Interview mit Regisseur

Viel Theater um einen schwulen Lehrer

In seinem Stück «Schwuler Lehrer!» rollt Regisseur Piet Baumgartner die Ereignisse im zürcherischen Pfäffikon auf. Weil konservative Eltern seinen Sexualkundeunterricht kritisierten, wurde einem homosexuellen Lehrer damals gekündigt.

Drei Männer in grauen Hosen und grünweiskarierten Poloshirts stehen auf einer Bühne.
Für das Stück «Schwuler Lehrer!» hat Regisseur Piet Baumgartner mit dem betroffenen Lehrer gesprochen und wollte wissen, was der Vorfall mit ihm gemacht hat. Foto: Theater Neumarkt/Philip Frowein

2024 wurde einem schwulen Lehrer gekündigt, weil konservative Eltern ihn kritisiert hatten. Warum bietet diese Geschichte Stoff für die Bühne?

PIET BAUMGARTNER: Der politische Druck verlagert sich offensichtlich ins Schulzimmer. Lehrpersonen stehen unter grosser Beobachtung. Was an vergangene Zeiten erinnert, wurde mit dem Fall im zürcherischen Pfäffikon wieder hochaktuell. Wenn du queer bist und unterrichtest, musst du dich entscheiden: Stelle ich mich der öffentlichen Diskussion oder halte ich Teile meines Lebens geheim?

Wie gingen Sie bei der Recherche vor?

Wir haben Kontakt zum betroffenen Lehrer erhalten. Ich wollte wissen, was dieser Fall mit ihm gemacht hat. Über ungefähr ein Jahr haben wir uns immer wieder zu Gesprächen getroffen. Was mich am meisten erstaunt hat: Er ist in seinem Sexualkundeunterricht gar nicht gross auf queere Themen eingegangen. Diese waren bloss eine Randnotiz. Die Freikirchen-Eltern sind gegen ihn vorgegangen, weil er ein schwuler Lehrer ist. Ich war überzeugt, dass unsere Gesellschaft weiter ist. Aber wir spüren diesen Rückschritt derzeit überall, siehe Trump und sein imperialistisches Gehabe.

«Ich hätte mir so jemanden als Klassenlehrer gewünscht.»

 In unserer Recherche haben wir auch mit anderen homosexuellen Lehrpersonen, Sexualpädagoginnen und -pädagogen sowie Fachstellen und Personen aus Pfäffikon gesprochen. Die Schulleitung hat ein Gespräch mit uns hingegen abgelehnt und war zu keiner Stellungnahme bereit. Mit dem betroffenen Lehrer haben wir vereinbart, dass er uns seine Sicht des Falls erzählt, wir aber frei sind im Umgang mit den Interviews. Er hatte also keinen Einfluss auf die Umsetzung. 

Wie wirkte der Lehrer auf Sie?

Er wurde entlassen, obwohl er keinen Fehler gemacht hat. Der Lehrer wurde einfach zum Spielball konservativer Kräfte. Sein Sexualkundeunterricht ist keine Frage der Sichtweise, sondern Teil des vorgeschriebenen Lehrplans. Als er uns sein Ohnmachtsgefühl beschrieben hat, kam da noch eine ganz andere Ebene zum Tragen: der Lehrer als Privatperson. Was macht es mit jemandem, wenn man ausgeschlossen wird, nur, weil man so ist, wie man ist? Was mir sehr imponiert hat: Trotz der enormen Belastung, seiner Ausgrenzung und seiner Kündigung habe ich bei ihm keine Bitterkeit gespürt. Ich habe diesen Lehrer als sehr engagierten und begeisterten Pädagogen kennengelernt. Ich hätte mir so jemanden als Klassenlehrer gewünscht.

Zur Person

Piet Baumgartner ist Regisseur und feierte mit dem Stück «EWS» und dem Spielfilm «Bagger Drama» grosse Erfolge. Seit dem 23. Februar ist «Schwuler Lehrer!» am Theater Neumarkt in Zürich zu sehen.

Inwiefern kann das Theater das Geschehene besser verarbeiten als die Medienberichte?

Wir zeigen einen sehr persönlichen Einblick in die Perspektive des betroffenen Lehrers. Der Vorteil von Theater hierbei ist: Wir sind live und verhandeln unmittelbar. In den Zeitungsberichten wurden die Fakten aufgezeigt, wir im Theater können die grossen Fragen stellen: Wie konnte es so weit kommen? Wir zeigen die Entwicklung eines Skandals in all seiner Brutalität und Absurdität und landen bei gesellschaftlichen Fragen. Denn wer entscheidet eigentlich, was Kindern gelehrt wird?

Zu welcher Antwort sind Sie gekommen?

Das wird eine der grossen politischen Fragen der nächsten Jahre. Themen wie der Sexualkundeunterricht haben schon immer gesellschaftlichen Sprengstoff enthalten, diese Diskussion ist nicht neu. Neu sind aber die Instrumente: Medien und insbesondere soziale Medien schaffen sofort eine Öffentlichkeit. Das Korrektiv ist verschwunden. Im Falle von Pfäffikon hat eine sehr kleine Gruppe von sogenannt wertkonservativen Eltern einen sehr grossen Druck erzeugen können. Ich höre bei meiner Recherche immer wieder, dass Eltern Lehrpersonen infrage stellen. Wo liegt die Grenze dessen? Das werden wir als Gesellschaft verhandeln müssen. 

Mehr Aufführungen

Aktuell sind alle Aufführungen von «Schwuler Lehrer» ausverkauft. Auf der Website vom Theater Neumarkt werden am 6. März neue Termine aufgeschaltet.

Autor
(red)

Datum

05.03.2026