Pädagogik

Was uns Langeweile sagen will

Niemand möchte andere langweilen, schon gar nicht Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler. Experten warnen davor, das lähmende Gefühl mit Musse zu verwechseln.

Kind ruht sich auf einem Stapel Bücher aus.
Dass Langeweile die Kreativität fördere, ist eher ein Mythos. Foto: iStock/Deagreez

Langeweile in der Schule wird oft mit schlechtem Unterricht, unfähigen Lehrpersonen oder desinteressierten Lernenden gleichgesetzt. Egal aus welcher Perspektive das Phänomen betrachtet wird: Sie ist negativ. Ein Langweiler oder eine Langweilerin zu sein, ist nie ein Kompliment, und eine langweilige Lektion ist kein Qualitätsmerkmal. Doch was ist Langeweile überhaupt?

Psychologe John Eastwood, bekannt für seine Forschung im Bereich Langeweile und Autor von «Out of My Skull: The Psychology of Boredom», definiert Langeweile als «unangenehmes Gefühl, eine zufriedenstellende Aktivität ausführen zu wollen, aber nicht zu können». Gemäss Eastwood ist Langeweile also ein Gefühl, das entsteht, wenn man aus irgendeinem Grund nicht tun kann, was man gerne täte. Dabei ist Langeweile unberechenbar; selten linear und äusserst dynamisch. Sie taucht plötzlich auf und kann genauso schnell wieder verschwinden.

Ein wichtiges Signal

Im Schulzimmer zeigt sich Langeweile unterschiedlich: Manche Schülerinnen und Schüler hängen schlaff im Stuhl, andere werden unruhig, kritzeln, stören oder ziehen sich zurück. Die zentrale Frage lautet dann: Sind sie unterfordert? Wanja Wolff, Professor am Institut für Bewegungswissenschaft an der Universität Hamburg, weiss es genauer: «Nicht nur Unterforderung, sondern auch Überforderung kann Langeweile auslösen. Er hat die aktuelle Ausstellung über Langeweile im Vögele Kultur Zentrum in Pfäffikon als wissenschaftlicher Berater begleitet. Er vergleicht Langeweile mit dem Schmerz, wenn man seine Hand auf eine heisse Herdplatte legt. Der Schmerz mache, dass man die Hand sofort zurückzieht. Ähnlich sei es bei der Langeweile. 

«Auch Überforderung kann Langeweile auslösen.»

«Sie ist ein unangenehmes Gefühl, das man möglichst rasch loswerden möchte.» Wolff rät deshalb: «Entscheidend ist die Passung zwischen Anforderungen, Fähigkeiten und wahrgenommenem Sinn einer Aufgabe.» Als Beispiel nennt Wolff die Mathematiklektion. Viele Lernende schalten ab, nicht weil Mathematik langweilig ist, sondern weil die aktuelle Aufgabe zu schnell, zu langsam, zu kompliziert, zu einfach oder zu sinnlos erscheint. Die Passung stimmt nicht. So entsteht Langeweile. 

Die Zeit scheint nur schleppend zu vergehen, die Aufmerksamkeit sinkt auf den Nullpunkt. Man möchte der Situation entkommen. Die gute Nachricht: Langeweile ist nicht schlimm, solange sie nur situativ und temporär aufkommt. Problematisch wird es, wenn sie zur chronischen Empfindung wird. Dann steht sie laut Wolff womöglich in Zusammenhang mit Depressionen oder Angststörungen.

Macht Langeweile kreativ?

Die vielgehörte These, dass Langeweile die Kreativität fördere, ist eher ein Mythos als eine Tatsache. Repräsentative Studien, die Thesen zur Kreativität eindeutig belegen, fehlen. Thomas Götz, Bildungspsychologe an der Universität Wien, gehört zu den grössten Kritikern der sogenannten positiven Langeweile. Er macht in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel im März 2025 unmissverständlich klar: «Langeweile wird völlig zu Unrecht gelobt. Sie ist schädlich und geht mit ungesundem Verhalten einher.» Als Beispiele nennt er Essen aus Langeweile, oder Risikoverhalten bei Jugendlichen, die für den Adrenalinkick S-Bahn surfen, also waghalsige Kletteraktionen auf fahrenden Zügen machen. In der Schule wirke sich Langeweile auf die Leistung aus: «Kinder, die sich langweilen, haben schlechtere Noten.» Denn wer sich langweile, dem fehlten Motivation, Aufmerksamkeit und Einsatz.

