheinheiten – fernab jeder Kreativität oder kognitiven Leistung.