Mehr als eine Pflichtübung

Wie Schreiben die Kreativität weckt

Schreiben im Unterricht muss nicht immer einen bewertbaren Text zum Ziel haben. Zwei Expertinnen sprechen über die Freiheit des kreativen Schreibens und darüber, wo es dennoch Anleitung braucht.

Collage abstract picture image illustration of author hands writing pen new page textbook poetry isolated on beige drawing background
Beim kreativen Schreiben steht der Schreibprozess im Zentrum. Lernende sollen sich dabei nicht um Fehler sorgen, sondern Vertrauen in ihre Fähigkeiten gewinnen. Foto: iStock/Deagreez

Schreiben hat in Zeiten von Chatbots einen schweren Stand. Sprachmodelle wie Chat-GPT liefern im Bruchteil einer Minute einen Text mit 1000 Wörtern. Kein Wunder, greifen Schülerinnen und Schüler gerne auf künstliche Intelligenz als Schreibkräfte zurück. Besonders wenn sie ohnehin schon nicht gerne schreiben. Denn Schreiben ist anstrengend. Dahinter stecken mehrere kognitive Prozesse gleichzeitig: Denken, Formulieren, Planen und Überarbeiten. Genau solche Kompetenzen bilden die Grundlage für das Lernen und Arbeiten.

Wer das Schreiben an Chatbots delegiert, verpasst etwas. Und selbst beim Einsatz maschineller Tools bleiben Schreib- und Textkompetenz gefragt. Nüchterne Argumente wecken aber nicht unbedingt die Lust am Schreiben. Kreatives Schreiben kann da Abhilfe schaffen. Populär ist die Disziplin vor allem im englischsprachigen Raum. US-Eliteuniversitäten bieten sogar Studiengänge dafür an.

Wer das Schreiben an Chatbots delegiert, verpasst etwas.

Die Universität von Manchester ermutigt in einem Artikel die Studierenden, kreatives Schreiben als Hobby zu pflegen. Damit lässt sich Schreibroutine gewinnen. Die Uni zählt weitere Vorteile auf: Kreatives Schreiben fördere klares Denken und die Konzentrationsfähigkeit, stärke das Erinnerungsvermögen, die Vorstellungskraft, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, ja, es verbessere gar das Selbstbewusstsein.

Kreatives Schreiben als Handwerk und Technik

Kreatives Schreiben kann also vieles bewirken. Doch was steckt eigentlich dahinter? Zum Begriff selbst gibt es keine abschliessende Definition. Umschrieben wird es als Handwerk, das besonders für fiktionales Schreiben nützlich ist. Es hilft etwa, Figuren zu entwickeln oder die Geschichte dramatisch aufzubauen. Kreatives Schreiben ist aber auch eine Technik, die mit verschiedenen Übungen die Vorstellungskraft aktiviert und Schreibblockaden abbauen kann.

Beliebte Übungen sind das automatische Schreiben für eine vorgegebene Dauer, in der pausenlos geschrieben wird, oder der Bildimpuls. Übungen gibt es jedoch unzählige (siehe unten). Solche Schreibübungen lassen sich an verschiedenste Situationen, Sprachen, Fächer oder Zielgruppen anpassen. Eine Gemeinsamkeit jedoch haben sie: Im Zentrum steht das Schreiben als Tätigkeit. Der Text, der dabei entsteht, ist nicht das eigentliche Ziel.

Der Schweizer Germanist und Fachdidaktiker Kaspar Spinner wies 1993 in einer Publikation der Universität Augsburg auf didaktische Vorteile der Technik hin. Er sah im kreativen Schreiben das Potenzial, die individuellen Ausdrucksmöglichkeiten zu stärken: «Die wichtigste Leistung des kreativen Schreibens besteht darin, dass es mehr als andere Zugänge zum Schreiben die ganze Person erfasst.» Für Spinner gehört diese Art des Schreibens zum Ideal eines kreativen Unterrichts, der Eigeninitiative und Selbstständigkeit fördert.

Bruch mit klassischem Schreibunterricht

An Schweizer Schulen hat das kreative Schreiben dennoch kaum Fuss gefasst. Das mag daran liegen, dass ein solcher Unterricht nicht in bewertbare Resultate mündet. Dafür werden die Schülerinnen und Schüler ermutigt, zu experimentieren und ihre eigene Stimme zu finden. Orthografie und Grammatik sind zweitrangig.

«Texte, die in meinem Kurs entstehen, werden nicht benotet und müssen auch nicht laut vorgelesen werden.»

Autorin Lina Wilms hat erlebt, was mit Klassen geschieht, wenn beim Schreiben der Prozess zählt und nicht eine Note, die es am Schluss für den Text gibt. Sie bietet als freischaffende Schreibtrainerin unter anderem Workshops und Semesterkurse für Schulklassen an.