Für Götz kann Langeweile im besten Fall Ansporn sein, etwas anderes auszuprobieren. Eine Garantie, dass an die Stelle der gedanklichen Ödnis konstruktive Kreativität rücke, gebe es nicht. Vielmehr könnten auch Störverhalten oder Destruktion nachrücken. Man kann sich natürlich auch fragen, was denn Kreativität ausmacht: Ist ein achtjähriger Schüler, der aus Langeweile die Daunenkissen aufschneidet und das Zimmer in eine fiktive Schneelandschaft verwandelt, kreativ oder eher destruktiv und störend?

Umgang mit der Langeweile

Wenn Langeweile also nichts mit Musse zu tun hat, sollte man wohl die Langeweile vom Nichtstun abgrenzen. Denn freiwilliges Nichtstun kann erholsam und positiv sein. Der Langeweile hingegen möchten Menschen entkommen. Selbst Beschäftigung schützt nicht vor Langeweile: Man kann gestresst und beschäftigt sein und sich dabei langweilen. Langeweile kommt in allen Kulturen und Gesellschaftsschichten vor. Kinder sind davon ebenso betroffen wie Erwachsene. Letztere lernen einfach besser, damit umzugehen: Wer sich als Erwachsener bei der Arbeit langweilt, kann sich einen Kaffee holen, den Ablauf seines Arbeitsprozesses ändern, sich neue Ziele setzen oder den Job kündigen. Im Klassenzimmer fehlen diese Freiheiten. Es bleibt: abschalten, kritzeln oder stören.

Was einleuchtet, langweilt nicht

Das Einfachste wäre es wohl, Langeweile grundsätzlich zu meiden und Abwechslung zu priorisieren. Dies ist laut Sportpsychologe Wanja Wolff jedoch nicht immer empfehlenswert. Er schildert dafür ein Beispiel aus dem Sport: «Es gibt Trainings, die sind langweilig, repetitiv und unangenehm. Sie sind jedoch notwendig, weil dabei bestimmte energetische Prozesse optimiert oder Fertigkeiten angeeignet werden.» Es sei dabei jedoch wichtig, den Sportlerinnen und Sportlern zu erklären, worin der Sinn und der persönliche Nutzen der Einheit liege. Wer verstehe, worum es gehe, sei motivierter und interessierter. Genau gleich funktioniere es beim Lernen.

Man sollte den Nutzen und die Bedeutung einer Aufgabe erkennen können. Dies besagt eine Studie der Universitäten Potsdam und Hamburg, die im November 2025 im «British Journal of Educational Psychology» veröffentlicht wurde. Interesse und ein Bezug des Lernstoffs zur Lebenswelt können demnach Langeweile wirksam reduzieren.

Humor, Enthusiasmus und Analyse

Für den Unterricht bedeutet das: Langeweile ist kein Charakterproblem bei den Lehrpersonen oder den Schülerinnen und Schülern. Sie ist auch keine Boykotterklärung an ein bestimmtes System, sondern ein Signal. Wenn Lernende sich langweilen, lohnt sich das Hinterfragen und die Analyse: Liegt Unterforderung vor? Oder ist es eher eine Überforderung? Scheint die Aufgabe sinnlos oder fehlt etwa der Realitätsbezug? Wanja Wolff empfiehlt einen pragmatischen Umgang mit der Problematik: Man solle Langeweile ernst nehmen, die Ursachen analysieren und den Unterricht so gestalten, dass Passung, Sinn und Interesse möglichst häufig zusammenkommen. Im Idealfall wird Langeweile zu einer konstruktiven Aufforderung, etwas anderes zu tun. Der Bildungspsychologe Thomas Götz kennt zwei weitere Gegenmittel: Humor und Enthusiasmus. Wer Spass hat und sich einsetzt, langweilt sich nicht.

Autor
Christa Wüthrich

Datum

18.05.2026

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