5 Fragen an

«Viele wissen nicht, was das Fach tatsächlich vermittelt»

Hauswirtschaft ist heutzutage im Fach Wirtschaft, Arbeit und Haushalt integriert. Das Fach fördere wichtige Kompetenzen, werde aber immer noch oft unterschätzt, sagt Dozentin Corinne Senn.

Das Fach Wirtschaft, Arbeit und Haushalt leiste einen wichtigen Beitrag zur Allgemeinbildung, ist Corinne Senn überzeugt. Foto: ZVG

Früher waren Wirtschaft, Arbeit und Haushalt auf mehrere Fächer verteilt. Was hat man mit der Zusammenführung in das Sammelfach WAH gewonnen?

CORINNE SENN: Es ist kein Sammelfach, wie Natur und Technik. Anders als beim Vorgängerfach Hauswirtschaft stehen nicht nur Kompetenzen in der Hausarbeit im Vordergrund. Das Fach thematisiert Schnittstellen zwischen individueller Lebensführung, gesellschaftlicher Verantwortung und globalen Herausforderungen. Wichtig dabei sind etwa nachhaltiger Konsum, Ernährung, Gesundheit, Märkte und Handel sowie Arbeitswelten. Das Fach unterstützt Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg in ein selbstständiges und verantwortungsbewusstes Leben: Sie lernen, ihr Denken und Handeln im Alltag zu reflektieren, zu begründen und die Folgen abzuschätzen. Damit leistet WAH einen Beitrag zur Allgemeinbildung.

«WAH hat seine Wurzeln in der Mädchenbildung. Das wirkt bis heute nach.»

Sie sagen, dass der WAH-Unterricht von vielen unterschätzt wird. Woran liegt das?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele wissen nicht, welche Themen das Fach tatsächlich vermittelt, und können deshalb den Nutzen nicht abschätzen. Hinzu kommt die Geschichte: WAH hat seine Wurzeln in der Mädchen- und Frauenbildung und wurde erst 1981 für alle obligatorisch. Fächer mit einem solchen Hintergrund hatten es lange schwer, als gleichwertig anerkannt zu werden – das wirkt bis heute nach. Das zeigt sich auch darin, dass WAH bei Sparmassnahmen oft besonders unter Druck gerät.

Zur Person

Corinne Senn ist Dozentin für Wirtschaftsdidaktik und Didaktik WAH an der pädagogischen Hochschule Fachhochschule Nordwestschweiz.

Viele Kantone packen die berufliche Orientierung in den WAH-Unterricht. Warum finden Sie dies falsch?

Zum Glück sind es nur ein paar wenige Kantone, die berufliche Orientierung (BO) und WAH zusammengeführt haben. Beide Fächer betrachten das Thema Arbeit, allerdings aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. BO fokussiert sich auf die Laufbahnberatung und den Einstieg ins Erwerbsleben. WAH diskutiert die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung von Arbeit. Dabei wird Arbeit als umfassendes Konzept betrachtet, das bezahlte, aber auch unbezahlte Arbeit beinhaltet. Werden die Fächer zusammengelegt, bleibt für weitere zentrale Inhalte von WAH weniger Zeit.

In manchen Kantonen wird WAH erst ab der achten oder gar neunten Klasse unterrichtet. Warum?

Der späte Beginn hat historische Gründe. Vor dem Lehrplan 21 wurde Hauswirtschaft nur in der achten und neunten Klasse unterrichtet. Diese Tradition wirkt in einigen Kantonen bis heute nach. Die empfohlene Stundentafel der Konferenz der Erziehungsdirektorinnen und -direktoren sieht jedoch vor, dass die Kompetenzen in WAH über alle drei Zyklen hinweg aufgebaut werden. In den Zyklen 1 und 2 ist WAH ein integraler Teil von Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG). Im Zyklus 3 wird es ein eigenständiges Fach mit fünf Jahreslektionen, die sich unregelmässig auf drei Schuljahre verteilen können. Aus meiner Sicht sollte WAH da über alle drei Jahre angeboten werden, wie es der Lehrplan 21 vorsieht, damit der Kompetenzaufbau kontinuierlich erfolgen kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des WAH-Unterrichts?

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass der Bildungswert von WAH noch breiter anerkannt wird – und sich dies auch in genügend Unterrichtszeit und guten Rahmenbedingungen zeigt. An der pädagogischen Hochschule begegne ich vielen sehr interessierten Studierenden, die den Bildungswert und die Inhalte des Fachs schätzen. Wenn ich WAH-Unterricht besuche, sehe ich Schülerinnen und Schüler, die sich für die vielen Themen begeistern. Sie müssen diskutieren und abwägen, denn es gibt oft nicht die eine richtige Lösung. So ergibt sich ein lebendiger und alltagsnaher Unterricht. 

Autor
(red)

Datum

16.04.2026

Themen