Bei ihr gilt: «Texte, die in meinem Kurs entstehen, werden nicht benotet und müssen auch nicht laut vorgelesen werden», sagt sie. Wichtig ist das Schreiben an sich. Die Wirkung reicht gemäss Wilms aber darüber hinaus: «Eine Lehrerin berichtete mir begeistert, wie die Lernenden nach meiner Stunde auch in der Mathematikstunde motivierter und fokussierter mitgearbeitet haben.»

Doch zuerst muss sie die Schülerinnen und Schüler überhaupt fürs Schreiben gewinnen. Schreibkurse auf der Sekundarstufe seien zäh, sagt Wilms. Denn wer in den Jahren zuvor eher schwache Noten im Schreiben erhalten habe, sei oft überzeugt, es schlicht nicht zu können. Das regelmässige Schreiben schaffe da Abhilfe, ist Wilms überzeugt. Sie ermutigt die Jugendlichen jeweils mit dem Hinweis, dass jeder Text so stimme, wie sie ihn schrieben: «Bei meinen Übungen gibt es keine richtige oder falsche Lösung.» Sie erwarte einzig einen selbst geschriebenen Text. Ich bin jeweils selbst gespannt, was die Jugendlichen auf ihrem Weg entdecken.

Dank dieser inhaltlichen und formalen Freiheit liessen sich auch Jugendliche motivieren, die nicht gerne schreiben. «Ich gebe ihnen mit den Übungen verschiedene Werkzeuge. Idealerweise erkennen sie mit der Zeit, was bei ihnen persönlich am besten funktioniert», sagt sie und ergänzt: «Mit meinem Unterricht baue ich Schreibhemmungen ab.» Wilms startet jeweils mit einem sogenannten Schreibjogging. Dabei wird während zehn Minuten einfach geschrieben, ohne dass daraus ein sinnvoller Text entstehen muss. Es geht einzig darum, die physische Schreibbewegung beizubehalten. So entsteht ein Automatismus, der mental entlastet und Kreativität freisetzt.

Zu viel Freiheit ein Problem?

Kreatives Schreiben lockt also mit einem schönen Versprechen, verheisst Freiheit und Freude. Nicht alle priorisieren diesen Ansatz der Schreibförderung. Nadja Lindauer forscht an der pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz zu Schreibkompetenz. Grundsätzlich findet auch sie: «An Schulen muss mehr geschrieben werden.»

Das kreative Schreiben könne aber problematisch sein, sagt Lindauer. Wenn die Schreibaufträge nämlich zu viel Freiheit liessen und zu offen formuliert seien, könne das überfordern, vor allem die schwächeren Lernenden. Lindauer verweist auf die konkrete Aufgabe, die der Schreibunterricht zu erfüllen hat: «Die Schule muss Kinder und Jugendliche primär für alltägliche Schreibsituationen ausrüsten.» Im Vordergrund stünden dabei Texte mit sozialer sowie kognitiver Funktion – in letzterem Fall für das Verarbeiten von Informationen. Dafür brauche es das entsprechende Wissen über Textsorten, deren strukturelle und sprachliche Merkmale und Schreibstrategien zu deren Anfertigung.

Im Lehrplan 21 scheint der Auftrag für die Schule klar. Doch vielen Schülerinnen und Schülern fällt das Schreiben schwer. Die Schwierigkeiten beim Schreiben seien vielfältig, sagt Lindauer. Beispielsweise hätten Schülerinnen und Schüler oft Mühe, einen Einstieg zu finden. Kurz: «Sie wissen nicht, wo sie anfangen sollen.» Lindauer plädiert dafür, den Schreibprozess in kleine Schritte zu unterteilen. Die Lehrperson müsse den Prozess genau anleiten und eng begleiten.

Eine im Unterricht beobachtete Schwierigkeit sei etwa der Schritt von der Ideenfindung, zum Beispiel mit einem Mindmap, zur Umsetzung in Text. «Wenn Kinder mit dem Schreiben loslegen, beachten sie das zuvor erstellte Mindmap oft gar nicht mehr», erzählt sie aus einem Forschungsprojekt. Gefundene und schriftlich festgehaltene Ideen müssten darum strukturiert werden.

Ausserdem sei darauf zu achten, dass die Schülerinnen und Schüler die Ideen nur in Stichworten notierten. Das Ausformulieren geschehe idealerweise erst beim eigentlichen Schreiben. Dabei sollen sich die Schülerinnen und Schüler dann bewusst an ihren Notizen orientieren.

Schreiben als sozialer Anlass

Kreativen Ansätzen gegenüber ist Lindauer nicht grundsätzlich abgeneigt. Aber sie betont, dass auch bei entsprechenden Schreibaufgaben Begleitung und Strategien nötig seien. «In kleinen Schritten werden so Erfolgserlebnisse möglich», sagt sie. «Die Schülerinnen und Schüler sollen sich kompetent fühlen können.»

«Die Jugendlichen sollten eine neue Beziehung zum Schreiben gewinnen. Eine, wo es nicht um Bewertung geht»

Für die Motivation im Schreibunterricht empfiehlt Lindauer unter anderem Schreibaufgaben mit sozialer Funktion, welche die Lesenden aktiv miteinbeziehen. Die Schülerinnen und Schüler könnten zum Beispiel Anleitungen für eine Zeichnung verfassen. Diese soll nicht nur geschrieben werden.

Zur Übung gehöre dann ebenfalls, dass die Anleitung von einem Gegenüber gelesen und umgesetzt werde. «Die Schülerinnen und Schüler erhalten dann eine Rückmeldung zu ihrem Text und erkennen, wo die Anleitung nicht klar genug war», erzählt Lindauer. «So erleben sie, wozu ihr Text dient und was er auslöst. Das finden sie toll.»

Kreatives Schreiben in der Schule als Ergänzung

Lina Wilms legt in ihren Kursen ebenfalls Wert auf das Erfolgserlebnis. Diese, betont sie, seien eine Ergänzung zum regulären Schreibunterricht: «Die Jugendlichen sollten eine neue Beziehung zum Schreiben gewinnen. Eine, wo es nicht um Bewertung geht», erzählt sie. Als Schreibtrainerin stehe sie den Jugendlichen zur Seite, ermutige sie zum Ausprobieren und zeige Optionen auf, um Blockaden zu überwinden. «Wenn die Lernenden dann beim Schreiben ihre Kreativität aktivieren können, motiviert dies, mehr zu schreiben.»

Durch diese regelmässigen Übungen trainierten sich die Jugendlichen auch Ausdauer und Konzentration für andere schriftliche Aufgaben an. Die Regelmässigkeit stärke auch ohne formale Erwartungen den sprachlichen Ausdruck und die Orthografie. Da habe sie schon grosse Fortschritte bei Jugendlichen mit Legasthenie erlebt, sagt sie.

Am regelmässigen Schreiben im Unterricht führt indes kein Weg vorbei, wenn Schülerinnen und Schüler den Erwartungen des Lehrplans gerecht werden sollen. Nur so können künftige Generationen Maschinen wie ChatGPT einen Schritt voraus bleiben. Denn: Deren Sprachmodelle schreiben nicht im menschlichen Sinn. Sie rechnen. Also durch das Aneinanderreihen von Spracheinheiten – fernab jeder Kreativität oder kognitiven Leistung. 

So wird das Schreiben kreativ

Dem kreativen Schreiben sind inhaltlich und formal kaum Grenzen gesetzt. Folgende Übungen können je nach Thema, Zielgruppe und persönlicher Lust angewandt werden.

1. Automatisches Schreiben

Ununterbrochen schreiben, ohne zu stoppen, zu korrigieren oder nachzudenken. Eignet sich als Einstieg in eine Lektion oder als Ausklang.

2. Anfangssatz

Einen vorgegebenen Satz oder Halbsatz fortführen und daraus zum Beispiel eine Szene entwickeln.

3. Bildimpuls

Schreiben ausgehend von einem visuellen Impuls oder einer Auswahl an Bildern: Foto, Postkarte oder Gemälde.

4. Geräusche oder Musik

Zu einem Lied, einzelnen Geräuschen oder einer Geräuschkulisse soll ein Text geschrieben werden. Daraus kann eine Szene, Stimmung oder Figur entstehen.

5. Reizwort

Eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben. Darin müssen drei bis fünf vorgegebene Reizwörter enthalten sein.

6. Titelimpuls

Die Lehrperson kreiert einen Titel («Der verlorene Morgen», «Notausgang»), zu dem eine Geschichte entstehen soll.

7. Stil-Transformation

Ein kurzer Text soll in einem anderen Stil erzählt werden, zum Beispiel sachlich, altmodisch oder humorvoll. Dafür eignen sich auch Popsongs oder Informationstexte.

8. Fundobjekt

Zu einem realen oder fiktiven Gegenstand (Fundstück, Flohmarktfund, Tascheninhalt) die Geschichte dahinter verfassen.

9. Andere Perspektive

Ein kurzer Text wird aus einer neuen Perspektive geschrieben. Zum Beispiel aus der Sicht einer anderen Figur in der Geschichte, jener eines Gegenstands oder einer Fliege an der Wand.

10. Schreibwürfel

Jede Zahl eines Würfels ist einem Thema zugeordnet. Die Zahl, die nach dem Würfeln oben liegt, gibt das Thema vor.

Autor
Patricia Dickson

Datum

19.01.2026

Themen